15. Dezember 2019

Gedanken zum Advent Aufruf zu einem anderen Blick

Als wenn ich am Weihnachtstag sterbe

von Felix Honekamp

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Bildquelle: shutterstock Vorbereitung auf das Kommen Jesu: Advent

Es geht auf Weihnachten zu, draußen hat es (ich bin derzeit in Hessen) geschneit, Lichter blinken an den Häusern, dass die Griswolds neidisch werden, in den Supermärkten und Einkaufstempeln dudelt mal wieder „Last Christmas“, wobei man heute lieber „X-mas“ schreibt, weil das zumindest dem deutschsprachigen Leser die Herkunft des Festes noch weiter vernebelt. Und wer jetzt meint, ich sei einer derjenigen, die sich jedes Jahr neu über den kommerziellen Weihnachtshype aufregen… das kann schon sein.

Fest der Liebe

Andererseits ist das immer noch besser, als wenn man in der Öffentlichkeit gar nicht bemerken würde, was da für ein Feiertag kommt. Immerhin gibt es noch Krippen, Engel, und vor allem immer wieder den Hinweis, dass es sich um das Fest der Liebe und des Friedens handele. Okay, „Liebe“ ist ein Wort, das „die Welt“ gekapert hat entweder für Gefühle wie ein generelles Wohlwollen allen gegenüber oder für Sex in allen Spiel- und Abarten. Auch hier muss man also aufpassen, dass man nicht mit dem gleichen Begriff „Liebe“ über völlig unterschiedliche Dinge redet.

Weihnachten ist das Fest der Liebe: der Liebe Gottes zu den Menschen, die sich darin äußert, dass er Mensch wird, um uns aus den Fesseln der Sünde und des Verderbens zu befreien. Es ist eine Liebe, die das eigene Leiden in Kauf nimmt, ohne zu fragen, ob es sich denn lohnt, ob diejenigen, für die ein Opfer gebracht wird, es auch wert sind. Gott hat keine Kosten-Nutzen-Rechnung aufgestellt. Seine Barmherzigkeit übertrifft unsere Vorstellungen bei weitem. Wie man sagen könnte: Wenn du glaubst, Gott – seine Liebe, seine Barmherzigkeit, seine Güte, seine Freude über die Menschen – verstanden zu haben, dann ist er es nicht.

Wann geht die Welt unter?

Gott ist in die Welt gekommen, weil er unser Elend, auch das Elend der Menschen heute, vor allem das geistliche Elend, nicht so stehenlassen konnte. Ein guter Vater lässt seine Tochter und seinen Sohn nicht in einem Drogensumpf untergehen, nur weil die das selbst so entschieden haben. Unser Vater im Himmel zwingt uns zu nichts, aber er wird auch nicht müde, uns Türen zu ihm, zu seinem Herzen zu öffnen, uns beim Weg zu seinem Herzen zu stützen, zu stärken. Und wenn wir „nein“ sagen, dann steht er weiterhin da und wartet wie der barmherzige Vater auf den verlorenen Sohn.

Mich überkommt immer wieder die Überzeugung (das ist zugegeben ein bisschen „Privattheologie“), dass das Ende der Welt vor allem deshalb noch nicht gekommen ist, weil Gott niemanden verlieren will. Und heute bin ich es und morgen ein anderer, der von seinem Weg abweicht, und den Gott – als eines von vielen der 100 Schafe – erst retten will. Wenn immer mal wieder Menschen behaupten, sie wüssten, wann das Ende der Welt kommt, kann ich nur mit Logik antworten: Wenn Gott nicht möchte, dass auch nur einer von uns verlorengeht, dann kann das Ende der Welt erst dann kommen, wenn wir entweder alle heilig sind (oder zumindest rettbar) oder alle unrettbar in unsere Abkehr verloren. Gott hat Zeit, Zeit hat für ihn keine Bedeutung, er kennt das Ende, und wenn das Ende erst in der Unendlichkeit da sein wird, dann ist das für ihn immer noch jetzt.

