22. November 2019

Ausleben des „sozialen Triebes“ früher und heute Klimaretter, Flüchtlingshelfer und andere Triebtäter

Der Mensch möchte sein Leben als sinnvoll erfahren und für andere da sein

von Benjamin Kaiser

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Bildquelle: Renata Sedmakova / Shutterstock.com Freiwillige Hilfe für Arme und Kranke: Christliche Karitas

Der ungeheure soziale Einsatz gerade in Deutschland ist erstaunlich. Man schaue auf die vielen freiwilligen Flüchtlingshelfer 2015/16 oder auf das lebhafte deutsche Engagement in Anbetracht des „menschengemachten Klimawandels“. Dies ruft in Ländern wie Großbritannien nicht nur Kopfschütteln hervor. Denn es scheint hinter all dem mehr zu stehen als nur ein „german hippie state“, ein deutscher Hippie-Staat, wie Professor Anthony Glees diagnostizierte. Vielmehr dürfen wir viel grundsätzlicher einen menschlichen Trieb als Ursache vermuten: den „sozialen Trieb“, das Bedürfnis, anderen zu helfen und mit der Befriedigung dieses Bedürfnisses das eigene Leben als sinnvoll und erfüllt zu erfahren.

Der mit Friedrich Engels befreundete Philosoph Karl Kautsky beschrieb als einer der ersten 1883 in Anlehnung an Darwins Evolutionstheorie diesen „sozialen Trieb“, der sich „im Kampfe ums Dasein in gleicher Weise entwickelt hat wie alle anderen Eigenschaften der Tierwelt, welche auf die Erhaltung der Gattung hinzielen“. (Karl Kautsky: „Die sozialen Triebe in der Tierwelt“, in: „Die neue Zeit“ 1883. Der Artikel zählt zu den marxistischen Grundlagentexten und ist auf einschlägigen Internetseiten abrufbar.)

Laut Kautsky und Darwin sind „soziale Triebe“ für das Überleben von Herdentieren, zu denen sich auch der Mensch in gewisser Weise zählen darf, unverzichtbar. Der soziale Trieb sicherte den frühen Menschen in einer feindlichen Umwelt das Überleben als Gruppe. Soziales Engagement war und ist für den Menschen ein wichtiger Überlebensfaktor, wurde aber auch zu einem wesentlichen Argument für die aufkommende Sozialdemokratie im deutschen Kaiserreich, für die Kautsky ein wichtiger Theoretiker war.

Interessant wird es, wenn wir den sozialen Trieb auf die Freudsche Triebtheorie übertragen. Nach Freud gleichen die menschlichen Triebe einem Kessel mit heißem Wasser, unter dem ein Feuer brennt. Irgendwo muss sich der Dampf, der dabei entsteht, einen Ausweg suchen. Wie der Dampf entweicht, hängt von der Gesellschaft ab, in der wir leben. Für Freud stand dabei vor allem der Sexualtrieb im Vordergrund, wir können dieses Modell jedoch auch auf den Sozialtrieb übertragen und uns überlegen, wie dieser Trieb in anders gearteten Gesellschaften ausgelebt wurde.

Wenn wir uns zum Beispiel das deutsche Kaiserreich vor dem Ersten Weltkrieg anschauen, dann treffen wir aus heutiger Perspektive auf eine jung-dynamische Gesellschaft, geprägt durch einen sehr schlanken, aber gleichzeitig autoritären Staat, der nur eine bescheidene Bürokratie besaß und wenig soziale Umverteilung kannte. In dieser damaligen Gesellschaft entwich der „Dampf des sozialen Triebes“, einmal abgesehen von den „gemeingefährlichen Bestrebungen der Sozialdemokratie“ (Bismarck), grob gesagt durch zwei Kanäle: Familie und Kirche.

Familien bildeten damals nicht nur das Herzstück der Gesellschaft. Eine Familie mit vier oder mehr Kindern gab auch dem sozialen Trieb ausreichend Anlass, „Dampf abzulassen“, sich „zu engagieren“ und die eigene Existenz als sinnvoll zu erfahren. Kamen dann noch ein, zwei ältere oder kranke Angehörige dazu, fand der menschliche Sozialtrieb vollkommene Befriedigung. Wer damals im erwerbstätigen Alter stand, hatte in der Regel ganz sicher unter keiner Sinnkrise im heutigen Sinn zu leiden: Seine ganze Kraft wurde in dem familiären Kontext, in dem er stand, gebraucht und benötigt. Die generationenübergreifende Solidarität mit Kindern und Eltern war die vorstaatliche Grundlage der Existenz. Die Familie war das soziale Netz, von dem man selbst einmal im Alter zu profitieren hoffte.

