21. November 2019

Ungarisch-Studium in Budapest ohne Politik Drei Wochen im Ballon

Ich höre nichts, ich sehe nichts, ich weiß nichts, und es tut richtig gut

von Jörg Seidel

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Bildquelle: shutterstock Im Frieden mit sich selbst: Richtiges Leben im falschen

Das dreiwöchige intensive Studium der ungarischen Sprache in Budapest hatte noch einen interessanten Nebeneffekt. Das größte Problem überhaupt war es, bezahlbaren Wohnraum in der Stadt zu finden. Vielleicht ein Studentenheim oder eine billige Pension? Nichts dergleichen tat sich auf, bis dann ein guter Freund seine Budapester Zweitwohnung zu akzeptablen Konditionen anbot. Die Wohnung war perfekt, die Anbindung exzellent – nur einen Internetanschluss besaß sie nicht.

Ich nahm mir also vor, aus der Not eine Tugend zu machen und eine dreiwöchige Internetabstinenz durchzuziehen. Die Konzentration auf die Sprache und die zahlreichen Ausflüge ließen kaum Entzugserscheinungen aufkommen. Die einzige Informationsquelle war das morgendliche und abendliche ungarische Radio, das Kossuth Rádió, und eine kostenfreie U-Bahn-Zeitschrift. Einmal kaufte ich mir auch „Nemzeti Sport“, doch das erwies sich als wenig hilfreich, weil diese Zeitung deutlich geringer fußballorientiert ist als andere europäische Sportblätter und stattdessen ausführlich über Wasserball, Schwimmen, Volleyball, Handball oder Judo berichtet, alles, worin es die Ungarn zu einer gewissen, aber weltweit wenig beachteten Meisterschaft gebracht haben, was mich aber nicht interessiert – im Fußball freilich sind sie, trotz Orbáns Investitionen, ein Zwerg.

Nach und nach bekam ich das Gefühl, in einem Ballon zu schweben, der immer höher stieg. Man sah alles da unten, aber es war zu klein, um die Details zu erkennen. Ich hörte im Radio etwas über den Migrationspakt und die Türkei, über Johnson und den Brexit, über Trump und die Ukraine, auffällig häufig über Ursula von der Leyen und ganz besonders viel, eigentlich mehrfach täglich, über Einwanderung, Migration und Terrorismus, aber wie die konkreten Zusammenhänge waren, das war nicht herauszubekommen. Das Material war zu dürftig, um auf meine Thymusdrüse zu schlagen, und bald wurde all das, was mich seit nun vier Jahren rastlos umtrieb, unwichtig.

Das ist eine lehrreiche Erfahrung! Man kann vollkommen im Frieden mit sich selbst in dieser Welt der Ignoranz und des Unwissens leben. Ich war auch nur von Menschen umgeben, deren Alltagswelt das ist. Gesprochen habe ich im Grunde genommen nur in der Schule, wenn man die paar kleinen hilflosen Straßen- oder Kassendialoge nicht mitrechnet. Ich teilte den Kurs mit einer deutschen Rentnerin, einem iranischen jungen Amerikaner und der ungarischen Lehrerin. In der Pause kam mitunter ein Schweizer Pensionär hinzu. Meist sprachen wir Ungarisch – damit sind solche Themen ohnehin (noch) nicht zu bewältigen.

Mit Fortschreiten des Kurses kam es dann doch zu einigen Gesprächen auf Deutsch, aber die drehten sich größtenteils um die Sprache, manchmal über Ungarn, und oft scherzten wir einfach nur – die Dame hatte einen guten Humor. Aber sie war bekennende Apolitikerin. Also gab ich es von vornherein auf, die brisanten Themen auf den Tisch zu bringen, was sie nicht daran hinderte, doch einmal ihrer Sorge Ausdruck zu verleihen, dass das mit der Migration ja nicht lange gutgehen könne, denn schließlich sei Deutschland doch ein zu kleines Land, um all die Menschen aus Afrika und Asien aufzunehmen. Aber das war scheinbar die Grenze ihrer Diskussionsbereitschaft.

Einmal machte ich sogar einen Witz darüber und sagte: „In Ihrer Welt möchte ich auch gern leben.“ – „Was meinst du?“ Ich siezte sie konsequent, aber sie war schon am zweiten Tag zum Du umgeschwenkt, und das war vollkommen in Ordnung: Es war wohl eine Art Sympathiebekundung und Teil des ironischen Spiels. „In Ihrer Welt ohne Sorgen. Es ist sozusagen mein Beruf, mir Sorgen zu machen, Szenarien zu entwerfen, vorauszudenken, aber Sie leben ohne offensichtliches Interesse an diesen Dingen, und es scheint Ihnen dabei sehr gutzugehen.“ Sie hatte fast immer ein Lächeln auf dem Gesicht.

Von Sorgen, sagte sie, sei sie genug umgeben. Alle um sie herum hätten ständig Sorgen und Trauer und Angst, und das könne sie überhaupt nicht vertragen. Wenn sie etwas lese, dann müsse es lustig sein. Außerdem war sie Ärztin gewesen, in der Radiologie, und da habe man über zu viele Jahre zu viele Sorgen und Schicksale gesehen. Und was die Politik betreffe: Da kenne sie sich nicht aus, das sei zu kompliziert und sowieso alles verlogen – sie könne das nicht vertragen, dass überall diese, na, wie heißen die gleich, die immer alles mitbestimmen? – „diese Lobbyisten?“ – ja, dass diese Lobbyisten überall ihre Finger drin haben. So etwas ekle sie an. Und ändern könne sie es sowieso nicht, warum also sich damit beschäftigen.

