05. Juli 2019

Ausscheiden der deutschen Mannschaft bei der Frauenfußball-WM Sport, Lügen und Video

Die Leute schauen, was ihnen gefällt

von Phil Mehrens

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Bildquelle: Steffen Prößdorf (CC BY-SA 4.0)/Wikimedia Commons Bei der WM ausgeschieden: Deutsche Frauen-Nationalmannschaft

Die deutschen Fußballfrauen sind im WM-Viertelfinale ausgeschieden. Vielleicht wäre die Sache besser ausgegangen, wenn man darauf verzichtet hätte, die DFB-Frauen als Lokomotive an den feministischen Propaganda-Expresszug zu koppeln, der seit einiger Zeit durch Deutschlands Medienlandschaft donnert und alles plattmacht, was sich ihm in den Weg zu stellen wagt.

Keine Frage: Auch Frauen können Fußball spielen und ihr Land international würdig vertreten. Mit der Produktion eines feministischen Propagandavideos, finanziert vom Hauptsponsor Commerzbank, begab sich die deutsche Fußballnationalmannschaft der Frauen jedoch im Vorfeld der WM in Frankreich auf einen Nebenkriegsschauplatz und setzte sich damit unnötig selbst unter Druck. O-Ton: „Wir spielen für eine Nation, die unsere Namen nicht kennt.“ Ein Skandal, so wird genüsslich unterstellt, denn schließlich weiß ja auch jeder, wer Neuer, Kroos und Boateng sind. Dabei haben die DFB-Frauen, wird dem Zuschauer in dem Filmchen genüsslich unter die Nase gerieben, schon viel häufiger einen EM-Pokal mit nach Hause gebracht als ihre männlichen Kollegen. Eine weitere Trophäe, das steht jetzt fest, kommt dieses Jahr nicht dazu. Gegen Schweden fehlte ganz einfach die Qualität, die man für den Einzug in ein WM-Halbfinale benötigt. Man kann sagen, dass der Schuss, der mit dem provokanten Werbefilm in Richtung Zuschauer abgegeben werden sollte, kolossal nach hinten losging. Mit dem Commerzbank-Clip wurde ganz bewusst der Vergleich mit den männlichen Kollegen gesucht und der völlig unsinnige Versuch unternommen, sich in der Männerdomäne Fußball als in jeder Hinsicht ebenbürtig, vielleicht sogar überlegen („acht Mal Europameister“) zu inszenieren. Was macht das mit Frauen, die in ein großes Turnier gehen, wenn unterm Pferdeschwanz irgendwo im Hinterkopf die Erinnerung an die provokante Propaganda eines unsubtilen, um nicht zu sagen: rotzfrechen, Youtube-Videos hängengeblieben ist, das landauf, landab diskutiert wird? „Waren wir da nicht vielleicht ein bisschen zu frech und vorlaut?“, könnte sich zum ungünstigsten Zeitpunkt eine Stimme im Kopf gemeldet haben. „Und was, wenn wir nun früh ausscheiden?“ Dass sich Druck nicht immer positiv auf eine Mannschaft auswirkt, ist spätestens seit Brasiliens Halbfinalniederlage 2014 bei der Männer-WM eine geradezu legendäre Erkenntnis. Ja, auch Frauen reagieren auf Druck. Und wer sich zu weit aus dem Fenster lehnt, kann auch herausfallen. Ausscheiden ist schlimm, aber ausscheiden, nachdem man vorher große Töne gespuckt hat, ist schlimmer.

