28. März 2020

RezensionSandra Kostner (Hrsg.): Identitätslinke Läuterungsagenda

Eine Debatte zu ihren Folgen für Migrationsgesellschaften

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Das Buch lässt mich ratlos zurück. Ratlos ob der Theorien, die darin vorgestellt werden. Kostners Definition lautet: „Identitätslinke sind Personen, die sich politisch links verorten, aber statt der klassischen sozialen Gerechtigkeit nunmehr (Opfer ) Identitäten zur Grundlage ihrer Politik machen.“ Und weiter: „Der Hauptfeind ist nicht mehr das Kapital, sondern eine rassistische beziehungsweise sexistische Geisteshaltung.“ Das Buch ist ein Sammelband. Neben dem Impulsbeitrag von Kostner kommentieren zwölf Texte die Thesen im Sinne eines Diskurses. Was aber wollen die Identitätslinken konkret? Es geht ihnen vor allem darum, der „Dominanzgesellschaft“ den Spiegel vorzuhalten, sie auf den Weg der Läuterung zu führen und somit als Anwälte der „Unterdrückten“ aufzutreten. Sie übernehmen sozusagen in Personalunion die Rolle der Ankläger, Richter und Therapeuten. Kostner spricht von Opferentrepreneuren (zum Beispiel Indigene, Migranten, Frauen und LGBTQIA) und von Schuldentrepreneuren, also allen, die nicht zu einer der obengenannten Gruppen gehören, vornehmlich weiße, alte Männer. Kostner erkennt, dass die Bevölkerungsmehrheit dieser Einteilung nur bedingt folgt, und thematisiert dies. Dabei ist sie aber gespalten. Einerseits unterstützt sie den „Kampf“ gegen Rassismus und Sexismus. Andererseits glaubt sie zu erkennen, dass die Identitätslinken einem neuen Rassismus, „den man als Läuterungsrassismus bezeichnen könnte, Vorschub leisten“. Rassismus mit Rassismus bekämpfen? Kostner erkennt aber auch, dass die identitätslinke Politik sich vor allem gegen die liberale, durchlässige Gesellschaftskonzeption richtet. Nicht Chancengleichheit, sondern Ergebnisgleichheit ist das Ziel der Identitätslinken. Bei den Repliken ist besonders Christof Roos zu nennen. Er plädiert mit Will Kymlicka und Charles Larmore dafür, „das liberale Programm um allgemeine Gerechtigkeit in der Einwanderungsgesellschaft zu erneuern“. Was genau er mit „gerecht“ meint, bleibt jedoch ungeklärt.


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Dossier: Literatur

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Ronald K. Haffner

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