Advent: Als wenn ich am Weihnachtstag sterbe

Aber mein Ende wird sicher irgendwann kommen. Da ist ein Gedanke wichtig, den ich letztlich von einem amerikanischen Priester (Father Mike Schmitz, zu finden bei Youtube) aufgeschnappt habe. Das Ende der Welt ist für uns dann gekommen, wenn wir sterben. Dann fällt die Unendlichkeit zusammen mit dem Ende, dann stehe ich vor dem Schöpfer. Wenn umgekehrt Advent nicht nur eine Vorbereitung auf das Weihnachtsfest ist, sondern auch das Warten auf das zweite Kommen Jesu bewusst macht, warum dann nicht einfach davon ausgehen, dass ich am Weihnachtstag tatsächlich Jesus gegenüberstehe? Warum nicht den Advent so gestalten, als wenn ich am Weihnachtstag sterbe und Jesus gegenübertrete?

Dem einen oder anderen mag das morbide erscheinen, will man sich doch gerade zu Weihnachten mit der Frage nach dem Tod – dem eigenen oder dem seiner Lieben – am liebsten gar nicht auseinandersetzen. Aber als Christ kann man, ja muss man dem Tod doch positiv entgegensehen: Ich darf Jesus schauen… ich muss ihm allerdings auch in die Augen schauen, und vielleicht fürchte ich mich vor dem, was ich dort sehe: mich selbst in Jesu Augen gespiegelt, mit all den Verschmutzungen, die die Sünde in meinem Leben hinterlassen hat. Aber ich bin sicher, dass bei ehrlichem Bemühen ich dort eben auch ganz viel Mitleid, Barmherzigkeit… eben Liebe sehen werde.

Mich selbst mit den Augen Gottes sehen

Auch das ist eine Möglichkeit, den Advent zu gestalten, sich auf Weihnachten, auf das Kommen Jesu vorzubereiten (auch diesen Tipp habe ich von einem Priester, ich darf mich also dieser Weisheit nicht selbst rühmen): Ich kann mich fragen, wie Jesus mich eigentlich sieht, mit welchen Augen Gott auf mich schaut. Dabei darf ich zuversichtlich sein, dass ich in Gottes Augen Liebe sehen werde. Aber bin ich auch zuversichtlich, glaube ich, dass Gott mich nicht nur wie ein Philanthrop liebt, sondern mich wirklich ganz persönlich liebt, oder – wie es der Priester ausgedrückt hat: „Ich weiß, dass Gott mich liebt, aber mag er mich auch?“

Und mit diesem Blick Gottes, den ich mir zu eigen zu machen versuche, kann ich dann auf mein Leben schauen: Mit Liebe, aber auch mit Sorge um mich, mit Mitleid zu mir, mit der Notwendigkeit von Barmherzigkeit. Diesen Blick in den Spiegel, den Blick auf mich selbst durch die Augen Jesu, den kann ich üben. Ich bin überzeugt, das wird auch die Beziehung zwischen Jesus und mir, zwischen meinem Vater im Himmel, Abba, und mir, auf eine andere Ebene bringen. Dann sehe ich eben nicht mehr den gefährlichen Richter, den unzufriedenen Controller oder den drohenden Polizisten, sondern den liebenden, barmherzigen, tröstenden und rettenden Vater. Den Vater, der mich liebt, mich mag, mich mit Sorge ansieht, wenn ich mein Leben in die falsche Richtung lenke, aber vor allem mit Stolz für jeden Schritt in die richtige Richtung.

Den Nächsten mit den Augen Gottes sehen

Wenn es mir im verbleibenden Advent gelingt, diesen Blick zu spüren, mich zu sehen, wie Gott mich sieht, wenn es mir gelingt, mich selbst mit den Augen Gottes zu sehen, und sich daraus eben keine Angst oder Unzufriedenheit, sondern Ansporn und Stolz, vielleicht ein wenig Sorge, ergibt, dann kann ich mit diesem Blick auch auf meinen Nächsten schauen, auf meine Familie, meine Freunde, meine Kollegen… und natürlich auch auf die, die ich nicht mag, die ich nicht verstehe oder deren Weg ich für grundsätzlich falsch halte.

„Liebe, und dann tu, was du willst“, dieser Satz des heiligen Augustinus ist insofern ein weihnachtlicher Satz: Gott liebt uns, und aus dieser Liebe heraus kann ich besser verstehen, warum Jesus geboren ist und warum manches in meinem Leben so ist, wie es ist. Und mit dieser Erwartung, mit diesem Blick schaue ich auf andere in meinem Umfeld. Dann wird Weihnachten wirklich ein Fest der Liebe.

Dieser Artikel erschien zuerst auf dem „Papsttreuen Blog“.


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