Und so haben diejenigen, die den Frauenfußball unbedingt für die totale Gleichberechtigung instrumentalisiert sehen wollten, der Mannschaft einen Bärendienst erwiesen. Dass die krude Gleichheitsideologie linker Weltdeuter vor allem in den öffentlich-rechtlichen Redaktionsstuben eine bizarre Tyrannis ausübt, ist seit Eva Hermans Enthüllungsbuch „Das Eva-Prinzip“ kein Geheimnis. Kaum eine „Heute-journal“- oder „Tagesthemen“-Sendung kommt heute noch ohne mindestens einen Beitrag aus, der das Thema Gleichberechtigung wenigstens kurz streift. Und im fiktionalen Bereich ist es nicht besser: Der Frauenanteil unter „Tatort“- und anderen Fernseh-Hauptkommissaren ist eine dreiste Propagandalüge. Er bildet nicht Wirklichkeit ab, sondern das Wunschdenken von Emanzipations- und Gleichstellungsfanatikern, die sich im Fernsehen ungeniert als Feminismus-Krakeeler betätigen. Tatsächlich gilt: „Je höher der Dienstgrad, desto niedriger der Frauenanteil.“ Zwischen den Besoldungsgruppen A 10 und A 13 (ein Hauptkommissar ist A 11 oder A 12), berichtete 2016 die „Westdeutsche Allgemeine“, nimmt er von rund einem Drittel auf 2,08 Prozent ab. Da passt es prima ins Bild, dass das ZDF-„heute-journal“ sich bereitwillig zum Vize-Werbeträger der Commerzbank machte, indem es Ausschnitte aus dem Propagandavideo gleich mehrfach zeigte. Es ging natürlich auch um die eigene Quote. Schließlich hatte man die Übertragungsrechte für die Spiele erworben. Doch auch in Sachen Quote wurde dem Zuschauer nur die halbe Wahrheit präsentiert: Wie der „Spiegel“ berichtete, lagen die Einschaltquoten bei den ersten vier Spielen mit deutscher Beteiligung mit knapp sechs Millionen niedriger als bei der WM vor vier Jahren (über sechs Millionen) und weit unter denen von 2011 mit durchschnittlich 16 Millionen Zuschauern. Abgesehen davon hätte man den Zuschauern den feministischen Belehrungs- und Bekehrungseifer im primitiven Proletenjargon („Wir brauchen keine Eier, wir haben Pferdeschwänze!“) allein deshalb ersparen dürfen, weil beim Frauenfußball seit jeher vor allem Männer zuschauen. Und bei der Männer-WM 2018 schalteten dreimal so viele Frauen das Fernsehgerät ein wie dieses Jahr bei deren weiblichen Kollegen.

Das zeigt: Wer keine Lust hat, Frauenfußball zu schauen, weil ihm dabei die Männer fehlen, dem muss nicht gleich ein Problem mit der Gleichberechtigung unterstellt werden. Es könnte auch daran liegen, dass Männer schneller laufen und schärfer schießen können und dass das dann insgesamt „ästhetischer“ wirkt, wie sich einst Paul Breitner ausdrückte und sich damit viel Schelte einhandelte. Vielleicht kann man auch bei ARD und ZDF mal den Gedanken zulassen, dass bei einer Spielfeldlänge von 100 Metern die natürlichen anatomischen Unterschiede zwischen Mann und Frau, insbesondere die größere Muskelkraft, stärker zur Geltung kommen als etwa beim Handball oder Volleyball mit ihren viel kleineren Feldern.

Und noch mal ganz grundsätzlich: In Deutschland gibt es viele Vereine, in denen Männer und Frauen alle möglichen Arten von Sport ausüben können. Ganz bestimmt gibt in diesem Land Menschen, die stundenlang beim Billard, beim Judo oder beim Hallenhalma zuschauen können. Ich habe sogar schon jemanden getroffen, der das Nachtprogramm des Offenen Kanals Hamburg toll fand: ein Aquarium in Großaufnahme. Die Fische, lobte diese Person, hätten eine unglaublich beruhigende Wirkung. Niemand würde jedoch auf die Idee kommen, für diese Sportarten oder für die beruhigenden Zierfische ein Propagandavideo zu produzieren mit dem Ziel, mangelndes Interesse seitens des Fernsehpublikums als vorurteilsbehaftetes Verhalten zu problematisieren. Aber könnte man natürlich auch machen. Für die Judoka, Billard- und Hallenhalmaspieler wäre das so erzielte Mehr an öffentlicher Beachtung bestimmt schön. Den Fischen wäre es wahrscheinlich egal.

