09. Dezember 2019

Trickbetrüger in Berlin Was ich nicht verstehe

Der Polizeiwagen wird nicht beachtet

von Jörg Seidel

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Bildquelle: P Gregory / Shutterstock.com Die Trickbetrüger lassen sich nicht stören: Polizei am Brandenburger Tor

Zu meinem großen Erstaunen wiederholte sich in Berlin eine Geschichte aus dem letzten Jahr. Kaum am Brandenburger Tor angekommen, fiel mir eine Gruppe sehr junger Menschen auf, teilweise noch pubertär, die sich unter einem Hauseingang an der seitlich gelegenen Ebertstraße trafen und rege diskutierten. Physiognomie und Teint vereinten sie und machten sie zu einer Ethnie und Kultur zugehörig identifizierbar. Sie hielten Zettel und Stift in der Hand, schwärmten dann aus.

Auf dem Vordruck wurde für eine Wohlfahrtsorganisation geworben, die Taubstummen – als bedauernswerten Menschen – zu helfen vorgab. In Zweiertrupps gingen sie umher und sprachen gezielt Touristen an. Falsch: Sie sprachen die Gäste der Stadt nicht an, sondern sie hielten ihnen einfach das Blatt vors Gesicht, darauf stand in zwei Sprachen, mit unsäglichen Fehlern versehen, das Anliegen: Deutsch, Englisch – Romani fehlte. Sie falteten die Hände vor dem Gesicht und bedankten sich schweigend mit Kusshänden bei den solidarischen Menschen, die ihre Unterschrift nicht verwehren wollten.

Die Leute reagierten meist unsicher, aber sie wurden emotional überrumpelt. Arme taubstumme Kinder standen vor ihnen und baten um eine Unterschrift. Wer sagt da nein? Als die Touristen weitergehen wollten, stellten sich die Bedürftigen ihnen in den Weg und baten mit bettelnder Geste um einen Obolus. Einige der Fremden weigerten sich nun, aber häufiger sah man sie das Portemonnaie zücken.

Hier schritt ich ein, trat zu der Gruppe hinzu und sagte: „I don‘t recommend doing this. It is a con trick“. („Ich empfehle nicht, dies zu tun. Es handelt sich um Trickbetrug.“) Nun waren sie vollkommen verunsichert: Wer war jetzt der Böse? Also erklärte ich es in zwei, drei Sätzen. Sie wollten mir nicht glauben, aber die jungen Leute hatten bereits begriffen, gingen weiter und begannen, mich in ihrer Heimatsprache zu beschimpfen. „You see? You hear?“ („Sehen Sie? Hören Sie?“), sagte ich lächelnd und bekam ein erleichtertes „Thank you“ zurück. Verunsichert, sich permanent über die Schulter schauend, kopfschüttelnd, gingen sie weiter. Dieser Eindruck von Berlin wird bleiben.

Das machte ich zwei Mal, danach versammelten sich die circa 15 Jugendlichen und begleiteten mich mit bösen Blicken. Ich ging weiter, schließlich kann ein Einzelner nicht alle leichtgläubigen Touris der Welt vor Betrug bewahren.

Was ich nicht verstehe: Vor einem Jahr bin ich fast selbst auf diesen Trick hereingefallen. Damals standen immerhin noch Informationstafeln der Polizei herum – wenn auch schwer sichtbar –‍, die exakt davor warnten. Ein Jahr später davon keine Spur. Zwar fuhren in der Viertelstunde gleich mehrmals Polizeiwagen vorbei, die schienen aber eher an einem Empfang im Hotel Adlon interessiert zu sein und beschäftigten die Gruppe in keinster Weise. Ein Polizeiwagen wurde von ihnen nicht beachtet – das sagt einiges über die Lage.

Am vielleicht berühmtesten Flecken Berlins, den mutmaßlich kaum einer der Hunderttausenden Touristen aus aller Welt nicht irgendwann besichtigt, wird es über einen Zeitraum von über einem Jahr zugelassen, dass organisierte Kriminelle die Gäste der Stadt systematisch bestehlen und betrügen können. Dabei wäre es – wie mein kleines Experiment gezeigt hat – ein Kinderleichtes, dem Spielchen einen Riegel vorzuschieben. Es bräuchte eine Handvoll Zivilfahnder, die wären eine halbe Stunde dort beschäftigt, und man hätte die ganze Mannschaft dingfest machen können, entsprechend sanktionieren und bei Wiederholung das Ganze einen Zahn schärfer… und schon wäre Berlin an seinem Prestigeplatz die Plage los.

Wenn eine Stadt wie Berlin diese Kraft nicht aufbringen kann, dann muss man Methode dahinter vermuten.

Dieser Artikel erschien zuerst auf „Seidwalk“.


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