07. November 2019

Dreiteiliges ZDF-Fernsehspiel über das Ende der DDR „Preis der Freiheit“

Geschichtsunterricht mit Gänsehautfaktor

von Vera Lengsfeld

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Bildquelle: shutterstock Gegenstand des ZDF-Dreiteilers „Preis der Freiheit“: Untergang der DDR

Nie hätte ich geglaubt, dass ich das ZDF noch einmal loben müsse. Aber die Produktion des Dreiteilers „Preis der Freiheit“ ist jeden Cent Rundfunkgebühr wert. Mehr noch: Die Macher dieses Films füllen den Auftrag der Öffentlich-Rechtlichen, das Publikum auf hohem Niveau zu informieren, mit neuem Leben. Zur besten Sendezeit gibt es nicht nur hochinteressanten Geschichtsunterricht. Der Regisseur Michael Krummenacher setzt ihn so stimmig in Szene, dass dem Zuschauer immer wieder Gänsehaut über den Rücken läuft.

Das Drehbuch ist hervorragend. Erstaunlich sind die vielen zum Teil nie ins Bewusstsein der Öffentlichkeit gelangten Details über die schmutzigen Geschäfte der DDR: Verkauf von politischen Gefangenen, denen gern Schwerkriminelle beigemischt wurden in der Hoffnung, der BRD zusätzliche Probleme aufzuladen, der Ankauf von Giftmüll, der auf offenen Deponien, wie in Schönberg, einfach abgekippt wurde, die Produktion einer sächsischen Kalaschnikow, die mit Nato-Munition schoss, die alerten Koko-Leute, die schon ab mindestens 1987 begannen, den Ausverkauf des DDR-Volkseigentums zu planen, weil sie registrierten, dass sie sich auf die finanzielle Unterstützung der Sowjetunion nicht mehr verlassen konnten. Wenn es zur Vereinigung kommen würde, wollte man beim Verkauf der Mauergrundstücke in Berlin wenigstens vorne dran sein.

Das Ganze kommt keineswegs agitatorisch daher, sondern wird verpackt in eine Familiengeschichte, wie sie für die DDR nicht untypisch war. Die Großeltern Bohla waren Kommunisten, der Großvater bezahlte seinen Widerstand gegen die Nazis mit dem Leben. Für die Großmutter (Angela Winkler) ist die DDR ihr Staat, den sie auch gegen die Dissidenten in ihrer Familie zäh und unbelehrbar verteidigt. Tochter Margot (eine überwältigend gute Barbara Auer in der Rolle ihres Lebens) arbeitet im Bereich Kommerzielle Koordinierung als Devisenbeschafferin und ist mit Alexander Schalck-Golodkowski (Thomas Thieme), der durch die Hintertür nötige Reformen einführen will, auf Du und Du. Dem Politbüro sollen die Reformvorschläge von Gerhard Schürer (Milan Peschel, so gut, dass es fast mitleiderregend ist) vorgelegt werden. Der scheitert ziemlich jämmerlich am Hardliner Günter Mittag, der an diesem Tag die Sitzung in Vertretung für Honecker leitet. Schürer wagt keinen Widerspruch, damit ist der Versuch, die DDR-Wirtschaft noch zu retten, vom Tisch gewischt.

Der fast reibungslose Gefangenenverkauf kommt ins Stocken, als der zuständige Staatssekretär in Bonn eine neue Verhandlungsleiterin einsetzt. Diese Silvia Winter (Nicolette Krebitz) ist aus der DDR geflohen und die von der Familie für tot erklärte Schwester von Margot. Sie bringt in den Verhandlungen den skrupellosen DDR-Vertreter Ilja Schneider (Oliver Masucci, geradezu diabolisch) erst ins Schwitzen, dann zum Einlenken. Dafür wird sie von ihm bedroht und in einer unvermittelten Begegnung mit ihrer Schwester in Westberlin gezwungen, ihren Posten aufzugeben. Druckmittel ist ihr in der DDR zurückgebliebener Sohn Roland, der wegen versuchter Republikflucht im Gefängnis sitzt. Solche Einflussnahme der DDR mittels Staatssicherheit hat es häufiger gegeben. Wobei die Koko nicht die Stasi war, aber sehr eng mit ihr zusammenarbeitete.

Die jüngste Schwester, Lotte Bohla (Nadja Uhl, die einfach alles spielen kann) ist in der Umweltbibliothek aktiv, die zu DDR-Zeiten eine der wichtigsten Institutionen der unabhängigen Friedens‑, Umwelt- und Menschenrechtsbewegung, heute kurz „Bürgerbewegung“ genannt, war.

Der Film zeigt, wie Aktivisten über die Dächer des Prenzlauer Berges der Stasiüberwachung entkamen, er bringt erschütternde Bilder der Giftmülldeponien, erinnert an die Aktivisten, die, oft erfolgreich, Nachrichten darüber in den Westen lancierten. Außerdem zeigt er fast vergessene Ereignisse: den Neonazi-Überfall auf die Zionskirche in Berlin, die anlässlich eines Punkkonzerts mit dem Ruf „Juden raus aus deutschen Kirchen“ gestürmt wurde, die Jagd auf Jugendliche, die in der Nähe des Brandenburger Tores ein Konzert, das am Reichstag stattfand, mithören wollten, die Massenverhaftungen anlässlich der Liebknecht-Luxemburg-Demonstration, auf der Bürgerrechtler auf die Freiheit der Andersdenkenden hinweisen wollten.

Die drei Teile können in der Mediathek angesehen werden und sind demnächst als DVD zu erhalten. Wer noch ein lehrreiches Weihnachtsgeschenk braucht, wäre gut beraten.

ZDF: „Preis der Freiheit“

Dieser Artikel erschien zuerst auf dem Blog der Autorin.


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