Nicht beschäftigen geht freilich auch nicht, wie einige ihrer Äußerungen zeigten, denn treffsicher wiederholte sie die medial vorgegebenen Klischees, als ich einmal die Namen „Boris Johnson“ oder „Trump“ erwähnte, und sollte sie wählen gehen, dann kann man sicher sein, dass sie das wählt, was man eben wählt – aber auf keinen Fall die da!

Die Ungarischlehrerin tickte nicht viel anders. Sie tat, was viele Ungarn tun, sie winkte ab, wenn es um Politik ging, resigniert. Diese Leute sehen sich nur von einem Sumpf umgeben. Man muss ihre Nase fast mit Gewalt in die Realität stoßen, die zeigt, dass es Ungarn in vielen Belangen immer besser geht, noch dazu, wenn sie in der Hauptstadt leben. Von den fürchterlichen Armutsproblemen in der Provinz, im Osten des Landes etwa, bekommen sie nichts mit. Sie leben in einer der lebenswertesten Städte Europas, viele Sorgen anderer Europäer sind ihnen unbekannt, aber sie beharren darauf, das Thema Korruption aufzublasen – je mehr Orbán von Migration redet, hat man den Eindruck, desto mehr sprechen die Ungarn von Korruption –‍, und sie scheuen sich oft nicht mal, von einer Diktatur in Ungarn zu sprechen. Dabei war die Frau vielseitig gebildet und interessiert.

Aber hat die Dame nicht eigentlich recht? Ändern kann ich doch auch nichts! Wozu also?

Der junge Amerikaner war nun ein ganz anderer Typ. Er kam aus der Geldbranche, dachte ständig an irgendwelche potenten Kunden und Verträge, und manches Mal stürmte er aus dem Zimmer, weil etwas Wichtiges auf seinem Handy aufflackerte. Ihm war es sichtlich wichtig, schick in Markenklamotten zu erscheinen und tolle Uhren zu tragen. Er dachte viel über Essen und Gesundheit nach, über Mode, über technische Gadgets, aber Geschichte und Politik waren ihm ein großes Geheimnis, nein, noch nicht mal das, denn es interessierte ihn überhaupt nicht. Selbst nach zehn Jahren Ungarn waren ihm die großen Namen der ungarischen Geschichte und Kultur meist unbekannt. Als wir den Konjunktiv übten, da sagte er, dass er, wenn er könnte, die Menschheit darauf vorbereiten würde, auf einen anderen Planeten auszuweichen, wenn wir hier zu viele geworden sein werden.

Was soll ich sagen? Ich hörte mir das an und lauschte, ob die Grammatik stimmt. Inhaltlich widersprach ich nicht. Ich hatte abgeschaltet, aufgegeben.

Mir geht es gut! Ich höre nichts, ich sehe nichts, ich weiß nichts, und es tut richtig gut. Ich sitze gerade auf dem Balkon. Über mir dreht ein riesiges Flugzeug gerade seine Startkurve. Es ist der letzte Samstag im September. Ein Eichhörnchen hüpft auf der Tanne vor dem Haus und besucht mich manchmal auf der Terrasse, wo es in einer Regenrinne Wasser trinkt. In zwei Stunden kommt meine Frau und bringt ein paar Nüsse mit. Heute und morgen werden wir noch ein wenig die Stadt erkunden, und dann ist die Zeit im Ballon vorbei. Schon heute werde ich sie – der erste informierte Mensch seit drei Wochen – fragen, was denn nun die konkreten Hintergründe für all das seien.

Nun wird sich wieder alles umordnen: Ich werde wieder bis in die Nacht sitzen und arbeiten. Morgens werde ich gleich den Computer anschalten und zwei Stunden lang die nationale und internationale Presse lesen, werde vielleicht auf diesem oder jenem Blog eine Meinung äußern und dann ständig kontrollieren, ob jemand reagiert hat, werde statt eines ungarischsprachigen Romans bald wieder gewichtige Bücher über Politik, Geschichte oder Philosophie lesen, werde, wenn der Kopf müde wird, Kaffee trinken und abends, wenn er nicht mehr zur Ruhe kommt, Wein oder Bier, werde dann versuchen, meine überblitzten Augen zum Schlaf zu zwingen, und es wird nicht immer gelingen, werde mich über dieses oder jenes erregen, über die Blindheit, ja die Idiotie der anderen – warum können die das nicht sehen, nicht begreifen? Das begreife ich nicht –‍, werde im Kopf schon Sätze für den nächsten Artikel formulieren, Ideen sammeln, werde wohl auch Bitten nachkommen, für andere Blätter zu schreiben, werde unter Zeitdruck geraten, werde mich ärgern, dass ich schon wieder das Ungarische zu sehr vernachlässigt habe, und werde bald wieder nicht wissen, wo mir der Kopf steht.

Es ist im Grunde das falsche Leben! Aber ich bin – während ich das schreibe – schon wieder drin, im falschen Leben, denn da kommt mir ein Name ins Bewusstsein, den ich drei Wochen lang – wie gut das tat! – nicht hätte denken können, ein Zitat – ich dachte drei Wochen lang nicht in Zitaten! Einer seiner denkwürdigen Sätze lautete: „Es gibt kein richtiges Leben im falschen.“

Dieser Artikel erschien zuerst auf „Seidwalk“.


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