07. Dezember 2019

Der November 2019 in Ridley Scotts Meisterwerk und in der Realität „Blade Runner“ ist jetzt! Oder nicht?

Wer lebt hier eigentlich in einer Dystopie?

von Maximilian Kneller

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Bildquelle: Kraft74 / Shutterstock.com Beschrieb den November 2019 treffend: „Blade Runner“

November 2019. Den gab es vor 37 Jahren schon einmal. In Ridley Scotts bekanntem Meisterwerk „Blade Runner“ erleben wir das Los Angeles einer damals fernen Zukunft. Im Jahr 1982 wollte dies kaum einer sehen, der Film wurde an der Kinokasse zum Flop. Die zeitgenössischen Kritiker waren gespalten: Einige lobten den Film als visionär und künstlerisch wertvoll, andere fanden die Handlung einfallslos, langgezogen, den Film selbst ambitioniert, die Umsetzung aber nur mäßig. Erst einige Jahre später entwickelte der Film eine hartnäckige Fangemeinde. Heute gilt er als Kultfilm.

Was aber passiert überhaupt im November 2019, wenn es nach Ridley Scott im Jahr 1982 ging?

Technisch malt er ein ambitioniertes, aus heutiger Sicht leider zum Teil illusorisches Zukunftsbild: Fliegende Autos, die Menschheit als multiplanetare Zivilisation mit Kolonien auf dem Mars und nicht zuletzt Replikanten, durch den Menschen geschaffene humanoide Roboter. Diese bilden auch den Kern der Handlung. Eigentlich zum Nutzen der Menschheit gedacht, entwickeln sie ein bedrohliches Eigenleben, töten häufig ihre menschlichen Besitzer und fliehen dann – auch auf die Erde, um sich dort zu verstecken. Da sie dem Menschen immer ähnlicher werden, braucht es eine spezielle Polizeieinheit, sogenannte Blade Runner, die die Replikanten mittels eines Empathie-Tests ausfindig macht und „in den Ruhestand versetzt“, was ein bewusst gewählter Euphemismus ist. Einer dieser Blade Runner ist Rick Deckard, gespielt von Harrison Ford. Rick Deckard ist allein. Seine Ex-Frau lebt, gemeinsam mit dem neuen Mann, auf dem Mars. Im „Final Cut“, der heute häufig gezeigten Version des Films, erfährt man dies nicht, da die Erzählerstimme hier herausgeschnitten wurde.

Generell, so scheint es, ist der Final Cut die reifere Version des Films. Die Kunst des Weglassens wird hier praktiziert. Statt langer, erklärender Dia- oder Monologe wird vieles der Vorstellungskraft des Zuschauers überlassen. Die Welt, die man in „Blade Runner“ sieht, ist jedoch derart vielschichtig, derart komplex und in ihren Feinheiten derart greifbar wie bei vermutlich keinem anderen Film dieses Genres. Während sich ein heutiger Science-Fiction-Film häufig nicht durch Inszenierung, sondern eher durch viel Action, coole Sprüche und eine Handlung, die man auch Popcorn-schmatzend nachvollziehen kann, auszeichnet, ist „Blade Runner“ das Gegenteil von alledem. Im Jahr 2019 bedeutet ein Sci-Fi-Film vor allem viele CGI-Effekte. Man kann sie gut mit einer Waschmaschine vergleichen: Die ganze Zeit passiert irgendwas, es geht drunter und drüber und häufig zu schnell, um alles zu sehen, aber man kann sie gut laufenlassen, wenn man nebenbei den Haushalt macht.

Die Welt von „Blade Runner“ ist dagegen völlig entschleunigt. Man blickt direkt zu Beginn auf eine endlos scheinende Hadeslandschaft, die nur symbolisch von den riesigen, pyramidenförmigen Hochhäusern der Tyrell Corporation, dem Konzern, der die Replikanten produziert, überragt wird. „Menschlicher als der Mensch“ ist sein Werbespruch, was auf traurige Weise Realität geworden zu sein scheint. Der von Vangelis produzierte Soundtrack greift das bildliche Motiv perfekt auf und setzt es um. Einsamkeit, Ungewissheit, Anonymität, all diese Empfindungen des Protagonisten werden förmlich greifbar. Das Szenenbild wurde noch aufwendig handwerklich modelliert und nicht am Computer entworfen, was vermutlich ein weiterer Grund für die Entschleunigung ist.

Weshalb ist der Film bis zum heutigen Tag ein solches Faszinosum? Man könnte dies schlicht mit seiner Andersartigkeit erklären. Auch zur damaligen Zeit war Sci-Fi eher für Familien ausgelegt („E.T.“, „Star Wars“) oder für den Erwachsenen mit Hang zur einfachen Handlung („Terminator“). „Blade Runner“ gleicht eher „2001: Odyssee im Weltraum“, was die Erzählweise angeht. Er zeichnet jedoch kein positives Bild der Zukunft; wenn auch die Technik fortschrittlich ist, so ist der Mensch in ihr fast untergegangen. Die Erde ist nuklear verseucht, die Menschen größtenteils ausgewandert. Die Zurückgelassenen fristen ein einsames Dasein in vollständiger Anonymität. Ironischerweise sind es die Replikanten, die sich menschlicher verhalten als der Mensch. Während die Menschen sich apathisch ihrem Schicksal ergeben, streben die Replikanten nach Freiheit, längerem Leben (die Lebenserwartung beträgt vier Jahre) und persönlichem Glück. In seinem berühmten Monolog bringt der Replikant Roy Batty dies zum Ende des Films auf den Punkt. Kurz zuvor hatte er Rick Deckard in einem Akt finaler Gnade das Leben gerettet. „All diese Momente werden verloren sein in der Zeit, so wie Tränen im Regen.“

Die Romanvorlage von Philip K. Dick, „Träumen Androiden von elektrischen Schafen?“ ist, im Gegensatz zu manch anderer Buchverfilmung, liebevoll aufgegriffen worden. Sie gibt dem Film ein literarisches Fundament, das diesen als in sich geschlossene Welt wirken lässt. Von den auch im Buch erwähnten Kolonien auf dem Mars sieht man im Film nichts. Dem Noir-Film wäre zu viel seiner atmosphärischen Dichte verlorengegangen. Die dauerhafte Dunkelheit, in die nur die Werbetafeln leuchten, das ruhelose Treiben einer ethnisch fragmentierten, individualisierten Gesellschaft am Grund, all dies lässt sich auch in den Großstädten des realen 2019 beobachten. Dafür gibt es keine Marskolonie, keine Replikanten und keine fliegenden Autos. Wer lebt hier also eigentlich in einer Dystopie?


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