14. Oktober 2019

Parlamentswahlen in Polen Der antikulturmarxistische Schutzwall bleibt

Die bisher regierende PiS wurde wiedergewählt, die Konfederacja zog in den Sejm ein

von Tomasz M. Froelich

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Bildquelle: shutterstock Antikulturmarxistischer Schutzwall: Parlamentswahlen in Polen

Während in Polen im Vorfeld die gestrigen Wahlen zum Sejm zu den wichtigsten seit den ersten freien Wahlen nach dem Fall des Eisernen Vorhangs stilisiert wurden, hat die westliche Presse das Thema wochenlang gemieden. Die Gründe hierfür lagen auf der Hand: Der deutliche Sieg der rechtskonservativen PiS war absehbar. Der Sejm-Einzug des neuformierten rechten (im „Tagesschau“-Neusprech „rechtsextremen“) Projekts der Konfederacja, dem Nationalliberale, Rechtslibertäre, Reaktionäre und Nationale angehören, war nicht unwahrscheinlich. Die eingetretene Niederlage der globalistisch-linksliberalen Marionettenparteien des Westens haben die Demoskopen ebenfalls richtig vorhergesagt. Und die bescheidene Rolle der alt‑, post- und neokommunistischen Querfrontpartei ebenso. Polen wird bis auf weiteres der einzige bedeutende europäische Staat bleiben, der sich dem Diktat der Politischen Korrektheit widersetzt. Das schmeckt nicht jedem. Mir schon.

Geradezu abenteuerlich sind die Vorwürfe, die in den letzten Jahren immer wieder gegen Polen ins Feld geführt werden – auf die polnischen Wähler haben sie aus guten Gründen keinen Eindruck gemacht.

Angeblicher Mangel an Rechtsstaatlichkeit

Da beklagt man ständig einen Mangel an Rechtsstaatlichkeit im Zuge der dort angestoßenen Rechtsreform, die zum Ziel hat, saturierte linksliberale und postkommunistische Richterkartelle einer parlamentarischen Kontrolle zu unterziehen, während hierzulande ein CDU-Bundestagsabgeordneter mal eben zum Vizepräsidenten am Bundesverfassungsgericht und zum Vorsitzenden dessen ersten Senats ernannt wird. Ein großer Teil der polnischen Bevölkerung steht hinter dieser Rechtsreform, deren wahre Beweggründe in der ausländischen Berichterstattung kaum erwähnt werden.

Unfreie Presse?

Da beklagen sich westliche Medien über eine angebliche Gleichschaltung der polnischen Medien. Ich empfehle einen Blick auf die größten Zeitungen, Magazine und Fernsehsender des Landes: „Gazeta Wyborcza“, „Fakt“, TVN24 und so weiter – größtenteils private Medien, die im Besitz deutscher, amerikanischer und anderer westlicher Medienkonzerne sind und die in Polen ihr Unwesen treiben. Darunter auch – naturgemäß – Axel Springer. Es ist schon ein Akt heuchlerisch-perfider Dummdreistigkeit, wenn Axel Springer in Polen mit seiner globalistischen Agenda Kasse machen kann und sich zeitgleich im Ausland über mangelnde Pressefreiheit in Polen echauffiert. Faktisch ist es so, dass der Großteil der Mainstreammedien in Polen die linken und linksliberalen Oppositionsparteien unterstützt – von einem Maulkorb für regierungskritische Medien kann keine Rede sein. Umso wichtiger ist es, dass es in Polen neben der milliardenschweren fremdgesteuerten Presse auch noch bedeutende unabhängige Medien gibt, die dort kein durch Tugendterror und Gesinnungsgendarmerie erzwungenes Nischendasein fristen müssen. Von der Medienvielfalt Polens könnten sich die gleichgeschalteten Konsensmedien hierzulande jedenfalls ein ordentliches Portiönchen abschneiden. Aber eine dergestalt kritische Selbstreflexion wäre von Medienclowns wie Claus Kleber, Anja Reschke, dem kleinen Böhmermännlein, Jakob Augstein, Joko und Klaas, Georg Restle und dem Rest der journalistischen Resterampe wohl zu viel erwartet. 

Katholischer Glaube und Identität

Beklagt wird auch die große Rolle der katholischen Kirche in Polen. Es war aber stets die katholische Kirche, die für Polen auch zu Zeiten seiner Teilungen identitätsstiftend und somit – selbst ohne eigenen polnischen Staat – existenzwahrend war. Ihr gegenwärtiger Einfluss auf die Gesellschaft immunisiert das Land gegen die diabolische Propaganda der LGBTQ-Bewegung, die nichts anderes als ein Werkzeug zur Zerschlagung der Familie als Keimzelle der Gesellschaft ist. Und quasi-industrielle Massentötungen ungeborener Kinder zugunsten der von Feministen propagierten „Selbstentfaltung“ der Frau sind kaum ein Thema. In Polen spielt richtige Religion noch eine Rolle, während natürliche spirituelle Bedürfnisse im orientierungslos gewordenen Dekadenzwesten in irgendwelchen Zivilreligionen, Ersatzreligionen und Klimasekten ihren Widerhall finden.

