12. Dezember 2019

Reaktionen auf die Tötung eines Feuerwehrmanns in Augsburg Die Messer-Falle

Erst wird eine These gebastelt und danach nach Beweisen gesucht

von Jörg Seidel

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Bildquelle: shutterstock Tatverdächtige: Welche Merkmale sind signifikant?

Die folgenden Zeilen werden nicht allen meiner Leser gefallen – ein Grund mehr, sie zu schreiben.

Gerade erhitzen sich die Gemüter über den Vorfall in Augsburg. Ein „Feuerwehrmann“ – über diese Identitätszuschreibung könnte man auch mal nachdenken – wurde von einem 17-jährigen „Deutschen“ mit türkischem und libanesischem Pass – hat er zudem einen deutschen Pass? – durch einen Schlag an den Kopf getötet. Der Mann – vielleicht wird hier der „Feuerwehrmann“ tatsächlich signifikant – hatte zuvor eine Gruppe grölender Jugendlicher gebeten, ruhiger zu sein. Das war mutig, das war brav – und im Nachhinein auch ein wenig leichtsinnig.

Augenblicklich begann die Schlacht um die Deutungshoheit. Die rechte Vernunft, um die es hier geht, verstieg sich sofort zur Beweisthese: Einwanderung tötet, Migration tötet, Multikulti tötet… entlang dieser Linie.

Diese Argumentation ist leider sehr unvernünftig und gefährlich dazu. Sie betreibt einen kruden Vulgärverifikationismus, der danach schreit, widerlegt und lächerlich gemacht zu werden. Im Falle der Münchner Messerattacke auf einen Polizisten hat das die Polizei gerade vorgeführt und eine lokale AfD-Politikerin richtig schön nass gemacht. Trittbretthassern wie Hasnain Kazim vom „Spiegel“, der aus den Dummheiten und Auswürfen aus der rechten Blase ein Geschäftsmodell gemacht hat, gönnt man damit einen weiteren Triumph – auch sein Buch „Post von Karlheinz“ ist ein Triumphbuch.

Wer sich eine apriorische These bastelt und erst danach nach Beweisen sucht, steigt aus dem Kreis der Kritik aus, die sich zuallererst gegen sich selbst zu richten hat. Dass die Kazims dieser Welt den gleichen Fehler mit umgekehrtem Vorzeichen begehen, macht ihn nicht akzeptabler.

Nicht nur die Methode ist entscheidend, sondern auch die Bereitschaft, zu differenzieren. Insofern ist jeder einzelne Fall tatsächlich zuerst einmal ein „Einzelfall“ und als solcher zu behandeln. Erst wenn man die Hintergründe vieler „Einzelfälle“ kennt, kann man nach Gemeinsamkeiten suchen, und zwar solchen, die signifikant sind. Vermutlich hatten die meisten Täter Jeanshosen an, aber niemand käme auf die Idee, von den Messerjeanshosenträgern („Messermänner“) zu sprechen.

Sollte Ethnie eine relevante Größe sein, ist das zu beweisen. Man kann das in mehrfacher Form tun. Zum einen kann man aus erfahrungs- und geschichtsbasierten Tatsachen zu gewissen Schlüssen kommen. Wenn etwa junge Männer in großer Zahl in einem Wertekanon aufwachsen, in dem Gewalt ein probates Mittel zur Konfliktlösung ist, in dem es ein außergewöhnlich hohes Clan- oder sonstiges Zusammengehörigkeitsgefühl gibt, in dem ein strikteres Frauenbild vorherrscht, in dem eine Machokultur erlernt wird, in dem die „Ehre“ anders als im deutschen Umfeld verstanden wird und so weiter, dann kann man daraus eine gewisse Wahrscheinlichkeit erschließen, dass es in bestimmten Situationen statistisch signifikant zu anderen Reaktionen kommen könnte als unter der deutschen Vergleichsgruppe.

Das bleibt allerdings nur eine Hypothese, die nun erst bestätigt werden muss. Vulgäre Verifikation oder das gezielte Suchen von einzelnen Belegen führt dabei oft in eine Sackgasse. Wichtig ist auch die statistische Relevanz. Persönliche Erfahrungen können hilfreich sein, wenn sie signifikant sind – als Orientierung –‍, aber man sollte seinen eigenen Erfahrungen trotzdem skeptisch gegenüberstehen.

