24. Oktober 2019

Bericht aus Bonn Die hässlichste Stadt Deutschlands

Grau, dreckig, dröhnend

von Jörg Seidel

Artikelbild
Bildquelle: Claudio Divizia / Shutterstock.com In den letzten Jahren gekippt: Bonn

Die Presse posaunt – selbst ein wenig überrascht – die Empfehlung eines australischen Reiseführers in standardisiertem Text in die Welt. Demnach sei Bonn zu einem „Top-Reiseziel“ erkoren worden. Das weckt alte Erinnerungen. Ich hatte vor drei Jahren die Gelegenheit, die Stadt für ein paar Tage näher kennenlernen zu dürfen, und folgenden kleinen Reiseeindruck verfasst. Demnach muss ich unter massiven Wahrnehmungsdefiziten gelitten haben oder aber die alte Hauptstadt hat sich seither runderneuert. Die Bonner mögen es mir verzeihen.

Juni 2016: Selbstverständlich steht mir ein solches Urteil gar nicht zu. Aber man wird ja noch sagen dürfen…

Eine altehrwürdige, jahrtausendealte Stadt mit glorreicher Geschichte und einer ganzen Latte an großen Söhnen und Töchtern. Heute ist sie grau, dreckig, dröhnend. Unzählige Architektursünden beleidigen das Auge. Neben jedem ansehnlichen Haus steht scheinbar systematisch ein bleierner Betonklotz, als wollte ein mächtiger Gestalter alle Freude im Keim ersticken. „Neu“ und „hässlich“ sind hier Synonyme.

Seit Jahren wurde offensichtlich nicht mehr renoviert. Alle Asphaltwege sind mit plattgetretenen Kaugummis übersät. Müllberge häufen sich an den Straßenrändern, Abfall wird achtlos auf die Gehwege geworfen, Plastiktüten fliegen durch die Luft, Uringestank an vielen Ecken und Enden. Am Kaiser-Karl-Ring liegen benutzte Windeln und ausrangierte Kinderwagen vor den Häusern – vermutlich direkt aus den Fenstern entsorgt. Die Klingelschilder zeigen Namen aus allen Ecken und Enden dieser Welt. Bei Karstadt wühlen Horden von Frauen an den Kleiderständen, die heruntergefallenen Jacken bleiben am Boden liegen, lieber steigt man darüber – oder auch nicht.

Vor einem grauen Betonklotz am Bahnhof demonstrieren ein paar Studenten mit bunten Luftballons lautstark gegen Einfalt und für den Erhalt der Vielfalt. Die schwarzen Regenränder an den Häuserwänden wirken wie traurige Tränen geschminkter Frauen. Die Leute schauen mürrisch drein, die Sprachen der vorbeigehenden Paare sind mir unverständlich. Lange muss ich in der Universitätsstadt nach einem Buchladen suchen, der nicht „Thalia“ heißt, und finde einen unmittelbar neben dem Frauenzugang zu einer Moschee. Während ich die schweren Taschen raustrage, treten 20 vollverschleierte Frauen auf die Straße und schnattern ein kehliges Idiom.

Was ist mit Bonn geschehen? Der Verlust des Hauptstadtstatus wird der einstigen Metropole arg zugesetzt haben. Es mag andere strukturelle oder regionale Probleme geben, von denen ich nichts weiß. Bonn ist in den letzten 20 Jahren erst so geworden, versichern Einwohner.

Offensichtlich aber ist, dass der soziale Zusammenhalt in Bonn sehr leidet, und wie sollte es auch anders sein, beherbergt die Stadt doch gleich mehrere Gruppen an kulturell diversen Menschen. Geschätzt hätte ich 40 Prozent, laut Statistik ist es nicht einmal die Hälfte davon – aber das zeigt, wie wenig es eigentlich braucht, um einen Ort kippen zu lassen.

Ginge es nach den Multikulti-Propagandisten, müsste Bonn eine helle, bunte, fröhliche Stadt sein. Doch statt bunter Vielfalt graue Tristesse.

Nun verstehe ich zweierlei: Gabriels populistische Forderung nach einer Aufbauhilfe West und das seltsame Erstaunen vieler westdeutscher Besucher Plauens, die von einer wunderschönen Stadt schwärmen. Bisher konnte ich sie selbst nicht sehen.

Dieser Artikel erschien zuerst auf „Seidwalk“.


Artikel bewerten

Artikel teilen

Anzeigen

Kommentare

Die Kommentarfunktion (lesen und schreiben) steht exklusiv Abonnenten der Zeitschrift „eigentümlich frei“ zur Verfügung.

Wenn Sie Abonnent sind und bereits ein Benutzerkonto haben, melden Sie sich bitte an. Wenn Sie noch kein Benutzerkonto haben, nutzen Sie bitte das Registrierungsformular für Abonnenten.

Mit einem ef-Abonnement erhalten Sie zehn Mal im Jahr eine Zeitschrift (print und/oder elektronisch), die anders ist als andere. Dazu können Sie dann auch viele andere exklusive Inhalte lesen und kommentieren.

drucken

Dossier: Kulturelles

Mehr von Jörg Seidel

Über Jörg Seidel

Anzeige

ef-Einkaufspartner

Unterstützen Sie ef-online, indem Sie Ihren Amazon-Einkauf durch einen Klick auf diesen Linkstarten, oder auf ein Angebot in der unteren Box. Das kostet Sie nichts zusätzlich und hilft uns beim weiteren Ausbau des Angebots.

Anzeige