Mit dem zu bedauernden Niedergang der Religionen begann im Westen der Aufstieg der Esoterik, der Ersatzreligionen, des Glaubens an irgendeinen Schrott, der Kulturmarxisten, der Grünen und der Drogen. Das wird einem immer wieder klar, wenn man sich die Bilder vom Hambacher Forst, von den Fridays-for-Future-Zombies, von Extinction Rebellion und so weiter anschaut. In Polen sind derartig gruselige Horrorshows unvorstellbar. Linke Eliten im politisch-medial-edukativen Großkomplex haben über Jahrzehnte hinweg weiten Teilen Westeuropas ihren Selbsterhaltungstrieb durch Verächtlichmachung all dessen, was für ihn notwendig ist, genommen: Christliche Religiosität, Tradition, Heimatliebe, Identität, Marktwirtschaft, Familie. Deswegen können viele das Denken der Polen nicht nachvollziehen. Aber das ist eher ein Problem des Westens, nicht Polens. In Polen geht man immer noch lieber zur sonntäglichen Messe als zum Christopher Street Day. Und das ist auch gut so.

Selbsterhaltung statt Multikulti

Die Polen haben noch so etwas wie einen Selbsterhaltungstrieb. Auch deshalb ist ihre Skepsis gegenüber multikulturellen Gesellschaftsexperimenten, die man ihnen zu oktroyieren versucht, groß. Sie haben begriffen, dass Menschen große Vertrauensvorschüsse brauchen, um im Alltag kooperieren und friedlich zusammenleben zu können, und dass es diese Vertrauensvorschüsse nur dann gibt, wenn man sich auf vertraute Umgebungen, Gepflogenheiten, Traditionen, Sitten und Bräuche verlassen kann. Auf Regeln und Normen, über die allgemeine, unausgesprochene Übereinkunft besteht. Das funktioniert nur in relativ homogenen Gesellschaften, in denen die Bevölkerung davon ausgehen kann, dass die gesetzten Regeln von den Mitmenschen stillschweigend verinnerlicht und Impulse kontrolliert werden. Migration aus inkommensurablen Kulturkreisen erschwert dies – sie sät immer größeres Misstrauen zwischen den Menschen, weil sich die Menschen nicht mehr sicher sein können, ob ihre Regeln, Normen und Auffassungen auch von den Mitmenschen geteilt werden. Man erlebt das im Westen heutzutage in Permanenz. Und die Polen bekommen das natürlich mit und denken sich: Warschau darf nicht Berlin werden. Und deshalb scheren sie sich nicht um Belehrungen aus Brüssel und anderen Machtzentren des Scheiterns.

Die PiS hat‘s verstanden

All das hat die bisher regierende PiS verstanden. Und deshalb wurde sie mit deutlichen Stimmenzuwächsen wiedergewählt. Sie trotzt der Kritik des Westens. Sie bekennt sich zum katholischen Glauben und betont die wichtige Rolle der katholischen Kirche. Sie wendet sich gegen den Multikulturalismus, weil sie versteht, dass ein Mindestmaß an Homogenität Grundvoraussetzung für Ordnung und Freiheit ist. Sie wirkt vor allem nach innen, was die Zusammenarbeit freiheitlich, rechts und patriotisch gesinnter Parteien auf internationalem Parkett erschwert, etwa dann, wenn die PiS mit utopischen Reparationsforderungen gegen Deutschland aufwartet, die zwar ärgerlich, aber häufig entweder ein Reflex auf Brüsseler und Berliner Belehrungen oder eben populistisches Wahlkampfgetöse sind – billig, aber effektiv. Die PiS wird künftig die absolute Mehrheit der Sejm-Abgeordneten stellen.

Konfederacja – das rechtslibertäre Korrektiv

Das bessere Programm für Polen hatte da nur die neuformierte „Konfederacja Wolność i Niepodległośś“ („Konföderation Freiheit und Unabhängigkeit“) – ein libertär-reaktionär-nationaler Gemischtwarenladen mit dem minarcho-monarcho-libertären Exzentriker Janusz Korwin-Mikke, der Hip-Hop-Legende Liroy und einigen jüngeren Polittalenten wie Robert Winnicki, Krzysztof Bosak oder Konrad Berkowicz, die sich unter anderem massive Steuersenkungen, stärkere Elternrechte, den Kampf gegen die LGBTQ-Propaganda, eine starke polnische Armee und eine unabhängige polnische Außenpolitik auf die Fahnen geschrieben haben. Der Einzug der Konfederacja in den Sejm, den sie vor allem jüngeren Wählern zu verdanken hat (über 20 Prozent der 18- bis 29-jährigen Wähler gaben ihr ihre Stimme), ist ein Erfolg der Beharrlichkeit und des Kampfgeistes von Janusz Korwin-Mikke, der über Jahrzehnte stets für seine Ideale warb, dafür oft belächelt und schon lange totgesagt wurde, dann aber ein kluges Bündnis mit nationaleren Kräften einging und nun endlich mit dem Einzug in den Sejm belohnt wurde. Seine Konfederacja wird das passende parlamentarische Korrektiv zur zum Sozialpopulismus neigenden PiS sein. Dies auch wegen ihres pragmatischeren Verhältnisses zu Russland. Die Russophobie der PiS und ihre geopolitische Westorientierung stehen ein wenig im Widerspruch zu ihrem eigenen gesellschaftspolitischen Programm und der gesellschaftspolitischen Agenda des Westens. Aus historischen Gründen mag diese diffus erscheinende Positionierung zwar verständlich sein, aus rechter Sicht ist sie aber anachronistisch. Die Konfederacja wird im Sejm hierfür ein stärkeres Bewusstsein schaffen können.

Der antikulturmarxistische Schutzwall bleibt

Die Frustration westlicher Eliten wird nach dem gestrigen Wahlabend in Polen groß sein: Die Westgrenze Polens wird weiterhin den antikulturmarxistischen Schutzwall markieren. Hoffen wir, dass sich dieser antikulturmarxistische Schutzwall in Zukunft weiter gen Westen verschieben wird. In Mitteldeutschland ist eine erfreuliche Tendenzwende in diese Richtung bereits zu vernehmen.


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