Entscheidend kann nämlich nie der Einzelfall sein, sondern immer nur die Summe. Das ist leider ohne viel Arbeit und in kurzen Zeiträumen nicht zu leisten. Jeder Einzelfall hat seine individuelle Geschichte, die man aufdröseln muss, um ihn einer Kategorie zuzuordnen.

Um es kurz zu machen: Nicht am Anfang, nicht als These hat die Verallgemeinerung zu stehen, sondern am Ende. Induktives und deduktives Denken haben Hand in Hand zu gehen, aber die Induktion bleibt primär, die Deduktion – sie krankt immer an der Fallibilität ihrer Ausgangsregel – bietet sich nur bei Reihenuntersuchungen an. Die Ergebnisse müssen dann der Falsifikation unterzogen werden, also der gezielten Suche nach Gegenbeispielen. Hilfreich und vermittelnd kann die Abduktion wirken, die ein höheres intuitives Element enthält und also ein versuchender Schluss ist, in der Resultat und Regel kombiniert werden.

Wir dürfen auch nicht vergessen, dass die statistische Signifikanz nicht automatisch Stoff zur Wahrscheinlichkeitsdramatisierung gibt. Auch wenn es eine steigende Zahl an derartigen Vorfällen gibt und auch wenn diese mit Migration und/oder misslungener Integration zusammenhängt, ist die individuelle Wahrscheinlichkeit – sofern man nicht sichtbar zu Risikogruppen gehört –‍, Opfer einer solchen Tat zu werden, noch immer extrem gering, wenn auch höher als noch vor einigen Jahren. Umgekehrt bedeutet das, dass unter allen möglichen Migranten statistisch nur ein geringer Teil – der höher ist als in der deutschen Vergleichsgruppe – diese Taten begeht. Es besteht kein Grund zu Verallgemeinerungen im subjektiven Bereich.

Etwas anders liegt der Fall aus der Sicht der Opfer von neu migrierten Tätern, denn hier bleibt die Tatsache bestehen, dass es dieses konkreten Opfer nicht gegeben hätte, hätte der Täter nicht in den letzten Jahren durch eine verfehlte Einwanderungspolitik das Land betreten. Bei diesen konkreten Opfern kann man natürlich auch die Politik unmittelbar in die Verantwortungskette einbeziehen. Hier wäre sogar die Frage der juristischen Kompetenz angebracht.

Bei schon länger hier lebenden oder gar hier geborenen Tätern ist hingegen die direkte Schuldzuschreibung schwieriger. Bei einem 17-Jährigen, der in Deutschland geboren wurde und wohl de facto und de jure auch Deutscher ist, kann obiges Kriterium nur noch schwer begründet werden, denn dann begäbe man sich auf eine schiefe Ebene, in deren Verlauf jeder Straftäter nach „nicht-deutschen“ Vorfahren abgesucht werden könnte. Man muss stattdessen der Gesellschaft über die Länge der Zeit eine bestimmte Sozialisierungsfunktion zugestehen.

Im Augsburger Fall ist also nicht nur das Herkommen des Täters nur schwer signifikant einzuordnen, die Tat selbst enthält auch starke Elemente des Zufalls, oder, mit einem anderen Wort, des Unfalls. Er hat Potential für ein falsifikatorisches Gegenbeispiel. Ein Schlag kann töten, aber er tut das nur selten. Man wird dem Schläger – sofern nicht anders bewiesen, etwa durch eine Äußerung oder durch die Kenntnis einer spezifisch tödlichen Schlagtechnik – wohl nur schwer eine Tötungsabsicht unterstellen können. Das unterscheidet ihn gravierend von Messerattacken auf den Torso. Der Fall eignet sich – soweit die Informationen reichen – noch nicht mal gut für ein verkehrtes verifikationistisches Herangehen.

Wofür der Fall tatsächlich taugt, ist, die moralinsaure Rede von der Zivilcourage ad absurdum zu führen. In einer mehr und mehr zusammenhanglosen Gesellschaft, in der sich immer mehr soziale, ethnische, kulturelle und subkulturelle, weltanschauliche, geschlechtliche, generationelle, sprachliche… Gruppen antagonistisch oder fremd gegenüberstehen und in verschiedenen Lebens- und Wertewelten leben, wird ordnendes Eingreifen bei Verstößen – gegen welche Regeln eigentlich noch? – mehr und mehr zum Risikofaktor.

Dass die Tatsache der Einwanderung und der missglückten Integration dabei eine signifikante Rolle spielt, darauf weisen alle Schlussverfahren und Statistiken überzeugend hin.

Dieser Artikel erschien zuerst auf „Seidwalk“.


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