18. Februar 2020

RezensionWolfgang Sofsky: Macht und Stellvertretung

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Das Buch demaskiert die strukturelle Macht auch in der Staatsform der Demokratie. „Ob Monarchie, Oligarchie oder Demokratie, ob elitäre, bürokratische oder korporative Herrschaft, jede dieser Organisationformen ist eine Herrschaft der Stellvertretung.“ Die Ursache für „schlechte“ Politik oder die Unzufriedenheit der Bevölkerung mit ihren jeweiligen Regierungen liegt eben nicht, wie immer angenommen wird, in Fehlverhalten einzelner Vertreter oder Delegierter. Es ist vielmehr bereits in der Struktur der Stellvertretung begründet. Das Prinzip der Stellvertretung selbst begründet den Machtmissbrauch der Stellvertreter (oder Eliten). Auch eine Revolution ändert daran nichts. Es wird nur die Macht neu verteilt. Der Autor beweist: Auch in der Demokratie geht es den Eliten nicht, wie behauptet, um das große Ganze, sondern lediglich um die Macht, wenn dies auch meist geschickt maskiert wird. Die „Selbstregierung“ der Regierten, also das, was die „Demokratie“ zu sein vorgibt, ist eine Fiktion. „Sie ist eine kollektive Illusion, die aber fortlaufend bekräftigt werden muss, damit die Divergenz der Interessen nicht offen zutage tritt.“ Ein wichtiges Buch, das alle lesen sollten, die selbst Ehrenämter angenommen haben oder auch nur als Angestellte in politischen Organisationen ihr Geld verdienen. Aber vor allem sollten wir alle es lesen und verinnerlichen, die wir meistens nur „Publikum“ sind. Das Publikum ist ein wesentlicher Trumpf im Spiel der Stellvertretung. „Theatrokratie“, diese neue theoretische Bezeichnung und Zusammenfassung der Merkmale aller Herrschaftsformen ist genial, da sie von der Demokratie bis zur Diktatur zur Analyse geeignet ist. Alle Herrschaftsformen können auf theatralische Inszenierung nicht verzichten, wie zum Beispiel „Parteitage“ oder „Volkskongresse“ zeigen. Wenn aber (hoffentlich bald) allgemein bekannt wird, dass Politik nur Theater ist, dann ist es mit der Herrschaft von Menschen über Menschen womöglich vorbei.


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Ronald K. Haffner

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