Selbst mit Einführung der Sozialgesetze unter Reichskanzler Otto von Bismarck änderte sich dies noch nicht wesentlich. Die hauptsächlich für die Arbeiterschaft gedachte Sozialgesetzgebung spielte nämlich in Bezug auf die damals noch sehr verbreiteten landwirtschaftlichen Kleinbetriebe keine Rolle. Noch 1910 arbeiteten 10,5 Millionen Menschen in der Landwirtschaft, während die Bereiche Industrie, Verkehr und Dienstleistung zusammen gerade einmal 13 Millionen Arbeitnehmer hatten.

Die Gesellschaft war also im heutigen Sinne durch kleine, eigenverantwortliche Betriebe geprägt. EU-Förderprogramme für die Landwirtschaft waren selbstredend noch unbekannt. Bäuerliche Familien und kleine Dorfgemeinschaften lebten eigenverantwortlich für sich selbst. Wer also eine Familie mit vier oder mehr Kindern zuzüglich Großeltern zu versorgen hatte, hatte seinen sozialen Trieb weitestgehend ausgelebt und ein sinnerfülltes Leben erfahren. Die Geburtenrate lag bei 4,2 Kindern je Frau und nicht bei 1,5 wie heute. Die Anzahl der Frauen ohne Kinder war marginal, während sie heute in den alten Bundesländern bei 22 Prozent und in den neuen bei 10,5 Prozent liegt. Die Menschen hatten eine Lebensaufgabe. Ein Bedürfnis, die Welt zu retten und den „menschengemachten Klimawandel“ abzuwenden, bestand entsprechend nicht.

Ein weiteres wichtiges Ventil des sozialen Triebes waren die christlichen Kirchen in Deutschland. Aufgabe der Kirchen waren damals nicht „Flüchtlinge und Klima“, sondern, neben der christlichen Heilsbotschaft, den Nächsten, die in Not geraten waren, zu helfen. Die freiwillige (!) solidarische Hilfe für Arme und Kranke bildete das Zentrum der christlichen Karitas. Damit war nicht der heute größte deutsche Arbeitgeber, die Sozialindustrie namens „Caritas“ gemeint. Sondern die Nächstenliebe (lateinisch „caritas“). Schließlich gab es im eigentlichen Sinne noch keinen Sozialstaat, der sich durch ein Grundgesetz (Artikel 1) verpflichtet sah, erwerbsfähigen, aber nicht erwerbstätigen Menschen mittels Umverteilung ein „menschenwürdiges Leben“ zu garantieren. Man konnte es daher noch als allgemeine Aufgabe begreifen, Menschen in der eigenen Nachbarschaft zu helfen, aber auch, diese zu ermuntern, ein eigenverantwortliches Leben zu führen.

Sicher ist jedoch auch, dass der soziale Trieb, das Bedürfnis, anderen zu helfen, bei manchen stärker, bei anderen weniger stark ausgeprägt ist. Der in den 1960ern populäre neomarxistische Psychologe Erich Fromm sah in der unterschiedlichen Ausprägung dieses Triebes eine Ursache für das Entstehen des modernen Kapitalismus und die Aufteilung der Gesellschaft in besitzende und besitzlose Klassen. Natürlich sind bei Fromm die Kapitalisten Menschen mit einem schwach ausgeprägten Sozialtrieb, während die ausgebeuteten Opfer diejenigen sind, die altruistisch denken.

Wir sehen also, dass man den „sozialen Trieb“ bei der Diskussion alternativer gesellschaftlicher Entwürfe nicht ignorieren kann. Er ist genauso eine menschliche Grundkomponente wie die Sexualität oder das Streben nach Macht. In einer zunehmend bindungslosen, geburtenschwachen und entchristianisierten Gesellschaft wird sich der soziale Trieb neue Ventile suchen. Das können Flüchtlinge oder neuerdings das Klima sein. Der Mensch möchte sein Leben als sinnvoll erfahren und für andere da sein. Entsprechend wird er handeln.

Karl Kautsky: „Die sozialen Triebe in der Tierwelt“


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