08. Januar 2020

Zwei Begegnungen Lebenskreise

Angestellt bei der ESA

von Jörg Seidel

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Bildquelle: shutterstock Ein Leben voller Bewegung: Die weltweit gefragte Referentin

Im November saß ich während einer Festveranstaltung neben einer jungen Frau. Taiwanesin, amerikanische Staatsbürgerin, kinderlos und bereits jenseits der hoffnungsguten Jahre. Sie war mit einem deutschen Ingenieur, der gerade in Ungarn arbeitete, liiert. Sie trug schwarze enganliegende Lederhosen, Dr.-Martens-Springerstiefel und eine bronzefarbene metallic glänzende Jacke.

Sie war bei der Europäischen Raumfahrtbehörde ESA angestellt, arbeitete – wie sie mir erzählte – im Blockchain-Business und leitete im Silicon Valley eine Organisation für Frauenrechte. In allen Bereichen ist sie eine weltweit gefragte Referentin – der Google-Check bestätigte die Rede.

An ihrem Handgelenk blinkte immer wieder eine Smartwatch auf, auf der sie geübt herumfingerte. Stand diese still, bediente sie ihr Smartphone. Nur als eine ungarische Trachtengruppe einen alten Tanz aufführte, war sie ein paar Minuten gefesselt: Das war ihr eine neue, ferne, exotische Welt.

An diesem Morgen – es war ein Freitag – war sie in Berlin aufgewacht. Nun saß sie im Süden Ungarns. Kurz zuvor hatte man sie in Budapest am Flughafen abgeholt. Ich konnte eine ihrer Mails mitlesen, die sie an jemanden mit deutschem Namen auf Englisch schrieb. Sie teilte mit, heute und morgen bei ihrem Freund zu bleiben. Am Sonntag fliege sie nach Lissabon, und am Montag komme sie in New York an, wo sie den Mailpartner zu treffen gedenke.

Das sind in vier Tagen 700 plus 2.500 plus 5.500 Kilometer, und natürlich war das nur ein kleiner Ausschnitt aus einem ganzen Leben voller Bewegung.

Zu Weihnachten saß ich mit einem Plauener Proleten, Vater, 40 Jahre Fabrik, die Hälfte davon Schicht, 1.200 Euro Rente schon ausgerechnet, AfD-Wähler, am Wirtshaustisch. Auch er hatte mal bei der ESA gearbeitet – dem Elektroschaltgerätewerk Auerbach. Sein Lebenskreis überschreitet die 20 Kilometer Radius nur sehr selten im Jahr.

Er erzählte mir, auf Vogtländisch, dass er nun nicht mehr weit verreisen werde. Gemeint waren die zwei Wochen Sommerurlaub. Im letzten Jahr war er in Kroatien, die Jahre davor in Ungarn oder Slowenien – mit dem Auto. Fliegen wolle er sowieso nicht. Das gebe nur Ärger und übersteige sein Budget. Wenn irgendwo die Klofrauen streiken würden, dann sei der Urlaub schon im Arsch. Und auch die langen Autofahrten wolle er nicht mehr. Letztes Jahr habe er drei Stunden am Tauerntunnel warten müssen… Und warum in die Ferne schweifen? Zu Hause sei es doch auch schön. Also habe man – erzählte er zufrieden – dieses Jahr zwei Wochen Zingst gebucht, wie in alten Zeiten.

Dieser Artikel erschien zuerst auf „Seidwalk“.


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