04. September 2019

„Hintergrunddokument“ der Uno zur „Steuerung des wirtschaftlichen Übergangs“ Götter günstig stimmen und Dämonen bannen

Die Deindustrialisierung wird bereits Realität

von Frank Jordan

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Bildquelle: shutterstock Post-individuell und post-human: Deindustrialisierte Gesellschaft

Wo die Gestaltung der Zukunft in die Hände von Priestern und Zauberern gelegt wird, kommt eines garantiert nicht dabei heraus: individuelle Freiheit. Und damit auch keine Menschlichkeit.

Wenn die Uno ein sechsköpfiges Gelehrtenteam aus fünf Umweltforschern und einem Politikwissenschaftler dazu einlädt, ein „wissenschaftliches Hintergrunddokument“ zum Thema „Steuerung des wirtschaftlichen Übergangs“ für den „Globalen Nachhaltigkeitsreport 2019“ zu verfassen, dann sollten auch auf dem kleinsten und schmutzigsten Bildschirm ökonomischer Kompetenz ein paar Warndioden zu leuchten beginnen.

Würden Sie einem Archäologen ihre Herz-OP anvertrauen? Einem Chemiker den Bau Ihres Hauses oder einem Politikwissenschaftler Ihren Goldfisch? Eben. Die Uno hingegen kennt solche interdisziplinären Hemmungen nicht, und die sechs fachbereichsüberwindenden finnischen Gesellschafts- und Zukunftsbeschwörer lassen sich denn auch nicht zweimal bitten. Sie erlegen sich bei der Konzeption zu nicht weniger als der Umgestaltung der Weltwirtschaft ebenso wenig Grenzen auf wie beim herzhaften Griff in die Kiste des Magischen – der modernen Geldtheorie.

Das mag ein Grund für einen Moment ungetrübter Erheiterung sein. Der geht allerdings rasch vorüber, wenn man sich bewusst macht, dass dieses Papier nicht nur durchs Band Argumente durch schlichte Behauptungen ersetzt, anstelle kreativer und konstruktiver – eben echt ökonomischer! – Lösungen tausendfach gescheiterte Utopien vorschlägt und dass alles danach aussieht, als würde es nicht nur ernst genommen, sondern auch umgesetzt.