Allerdings weiß ich nicht recht, ob ein Werbefilm, der mir dick aufs Brot schmiert, dass mit meinem Denken etwas nicht stimmen könnte, nur weil mich Hallenhalma nicht interessiert, wirklich geeignet ist, bei mir eine Verhaltensänderung zu bewirken. Ich schalte da eher auf stur. Schließlich bin ich kein Schulkind mehr, dem man noch beibringen muss, an der richtigen Stelle Danke zu sagen und dem Lehrer nicht zu widersprechen, weil der bekanntlich immer klüger ist. Eher stellt sich die Überlegung ein: Wenn die so ein teures Video produzieren müssen, um wahrgenommen zu werden, dann müssen sie es ja ganz schön nötig haben. Etwa so wie Schneewittchens Stiefmutter, die sich sogar von ihrem eigenen Spiegelbild übersehen fühlte und sogleich rabiate Gegenmaßnahmen ergriff.

Scherz beiseite. Die Frage ist doch: Warum schaut die ganze Welt Männerfußball und dreht bei jeder WM fast durch? Die Antwort ist ganz einfach: Die Leute schauen, was ihnen gefällt. Man mag darüber streiten, ob es gerechtfertigt ist, dass mit diesem Sport solche Unsummen von Geld umgesetzt werden. Aber Fußball ist doch nicht so erfolgreich, weil sich irgendwann in einem dunklen Zeitalter, in dem an das Wahlrecht für Frauen noch nicht einmal zu denken war, autoritäre Staatenlenker hingestellt und ex cathedra verfügt haben: So, das ist der Sport, den ihr jetzt alle gucken müsst. Damit können wir viel Geld verdienen, und das ist gut für die Wirtschaft und damit für den Staat und damit für uns alle. Sondern: Fußball ist so erfolgreich aufgrund einer natürlichen Entwicklung, einer nahezu endlos sich steigernden Faszination. Es geht um Kraft, um Heldentum, um reine Freude, blanke Wut, brutale Fouls, rüde Attacken und genauso rüde Gegenattacken, und es geht nicht selten – denkt man an die Trainer, an Auf- und Abstieg – um die nackte Existenz. Jede WM ist für jedes Land die Chance auf den maximalen nationalen Triumph und zugleich das Risiko der maximalen nationalen Schande. Man könnte auch sagen: Der Fußball und seine Helden sind für unsere Zeit das, was die Gladiatoren in den Arenen der Antike waren: Eine erlesene Schar von besonders starken und athletischen Männern trägt einen Kampf aus, bei dem nur einer siegen kann, und sie trägt ihn stellvertretend für die Gesellschaft aus, die ihr dabei zuschaut. Für diese Art von Heldentum, für diesen martialischen Urkampf, sind Frauen einfach nicht geboren. Eine Frau mit der Aura, Athletik, Präsenz eines Cristiano Ronaldo? Gibt es nicht. Das mag sexistisch und diskriminierend klingen, aber in Wahrheit ist es auch nicht sexistischer und diskriminierender als der Umstand, dass mehr Frauen als Männer Hebammen sind. Denn die Entwicklung, die zu dieser unparitätischen beruflichen Wirklichkeit führte, ist genauso natürlich wie die, der es zu verdanken ist, dass Männer- und Frauenfußball in der Wahrnehmung der Menschen, wie gesehen auch der Frauen, so verschieden sind wie Erde und Mond oder – vielleicht passender – wie Mars und Venus. Meines Wissens ist dadurch kein so großer gesellschaftlicher Schaden entstanden, dass er durch Männer-zu-Hebammen-Propagandavideos behoben werden müsste. Eher könnte eine Gesellschaft Schaden nehmen, wenn sich eine Ideologie gegen die Natur stellt, wenn ideologische Dogmen Naturgesetze zu korrigieren versuchen, weil diese ihnen widersprechen. Und deswegen, liebe Fußballfrauen, liebe Commerzbank, liebes öffentlich-rechtliches Fernsehen: Bei der nächsten Frauen-EM bitte auf Fußball setzen statt auf Feminismus. Dann klappt‘s auch wieder mit dem Titel.


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