08. April 2020

Installation „Der Bevölkerung“ von Hans Haacke im Berliner Reichstag Die Nulllinie des politischen Bewusstseins

Heute würde wohl nur noch die Schwefelpartei dagegen stimmen

von Michael Klonovsky

Artikelbild
Bildquelle: Claudio Divizia / Shutterstock.com Gelungene Allegorie der sich zersetzenden Demokratie: „Der Bevölkerung“ von Hans Haacke im Berliner Reichstag

Worauf der Historiker Egon Flaig die Gesellschaft gründen will, erhellt aus der folgenden Zurückweisung, die ich ihrer entzückenden Schroffheit wegen zur Gänze wiedergebe: „Eine Bevölkerung kann keine Demokratie schultern. Daher ist Hans Haackes Kunstwerk ‚Der Bevölkerung‘ im Parlament des deutschen Volkes eine gelungene Allegorie der sich vollkommen zersetzenden Demokratie. Es konterkariert die Giebelinschrift ‚Dem deutschen Volke‘ über dem Eingang zum Gebäude. Haackes Dreckhaufen ist das beschämendste Zeugnis für die politische Entqualifizierung unseres höchsten verfassungsmäßigen Organs. Der Wahlspruch ‚Der Bevölkerung‘ zeigt die Nulllinie des politischen Bewusstseins an: ‚Bevölkerung‘ ist das Substantiv von ‚bevölkern‘; wir bevölkern also unser Land, aber wir sind kein Volk mehr. Der aufgeschüttete Dreck indiziert, wo unsere politische Kultur steht: Wenn es keine Bürger mehr gibt, dann hört auch das Staatsvolk auf zu existieren. Ein Volk ist ein historisches Subjekt. Unser Grundgesetz macht dieses historische Subjekt politisch handlungsfähig, nämlich als Souverän einer Demokratie – vermittels seiner verfassungsmäßigen Organe. Eine Bevölkerung dagegen ist eine ameisenhafte Agglomeration von Individuen, die miteinander nichts zu tun haben. Sie ist ein rein passives Objekt für Maßnahmen ökonomischer und politischer Steuerung. Mit diesem Namen wurde der Bürgerschaft der Bundesrepublik ihre Qualität, ein Souverän zu sein, semantisch entzogen. Als im März 2000 der Bundestag mit 260 gegen 258 Stimmen beschloss, den Dreckhaufen an der Stelle zu installieren, wo der Souverän dieses Staates seinen Willen bekunden soll, verabschiedete sich die wiedervereinigte Republik symbolisch nicht nur vom Geist des Grundgesetzes, sondern von der Tradition der Demokratie.“

Da ich mich seit einiger Zeit regelmäßig im Reichstagsgebäude herumtreibe, wenn auch gemeinhin nur, um das Restaurant aufzusuchen, laufe ich hin und wieder an diesem „Denkmal“ vorbei, das sich, wie man sagt, nahtlos einfügt in die gesamte Ausgestaltung des Parlaments, die auf jeden positiven Bezug zum Souverän und zu dessen Geschichte verzichtet, abgesehen von den stehengelassenen – das heißt von Obszönitäten und Ähnlichem bereinigten – Inschriften der sowjetischen Weltkriegssieger an den Wänden. Die angeblichen Volksvertreter haben nicht nur das deutsche Kind, sondern auch den deutschen Bürger mit dem nationalsozialistischen Bade ausgeschüttet.

Heute würde wahrscheinlich niemand außer den Abgeordneten der Schwefelpartei gegen den „Dreckhaufen“ im Innenhof stimmen. Das erklärt im Übrigen, warum die AfD von den anderen so maßlos verteufelt wird: Es geht nicht primär um Höcke und die Seinen, das ist nur der willkommene Vorwand; die Angriffe richten sich gegen die Tatsache, dass dort außerdem noch Bürger sitzen, die ihre politischen Mitgestaltungsrechte in Anspruch nehmen, Nichtfunktionäre, Nichtparteikader, Nichtgenormte, die direkt aus ihren Berufen kommen und sogar in ihre Berufe zurückkehren könn‍(t)‍en (man versucht, es mit aller Denunziationskraft zu verhindern; der Preis dafür, seine Bürgerrechte in Anspruch zu nehmen, soll möglichst hoch getrieben werden), denn genau dies ist die Doppelnatur des Bürgers: „Er bewegt sich nicht bloß in der Gesellschaft, sondern auch in der Sphäre des Politischen; privat ist er etwa ein Handwerker oder ein Rechtsanwalt, im politischen Raum agiert er als Angehöriger des Gemeinwesens unter rechtlich Gleichen. Und je autonomer das Politische, desto deutlicher wird der Zwiespalt in diesem Doppelwesen, und desto wirksamer ist dessen Selbstverständnis als Bürger“ (so abermals Flaig).

Dieser Artikel erschien zuerst auf „Acta diurna“.


Artikel bewerten

Artikel teilen

Anzeigen

Kommentare

Die Kommentarfunktion (lesen und schreiben) steht exklusiv Abonnenten der Zeitschrift „eigentümlich frei“ zur Verfügung.

Wenn Sie Abonnent sind und bereits ein Benutzerkonto haben, melden Sie sich bitte an. Wenn Sie noch kein Benutzerkonto haben, nutzen Sie bitte das Registrierungsformular für Abonnenten.

Mit einem ef-Abonnement erhalten Sie zehn Mal im Jahr eine Zeitschrift (print und/oder elektronisch), die anders ist als andere. Dazu können Sie dann auch viele andere exklusive Inhalte lesen und kommentieren.

drucken

Dossier: Demokratie

Mehr von Michael Klonovsky

Über Michael Klonovsky

Anzeige

ef-Einkaufspartner

Unterstützen Sie ef-online, indem Sie Ihren Amazon-Einkauf durch einen Klick auf diesen Linkstarten, oder auf ein Angebot in der unteren Box. Das kostet Sie nichts zusätzlich und hilft uns beim weiteren Ausbau des Angebots.

Anzeige