15. November 2019

RezensionBurkhard Voß: Wenn der Kapitän als Erster von Bord geht

Wie Postheroismus unsere Gesellschaft schwächt

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„Geschafft! Aus Psychologisierung ist Infantilisierung geworden, Deutschland ist im Kindergarten.“ Die Einschätzung des Autors überzeugt. Mit Biss und einer Prise Humor analysiert der Psychiater und Psychotherapeut Burkhard Voß das Land. Er stellt Helden (zum Beispiel Giordano Bruno), Antihelden (zum Beispiel Che Guevara) und Pseudohelden (Greta Thunberg) vor und erläutert Heldentum, Postheroismus, gesellschaftlichen Masochismus, und was ein Nanny-Staat, Kuschelpädagogik und -justiz und Feminismus aus psychologischer Sicht mit uns machen, wenngleich die Tiefe eines Hans-Joachim Maaz („Der Gefühlsstau“) leider nicht erreicht wird. Modekrankheiten wie Burnout, Prokrastination und Anpassungsstörung werden als das entlarvt, was sie sind: kurzfristige Befindlichkeitsstörungen. Voß geht auch hart mit seiner eigenen Zunft ins Gericht: Fast die Hälfte der Krankschreibungen auf psychiatrischem Gebiet halten einer kritischen Überprüfung nicht stand, so der Autor. Er erkennt auch, dass das alles eine gesellschaftliche Bedeutung hat. „Helden könnten gefährlich werden. Opfer sind harmlos.“ Oder auch die bereits von Napoleon stammende Erkenntnis: „Man ist viel mehr in Sicherheit, wenn man die Menschen mit Absurditäten beschäftigt, als mit richtigen Ideen.“ Leider endet das Buch bei der Zustandsbeschreibung. Die Erscheinungen werden nicht in das komplexe Ursachengefüge von Macht, Herrschaft und Staat eingebettet, wenn auch einige Andeutungen erkennbar sind. Die Psychotherapie dient als Religionsersatz, der klassische Held steht im Widerspruch zur Gleichheitsideologie, und die Quotenregeln sind ideale Weichmacher des Leistungsprinzips. Hier wäre eine Vertiefung wünschenswert. Ebenso wie zu der nur kurz erwähnten „Metoo“-Debatte und der Gender-Ideologie. Gleichwohl tat es gut, aus dem Munde eines Fachmanns zu lesen, dass mit dem richtigen Psychovokabular sich aus jedem trivialen Kinderkram eine behandlungsbedürftige psychische Erkrankung formulieren lässt.


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Ronald K. Haffner

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