18. März 2020

Entwicklungen im Profisport Fußball als Spiegelbild der Gesellschaft

Seelenlose Vereine mit dressierten Spielern und dressiertem Publikum

von Tomasz M. Froelich

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Bildquelle: shutterstock Spiegelbild der Gesellschaft: Fußball

Mein Kindheitstraum war es immer, Fußballprofi zu werden. Nicht, um eines Tages ein sechsstelliges Monatsgehalt zu kassieren, sondern um irgendwann einmal vor großem Publikum auflaufen zu können. Seit meinem ersten Stadionbesuch 1995 im Hamburger Volksparkstadion war ich wie elektrisiert. Die Stadiongesänge, die Emotionen auf den Rängen, der Verein als wichtiger Bestandteil der eigenen Identität, der sicherlich auch eine Art Ersatz für all das war und ist, was seit langer Zeit als Identitätsmerkmal aktiv bekämpft wird, wie etwa die Nation, der Glaube oder gar die Familie. Das übte auf mich kleinen Knirps schon damals große Faszination aus, und das tut es auch bis heute noch.

Für die große Karriere hat es dann doch nicht gereicht, auch wenn ein paar Einsätze in der Regionalliga und eine Nominierung in die polnische U18-Nationalmannschaft sich sicherlich sehen lassen können. Die Faszination am Fußball als Sport, mehr aber noch an der Fußballszene und ihren Subkulturen, ebbte nie ab. Bis heute nicht. Auf dem Platz ging es ruppig zu. Auf den Rängen und außerhalb teils noch ruppiger. Ein Spiegelbild der Gesellschaft, in all ihren Facetten.

Auch heute ist der Fußball ein Spiegelbild der Gesellschaft, und das macht ihn zunehmend unattraktiv. An die Stelle richtiger Typen sind dressierte Fußballprofis getreten, die nach jedem Fußballspiel robotisierte Sprüche klopfen, die man auch in den Glückskeksen eines beliebigen Chinarestaurants finden könnte. Und authentische Pöbeleien auf den Rängen, wie sie früher Standard waren, finden heute weitgehend in einem politisch korrekten Rahmen statt und stehen höchstens noch für das, was man als „konformistische Rebellion“ bezeichnen könnte. Fußballspielern wird der Charakter aberzogen, und man hat zuweilen das Gefühl, dass dies dem Publikum auf den Rängen auch schon widerfahren ist.

Die Ultra-Bewegung ist – oder war? – ein letzter Hort der Rebellion gegen die Vermassung des Fußballs im Massenzeitalter. Weil diese Bewegung grundsätzlich und oft zu Unrecht kriminalisiert und marginalisiert wird, macht sie auf ihre häufig auch fußballpolitischen Anliegen auf provokante Art und Weise aufmerksam, um sich so Gehör zu verschaffen. Oft zugespitzt. Gelegentlich überspitzt.

Zu ihren Hauptanliegen gehört der Widerstand gegen Kollektivstrafen in Stadien und der Kampf gegen die Kommerzialisierung des Fußballs, mit der der Aufstieg von Retortenvereinen zu Lasten von Traditionsvereinen einhergeht. Man muss es nicht begrüßen, dass anstelle des Hamburger SV oder des 1. FC Kaiserslautern die TSG Hoffenheim oder RB Leipzig in der Ersten Bundesliga spielen. Und es ist legitim, für Rahmenbedingungen zu werben, die einen Investorendurchmarsch, wie er bei beiden letztgenannten Vereinen stattfand, erschweren oder gar verunmöglichen. Wie gesagt, man kann, muss dies aber so nicht sehen. Aber legitim ist ein grundsätzlicher Protest gegen derartige Entwicklungen allemal.

Dietmar Hopp steht als Symbol für diese Kommerzialisierung des Fußballs. Er ist deshalb auch oft Schmähgesängen ausgesetzt, die weit unter die Gürtellinie gehen und die er sich nicht gefallen lassen muss. Sie sind infantil bis spätpubertär, und er hat sie nicht verdient – wer sich mit seiner Investorentätigkeit in puncto Fußball kritisch auseinandersetzen möchte, sollte dies auf andere Art und Weise tun, um ernst genommen zu werden.

Nur: Früher hätte man all das und noch viel Übleres problemlos ausgehalten. Die Hysterie, mit der die Debatte um die Causa Hopp neuerdings geführt wird, nimmt surreale Ausmaße an. Und sie steht in keinem Verhältnis zu Entgleisungen der jüngeren Vergangenheit, über die man kaum ein Wort verloren hat.

Wo war denn beispielsweise der Aufschrei, als Anhänger des FC St. Pauli vor kurzem beim Spiel gegen Dynamo Dresden mit Transparenten und Aufklebern die Bombardierung Dresdens bejubelten? Hat da jemand ein „gesamtgesellschaftliches Umdenken“ gefordert? Das war Journalisten kaum eine Zeile wert.

Auch hier ist der Fußball Spiegelbild einer kranken Gesellschaft: Schuldkult in höchster Vollendung, wenn es um die Bombardierung eigener Städte geht. Gleichzeitig: Hysterie und Mimikry bei verbalen Entgleisungen, über die man früher nur geschmunzelt hätte. Am Ende bleiben uns seelenlose Vereine mit dressierten Spielern und dressiertem Publikum. Kennt man alles von der Nationalm... äähhmm... von der „Mannschaft“. „Nationalmannschaft“ darf man neuerdings ja auch nicht mehr sagen.

Dieser Artikel erschien zuerst auf der Facebook-Seite des Autors.


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