23. Oktober 2019

Internet-Marketing Quarkbällchen, Kekse und anderes Ungeziefer

Es gibt noch einen Trick, wie man sich finanziert

von Kurt Kowalsky

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Bildquelle: shutterstock Dumm und ärgerlich: Sind doch nur Cookies!

Seit geraumer Zeit habe ich mit Bekannten, Kunden und auch mir nahestehenden Freunden erhebliche Schwierigkeiten. Mein Nachbar sprang mich neulich von hinten an, und bevor ich reagieren konnte, hatte er mein Gesicht in ein Mandel-Baiser-Törtchen mit Himbeeren und Brombeeren gedrückt.

Die Himbeeren waren schon angeschimmelt und die Brombeeren faul. Ich fragte verständnislos, was das denn sein soll? Immerhin hätten wir doch seit Jahren das beste Verhältnis. Doch der Mann schnaubte vor Wut und schrie, ich möchte mir in Zukunft meine Törtchen in den Arsch stecken.

„Aber, aber“, sagte ich und wischte mir die saure Sahne aus den Augen, „die sind doch ganz harmlos. Die Dinger nennt man Cookies!“ Dabei steckte ich ihm unbemerkt ein kleines Quarkbällchen in die Jackentasche.

„Schauen Sie“, klärte ich ihn auf, „wenn Sie mir guten Tag sagen, dann drücke ich Ihnen irgendwo ein Gebäckstück rein. Damit kann ich bei der nächsten Begegnung im Treppenhaus am Grad der Fäulnis dieses Törtchens erkennen, wann wir uns zuletzt begegneten, um was es dabei ging und ob Sie bereit sind, noch einen 100-seitigen Katalog Damenunterwäsche sich anzuschauen.“

Der Mann holte aus. Ich duckte mich und schob ihm dabei einen vierfarbigen Flyer einer Monatsbindenwerbung in die Schuhe.

Jetzt mal unter uns. Wenn Sie, liebe Leserinnen und Frauen, jemand auf der Straße nach dem Wetter fragt, dann ist es doch nicht mehr als recht, stecken Sie dem Kerl noch ein Stück Obstkuchen in die Jackentasche. Immerhin geben Sie ihm kostenlos Auskunft.

Okay, dass er gerade Sie nach dem Wetter gefragt hat und nicht irgendwen, liegt daran, dass Sie sich ihm aufgedrängt haben und laut schrien: „Frag mich! Frag mich! Frag mich! Hier alles übers Wetter.“

Aber irgendwie müssen Sie sich ja finanzieren. Und das könnte man unaufdringlich und intelligent oder dumm und ärgerlich machen. Da es an natürlicher Intelligenz mangelt, hat man sich mit Hilfe der Künstlichen mehrheitlich dazu entschlossen, es dumm und ärgerlich zu machen. Sei‘s drum.

Doch die Browser-Webseiten-Strukturen sind bereits darauf angelegt, dem jeweiligen Besucher irgendetwas aufzuspielen, reinzudrücken, unterzujubeln. Ihn auszuforschen, zu beobachten, zu kategorisieren und zu verfolgen.

Und nennt man die Wanzen und das Ungeziefer, ohne die angeblich keine Webseite funktioniert (meine funktionieren aber ohne), dann „Cookies“, dann ist das nicht süß, niedlich und egal, sondern schmierig, eklig und schlecht.

Ich wüsste auch noch einen Trick, wie man sich finanziert. Man geht arbeiten und produziert gute Güter, um die sich die Kunden reißen. Und gäbe es dann irgendwo zum Beispiel gute Herrenschuhe in der Stadt oder dem Erdkreis, dann würde sich das herumsprechen. So aber muss man den Leuten kostenloses Regenwetter anbieten, ihnen Quarkbällchen aufs Auge drücken, um sie noch in sechs Monaten mit der Meldung zu überraschen, dass man immer noch keine guten Schuhe hat, sondern Wegwerfartikel aus Plastik für 19,95.

Dieser Artikel erschien zuerst auf der „Facebook“-Seite des Autors.


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