04. April 2020

Bob Dylans neuer Song „Murder Most Foul“ Grabgesang der Protestkultur

Die Ermordung John F. Kennedys war eine Fußnote der amerikanischen Geschichte

von Stefan Blankertz

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Bildquelle: Rena Schild / Shutterstock.com Gesicht der Protestbewegung und Pfeiler des herrschenden Systems: Bob Dylan (vorne)

Nach acht Jahren präsentiert der Literaturnobelpreisträger Bob Dylan einen neuen Song. 17 Minuten lang. Minimalistisch instrumentalisierter, leiernder Sprechgesang. Thema: die Ermordung von Präsident John F. Kennedy 1963. Genial getextet. Anspielungen auf Zeitgeist, Pop- und Protestkultur, inklusive Selbstzitaten, und, natürlich, auf alle gängigen Verschwörungstheorien, die Dylan so gut kennt, dass ihm kleinste Wortgesten ausreichen, um sie vor dem geistigen Auge erscheinen zu lassen. In seiner unnachahmlichen Art legt er sich, natürlich, nicht darauf fest, welche stimmt oder ob überhaupt eine stimmt. Mafia. Marilyn Monroe. CIA. Vizepräsident und Konkurrent Lyndon B. Johnson. Alle sind schon da.

Zu der ironischen Selbstreferenz, das wirklich Tragische an diesem Lied mit in es hineinzunehmen, dazu ist Dylan nicht fähig; und es wird bisher, soweit ich sehe, auch nirgends thematisiert. „Murder Most Foul“, der schlimmste Mord überhaupt, begangen (wie es am Ende des Liedes angedeutet wird) vom Antichristen persönlich, ist nicht ironisch gemeint, wie es für Dylan durchaus angemessen gewesen wäre.

Bob Dylan ist die Stimme und das Gesicht der Protestbewegung der westlichen Welt, die in den USA keineswegs mit dem Datum 1968 verbunden ist, sondern mit dem Datum 1964, den ersten großen Demonstrationen in Berkeley. Die Jahre 1967 bis 1968 waren in den USA gekennzeichnet von Massendemonstrationen und Ghettoaufständen, das Militär wurde im Inland eingesetzt, das Land stand am Rande des Bürgerkriegs, während zugleich ein wahnsinniger Krieg im fernen Vietnam geführt wurde, der trotz massiven Einsatzes von Soldaten, Material und Technik verlorenging und die Wirtschaft ruinierte. Robert McNamara, der Architekt des Vietnamkriegs, war Verteidigungsminister seit dem Amtsantritt von Kennedy 1961. Die Eskalation des Konflikts hatte bereits begonnen, bevor Kennedy ermordet wurde. Im Inland verkündete Kennedy den Abschied vom amerikanischen Individualismus und den Aufbau eines paternalistischen Wohlfahrtsstaats. Der Vordenker der Neuen Linken in der frühen Zeit der Protestbewegung in den USA, Paul Goodman, nannte das Programm von Kennedy einen „Faschismus der Mitte“. Ayn Rand, die auf der (im amerikanischen politischen Spektrum) rechten Seite die Ideen von Individualismus und Liberalismus aufrechterhielt und damit (gegen ihren Willen) ebenfalls die Protestbewegung anheizte, sprach mit Hinblick auf Kennedy von einem „faschistischen Regieren mittels (Anschein von) Konsens“. Nach der Ermordung von Kennedy wurde sein Vizepräsident Lyndon B. Johnson vereidigt. Johnson führte Kennedys Programm ohne Abstriche fort, sowohl was den Ausbau des Wohlfahrtsstaats betraf, als auch die Eskalation in Vietnam. Dem wohlfahrtsstaatlichen Programm gab er das Label „great society“. Als Mitte der 1960er Jahre der Einfluss von Herbert Marcuseund seinem durch Sigmund Freud und Martin Heidegger verfeinerten Marxismus auf den intellektuellen Teil der Protestbewegung wuchs, machte er die Idee der „great society“ zum Hauptangriffspunkt. Wie Goodman und Ayn Rand sah er in ihr den Triumph der Staatsgewalt über das selbstverantwortliche und sich selbst verwaltende Individuum besiegelt. Was Ayn Rand das „Regieren durch Konsens“ nannte, bezeichnete Marcuse als „Gesellschaft ohne Opposition“, das heißt, alle politisch relevanten Kräfte „ziehen an einem Strang“.

Dass die Geschichte, einschließlich des Vietnamkriegs, wesentlich anders verlaufen wäre, wäre Kennedy nicht ermordet worden, ist höchst unwahrscheinlich. Die Ermordung von Kennedy war ein „Murder Most Foul“ für seine Familie, nicht für USA, nicht für die Welt, sondern bleibt nur eine Fußnote der Geschichte.

Dass die Stimme und das Gesicht der Protestbewegung verkündet, die Ermordung von Kennedy sei ein weltgeschichtlich tragisches Ereignis, weil die Welt oder wenigstens Amerika besser hätte werden können, wäre er weiter Präsident geblieben, ist die Verkündung, dass die Protestbewegung aufgegeben hat und zu einem Pfeiler des herrschenden Systems geworden ist, das zu bekämpfen sie aufgebrochen war.

Murder Most Foul – Der Song

Murder Most Foul – Der Text (mit Erklärungen Zeile für Zeile, Englisch)


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