01. September 2019

80. Jahrestag des Angriffs auf die Westerplatte Sterben für Danzig?

Die Heutigen wissen kaum noch etwas von den Gräueln

von Vera Lengsfeld

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Bildquelle: shutterstock In altem und neuem Glanz: Danzig

Danzig präsentierte sich am Vorabend des Jahrestag des Ausbruchs des Zweiten Weltkrieges in alter und neuer Schönheit. Wer heute durch die Straßen geht, die schönen Fassaden bewundert und die Eleganz und Sensibilität, mit der Neubauten in die alte Substanz eingefügt wurden, kann sich nicht vorstellen, wie sehr die Stadt in Trümmern lag. Auch die Heerscharen deutscher Touristen, die durch die Straßen ziehen, scheinen sich wenig um die Geschichte zu kümmern. Sie genießen die Atmosphäre einer Stadt, die weltoffen ist, ohne das ideologisch vor sich herzutragen, das elegante Ambiente der Cafés und Restaurants. Sie fahren mit einem nachgebauten Piratenschiff zur legendären Westerplatte und werfen einen Blick auf das dortige 22 Meter hohe Denkmal, ohne auszusteigen.

Heute, am 1. September, wird hier viel los sein. Bei der deutschen Honorarkonsulin Cornelia Pieper haben sich jede Menge Politiker und Journalisten angemeldet, um an den Gedenkfeierlichkeiten am 1. September teilzunehmen.

Als nach dem Ersten Weltkrieg ein polnischer Nationalstaat wieder erstand, sollte er auch einen Zugang zum Meer erhalten. Dafür wurde der polnische Korridor, der Ostpreußen vom Rest des Reiches abtrennte, eingerichtet. Die überwiegend deutsche Stadt Danzig wurde davon aus ethnischen Gründen ausgenommen und zu einem völkerrechtlich selbständigen Gebilde gemacht, einer vom Völkerbund kontrollierten Freien Stadt. Die Züge, die damals Berlin mit Danzig verbanden, sollen mit verhängten Fenstern durch diesen Korridor gefahren sein.

Der neue polnische Staat orientierte sich an der Großmacht Polen des 18. Jahrhunderts, die am Ende jenes Säkulums durch Dreiteilung zwischen den Nachbarmächten aufgerieben worden war. Er behauptete sich gegenüber der Sowjetunion 1920 in einem Krieg, in dem er die sowjetischen Aggressoren erfolgreich zurückschlug und der ihm im Osten starke ukrainische und weißrussische Minderheiten brachte. Das förderte nicht gerade das Einvernehmen der auch gesellschaftspolitisch unterschiedlichen Systeme.

Im Sommer 1939, während die europäische Jugend an den Stränden sorglos ihre Ferien genoss, verhandelte im Grunde jeder mit jedem: Die Westmächte hielten Kontakte zu Moskau wegen eines Militärbündnisses zum Schutz Polens vor dem Deutschen Reich. Das wurde nur halbherzig betrieben, nicht zuletzt, weil es für die Polen eine Horrorvision war, dass die Rote Armee zum Kampf gegen Deutschland durchs eigene Land ziehen würde. Die Westmächte signalisierten energische Politik im Fall weiterer deutscher Expansion. Sie boten den Deutschen jedoch wirtschaftliche und koloniale Kooperation für Wohlverhalten an – ohne Erfolg.

Im Mai 1939 hatte Marcel Déat in der Zeitung „L’Œuvre“ die französische Debatte auf den Punkt gebracht: „Mourir Pour Dantzig?“ Sollten die Franzosen für den von deutscher Seite geforderten Anschluss der überwiegend deutschsprachigen „Freien Stadt“ an das Reich Krieg führen und sterben?

Nein, das wollten sie nicht. Im August wurde der Hitler-Stalin-Pakt geschlossen und damit das vorläufige Schicksal Polens besiegelt.

Wenn heute Politik und Medien des Ausbruchs des verheerendsten Krieges der Weltgeschichte gedenken, wird wieder klarwerden, welche Macht die Geschichte über uns hat, auch die scheinbar vergessene.

Die Polen haben nichts vergessen. In Danzig gibt es eine große Ausstellung von Porträts, diese zeigen die Verteidiger der Westerplatte. In der Kathedrale von Oliva, der längsten Backsteinkirche der Welt, die mit ihrer wunderbaren Orgel Besucher aus aller Welt anlockt, könnten die Gäste, bevor sie dem täglichen 17-Uhr-Konzert lauschen, sich die Fotos der Geistlichen anschauen, die bis 1940 hier wirkten und dann umgebracht wurden. Tun sie aber nicht, weil das nicht zum Programm der Führungen gehört.

In Zoppot kann man auf der einstmals eleganten Seepromenade, auf der vor dem Zweiten Weltkrieg der polnische Adel prominierte, unter den Touristenscharen auch Damen treffen, die 1945 als Kind hier gewesen sind, auf ihrem Weg nach Gotenhafen, zum letzten Schiff, der „Bukarest“, das noch Flüchtlinge aus Masuren nach Swinemünde brachte. Kurz nach dem Untergang der „Wilhelm Gustloff“ wagten sich noch einmal 7.000 Verzweifelte auf die Ostsee. Das Schiff wurde während der ganzen Fahrt in künstlichen Nebel gehüllt, um es zu verbergen. Ihre Notdurft mussten die Passagiere auf Holzbohlen sitzend auf Deck verrichten, während Matrosen die Ausscheidungen mit Besen in die See beförderten.

Von diesen Gräueln wissen die Heutigen kaum noch etwas. Sie wollen es nicht wissen, oder sie sind sogar der Meinung, dass es keine deutschen Opfer gegeben habe. Dabei hatten die Deutschen, wie die übrige europäische Bevölkerung, in der Politik genauso wenig mitzureden wie heute.

Neben den vielen Touristen sind es heute die polnischen Politiker, Künstler, Journalisten, Unternehmer, die sich in Zoppot ein Stelldichein geben. Wir müssen uns mit dem Anblick von Ministerpräsident Kaczyński als Witzfigur begnügen.

Auf dem Rückweg nach Danzig, immer parallel zum Strand, kommen wir an den sozialistischen Neubaugebieten der 60er und 70er Jahre vorbei. Unter anderem an einer einen Kilometer langen elfstöckigen Wohnschlange für 7.000 Menschen, die in Schachteln von 30 Quadratmetern wohnen. Das ist die Kehrseite vom schönen Danzig. Wenigstens ist die Fassade heute bunt und nicht mehr grau. Ob das zu mehr Wohlbefinden beiträgt, darf bezweifelt werden.

Immerhin kann man von den oberen Etagen das Meer sehen.

Dieser Artikel erschien zuerst auf dem Blog der Autorin.


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