30. Dezember 2019

Zum ersten Mal gewinnt eine Frau bei der Darts-WM gegen Männer Der Sherrock-Klub

Warum spielen denn so wenige Frauen Darts oder Schach?

von Jörg Seidel

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Bildquelle: shutterstock Kein Frauensport: Darts

Die Presse hatte sich fast nicht mehr eingekriegt. Zum ersten Mal gewann eine Frau bei der legendären Darts-Weltmeisterschaft ein, dann zwei Spiele gegen Männer. Ihre Siege wurden Weltnachrichten, jeder Pfeil wurde ein „Fanal für Frauenrechte“, wie Billie Jean King schrieb – die Presse nahm den Ton begeistert auf und verstärkte ihn hundertfach. Niemand machte sich bei aller Euphorie, die Fallon Sherrock ganz unrealistisch selbst vom Titel träumen ließ, offenbar Gedanken, wie man den Kategorienfehler zwischen Double Tops und Frauenrechten sinnvollerweise überbrücken könnte. Nur Michael van Gerwen, der wohl beste Spieler aller Zeiten, spuckte in die Suppe und sagte prosaisch, sie habe noch nichts erreicht und: „Ich bin hier, um die WM zu gewinnen, und was auch immer sie tut, ist mir eigentlich egal.“ Damit plädierte er von rechts für jene Normalität, die das Feuilleton von links einforderte.

Nun ist der Traum ausgeträumt. Nach einigen anfänglich herausragenden Finishs in den ersten Sätzen des dritten Matches ging der jungen „Friseurin“ – im Live-TV berichtigte der eine Kommentator den anderen, nachdem der von „Frisörin“ (das sei nicht der korrekte Sprachgebrauch) gesprochen hatte – am Ende die Kraft aus.

Man muss die Frage doch umgekehrt stellen! Nicht die Tatsache des Achtungserfolges sollte Schlagzeilen machen, sondern die Frage, warum es bisher noch keiner Frau gelungen war, in diese Männerdomäne einzubrechen. Gerade das Darts müsste doch eine Sportart sein, in der die gravierenden physischen Geschlechterdifferenzen vergleichsweise gering sein sollten. Man sollte eigentlich einen nahezu paritätischen Zustand erwarten.

In dieser Hinsicht ist das Darts vielleicht am besten mit dem Schach zu vergleichen. Dort jedenfalls wird die Frage seit langem kontrovers diskutiert – zu einem Ergebnis ist man noch nicht gekommen. Genies wie Bobby Fischer oder Garri Kasparow hatten sich despektierlich geäußert. Fischer hielt die Frauen im Vergleich zu den Männern für notorisch unterbelichtet – aber er war selbst kein großer Denker, sieht man vom karierten Brett vor dem Kopf ab –‍, und Kasparow meinte, das Schach liege den Frauen nicht, weil es sich dabei um einen Kampf, einen ewigen Kampf handele, der dem Manne durch die gesamte Menschheitsgeschichte verinnerlicht sei und nur ihm.

Die Frage bleibt in PC-Zeiten vermintes Gelände. Noch 2015 erfreute sich Nigel Short, einst Weltmeisterschaftsherausforderer, eines veritablen Shitstorms, weil er es gewagt hatte, von „verschiedenen Verdrahtungen“ der Gehirne zu sprechen.

Kasparow betritt mit seiner Argumentation eine Spur, die Emanuel Lasker, 27 Jahre Schachweltmeister und Philosoph, einst gelegt hatte. In ausführlichen Untersuchungen widmete er sich dem Kampf als Grundlage alles Seins und konnte diese Theorie natürlich explizit aufs Schach übertragen. Das Kämpferische sei aber nun mal primär Männersache, darin war man sich weitgehend einig – das sei die Natur des Mannes, und seine Geschichte beweise das.

Gustav Schenk, ein philosophisch denkender Schriftsteller, der mit Ernst Jünger ausführlich über Rauschmittel korrespondierte, verfasste eine kleine Schachromanze, die man heute kaum noch verlegen könnte. Darin wollte er einer charmanten Freundin das Schachspiel und in ihm „das Gesetz an sich, das Gesetz schlechthin, das in der menschlichen Natur ebenso herrscht wie im Kristall oder im Aufbau der Welt“ erklären, und just diese Situation – kluger weißer Mann erklärt schöner Frau die Welt – ist heutzutage hochtoxisch geworden. Auch Schenk sah im Kampf etwas Wesentliches, die Geschlechterdifferenz erklärte er allerdings anders: „Die gleichmäßigen, mathematisch genauen 64 Felder des Schachbrettes, die Figuren, die, so verschieden sie in ihrer Gestalt sind, auch verschiedene festgelegte Bahnen einschlagen, müssen für eine Frau doch etwas Verwirrendes und Abschreckendes haben, sonst ist nicht zu erklären, dass so wenige Frauen das Schachspiel regieren.“

Liest man den Gedanken aufmerksam, so enthält er auch eine Anerkennung, denn er unterstellt „der Frau“ eine besondere Befähigung, mit dem Vielfältigen, dem Gleichzeitigen besser umgehen zu können – heute sagt man Multitasking dazu –‍, allein, in dieses Mannigfache schlägt sie selten die schnurgerade Schneise der Logik, und die sei nun mal dem Schach inhärent.

Zu Schenks Zeiten gab es tatsächlich nur wenige Frauen, die bedeutsam Schach spielen konnten. Eine war die Tschechin Vera Menchik, die die Männer fürchteten, denn keiner wollte von einer Frau besiegt werden. Die Verlierer – darunter auch Schachweltmeister Max Euwe – gehörten von nun an zum sogenannten „Menchik-Klub“, und das galt nicht als Kompliment. Dabei war die Zuordnung wenig sinnvoll, denn natürlich kann jeder gegen jeden verlieren, entscheidend ist allein die Frage, mit welcher Wahrscheinlichkeit das geschehen würde, also wie hoch der Anteil von Niederlagen bei einer hohen Spielzahl wäre.

Und das ist auch das Problem des Fallon-Sherrock-Klubs, dem nun bereits zwei Männer angehören. Dass eine gute Spielerin auch gute Spieler schlagen kann, bedeutet gar nichts, vor allem für die „Frauenbewegung“ oder die „Gleichberechtigung“ und dergleichen. Vielmehr deutet das Sensationelle darauf hin, dass Frauen und Männer noch meilenweit voneinander entfernt sind. Sie hatte sich im Hype zu der Aussage verstiegen, dass auch sie die WM gewinnen könne, und damit die Situation vollkommen falsch eingeschätzt. Tatsächlich ist sie noch Lichtjahre von einem Gerwens, Phil Taylor oder Rob Cross entfernt. Und selbst wenn sie es täte, wäre damit nicht viel gewonnen, denn ein einsamer Sieg einer einzelnen Frau ist alles andere als eine Trendwende – es ist eine Bestätigung der Kluft.

Ähnliche Diskussionen gab es im Schach schon lange vorher. Mit Judit Polgár schien in den 90er Jahren endlich eine Frau in der Lage zu sein, mit den Besten der Besten mitzuhalten. Für eine kurze Periode zählte sie zu den Supergroßmeistern, jenen zehn Spitzenspielern, die sich durch das dauernde Spielen gegeneinander das entsprechende hohe Elo-Rating sichern. Man sprach vom Weltmeistertitel, doch kam Polgár – auch wenn sie einige Partien spektakulär gegen Kasparow und die anderen gewinnen konnte – nie in die Nähe der Krone. Dann bekam sie ein Kind, kämpfte sich noch einmal an die Spitze und erklärte wenig später ihren Rücktritt, denn ihr Leben bestehe nicht nur aus Schach.

Damit sprach sie eines der Geheimnisse des Mannes aus. Es gibt viel mehr Männer als Frauen, die sich verbissen nur einer einzigen Sache widmen und alles im Leben beiseitestellen. Man darf diese Tatsache nur nicht einseitig bewerten; man kann das auch als männliches Defizit begreifen. Es ist das, was man im New Age als „männliches Denken“ oder „Patriarchat“ (Rudolf Bahro) bezeichnet hat: linear, logisch, dualistisch, kalt, kompetitiv, rücksichtslos… Ihm haben wir demnach die Zerstörung zu verdanken, aber eben auch die Zeugung, die Kriege, aber auch die Technik, den Fortschritt, aber auch die Philosophie, die Ausrottung, aber auch die Leistung, die Exzellenz. Männer können sich das leisten, unter anderem weil sie von der Erziehung der Kinder biologisch getrennt sind. Die Frau hingegen ist biologisch die Nährsubstanz des neuen Lebens, sie umschließt es in der Regel auch noch lange nach der Geburt, zuerst durch die Muttermilch und ihren Körper, später auch durch Zusprache und Fürsorge, durch die – wie Peter Sloterdijk es nannte – intime Blase oder Sphäre.

Nun wird man entgegenhalten, dass doch auch Fallon Sherrock Mutter sei und überhaupt erst seither zur guten Spielerin wurde. Wer so argumentiert, versteht nicht, dass wir nicht vom Einzelfall sprechen, sondern vom statistischen Mittel und – dass sie noch immer fast nichts geleistet hat.

Die eigentliche Frage lautet also: Warum spielen denn so wenige Frauen Darts oder Schach? Man könnte ja annehmen, dass eine numerische Gleichverteilung zu ganz anderen Proportionen führen müsste. Das ist statistisch auch längst bewiesen. Je mehr Frauen etwa Schach spielen, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass die besten unter ihnen zu den Männern aufschließen können. Wenn sie dann noch ihr Leben mit aller Besessenheit dieser Monokultur widmen, dann dürfte unter einer kritischen Masse auch früher oder später eine weibliche Weltmeisterin zu erwarten sein. Aber auch die – wie gesagt – beweist nichts, denn von Gleichheit könnte erst dann gesprochen werden, wenn jeder zweite Weltmeister eine Frau wäre.

Das aber wird niemand, der diese Zeilen liest, je erleben, Gleichberechtigung hin oder her. Denn warum spielen nicht genauso viele Frauen wie Männer Darts oder Schach, also zwei Sportarten, in denen Frauen fast die gleichen Voraussetzungen haben wie die Männer? (Allerdings übrigens nur dann, wenn man die Spielbedingungen nach unten lockert, wenn man also nicht sieben Stunden Schach spielen oder sieben Sätze gewinnen muss – denn auch hier spielt dann das physische Element eine große Rolle.)

Sie tun es nicht, weil Frauen im Schnitt und durch ihre Sozialisation wie durch ihre Biologie andere Lebensvorstellungen haben als Männer – und wahrscheinlich die besseren.

Wir sollten uns dafür einsetzen, dass das so bleibt. Vielfalt ist hier das Zauberwort.

Dieser Artikel erschien zuerst auf „Seidwalk“.


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