Die „Analysen“ und Rezepte der Wissenschaftlergruppe der finnischen BIOS Research Unit in Kürze: Die Erde ist kaputt. Die Kapazitäten der planetarischen Ökosysteme zum Auffangen der Abfälle aus Material- und Energieverbrauch sind erschöpft. Dies in Kombination mit dem Klimawandel macht ein Umsteigen auf erneuerbare Energiequellen sowie größere gesellschaftliche Anstrengungen in Bezug auf sämtliche menschlichen Aktivitäten notwendig. Das bisherige Wirtschaftsmodell stellt einzig auf weiteres materielles und energetisches Wachstum ab. Es hat versagt. Es führt nicht nur zum Verlust der biologischen Vielfalt, sondern auch zu anderen Umweltgefahren, zu wachsender Ungleichheit, zu steigender Arbeitslosigkeit, zu langsamerem Wirtschaftswachstum, zu Marktblasen und Krisen und zu steigender Verschuldung. Der ökonomische „neoklassizistische“ Glaube, wonach ein Markt nur dann effizient sei, wenn die Intervention durch den Staat so gering wie möglich ist, hat sich als falsch erwiesen. Ebenso die Überzeugung, dass Staatsschulden ein Problem seien, abgebaut werden müssten und die Regierungen sich einen Budgetzwang aufzuerlegen hätten. Die „lockere Geldpolitik“ der Zentralbanken ist zwar ein Schritt in die richtige Richtung, hat etwas Druck aus der Situation genommen, ist aber für die Herausforderungen der Zukunft zur Bekämpfung der nächsten Krise nicht genügend. Den Regierungen müssen jetzt Werkzeuge in die Hand gegeben werden, die es ihnen ermöglichen, ihre Volkswirtschaften zu steuern und zu verwalten. Es braucht für den Staat praktikable Instrumente, um die Art, wie Energie, Verkehr, Lebensmittel und Wohnraum erzeugt und verbraucht werden, verändert werden können. Produktion und Konsum müssen staatlich so gesteuert werden, dass ein anständiges Leben möglich ist bei gleichzeitiger Entlastung für die Umwelt. Da der Umstieg auf erneuerbare Energien bei gleichbleibendem Energiebedarf in den kommenden Jahrzehnten ein Ding der Unmöglichkeit sein wird, muss der Gesamtenergieverbrauch gesenkt werden. Grundsätzlich weniger Transport. Gehen und Radfahren. Fahrgemeinschaften. Staaten müssen zu Selbstversorgern im Lebensmittelbereich werden. Freihandel unterbinden. Milch und Fleisch müssen weitgehend pflanzlicher Ernährung weichen. Nachhaltiges Bauen – langlebige Holzgebäude. Die Wohnpraxis muss ein Mix zwischen Bequemlichkeit und Notwendigkeit in puncto Wärme/Kälte werden. Nur starke politische Steuerung kann das gewährleisten. Nur der Staat kann solches eng planen, koordinieren und finanzieren. Das Ziel ist es, weg vom individuellen Verhalten, hin zum sozialen und strukturellen Verhalten zu gelangen. Weniger Individualismus, mehr Kollektiv zum Besten aller. Die moderne Geldtheorie, der Post-Keynesianismus, macht es möglich. Auf dieser Grundlage gilt: Einem Staat kann die eigene Währung nie ausgehen. Er kann immer ausgeben und investieren. Er ist keinerlei Budgetzwängen unterworfen. Soziale Ziele und Umweltziele können so in einem Aufwasch erreicht werden. Eine staatliche Arbeitsplatzgarantie beispielsweise sorgt dabei nicht nur für Vollbeschäftigung, sondern hebelt auch die Konkurrenz um umweltzerstörerische Arbeitsplätze aus. Ein leuchtendes Beispiel dafür ist China, das sich nicht von ökonomischem Klein-Klein wie Budgetzwängen und Mutlosigkeit in puncto Interventionismus bremsen lässt. Nur so wird es möglich sein, nicht nur den Planeten zu retten, sondern eine wünschenswerte Zukunft für die Menschheit unter der Führung von ein paar Vorreiterstaaten zu erlangen. Weg vom Selbstzweck, hin zu Sinnvollem und Gutem für alle. Weniger Kaufkraft für die Wohlhabenden, dafür mehr von dem, was weniger Wert hat, für alle.

So – das ist es, das wissenschaftliche Hintergrundpapier, das die Uno als Grundlage zur Planung unser aller Zukunft verwendet. Kein Wort davon, dass die gezielt organisierte Verarmung ganzer Länder durch die Ächtung eines Spurengases nicht Garant dafür ist, dass der Wandel des Klimas beeinflusst werden kann. Kein Wort davon, dass die grassierende Ungleichheit, die Krisen und Blasen nicht Resultat der Märkte, sondern einzig Resultat des staatlichen Handelns via Zentralbanken sind. Kein Wort davon, dass dank freier Märkte eine Effizienz in Sachen Ressourcenverbrauch erreicht werden konnte, die ohne Kostendruck nie möglich gewesen wäre und in Zukunft auch nicht möglich sein wird. Kein Wort davon, dass tausendfach bewiesen ist, dass, wo kein Kostendruck vorherrscht, Verschwendung, Ineffizienz, Korruption und Umweltzerstörung vorherrschen. Kein Wort davon, dass das magische immer vorhandene Geld eines Staates bei solchem Wirtschaften sehr rasch auf den Wert null heruntergedimmt wird. Kein Wort davon, dass das politische Vorbild China die Zahlen, die von seinem wirtschaftlichen Erfolg zeugen, mit Feenstaub bestreut und es auf einer Schulden- und Schattenbankblase sitzt, deren Platzen es möglicherweise nicht überleben würde. Kein Wort davon, woher die Rohstoffe für das nachhaltige Bauen mit Holz und für Elektromobilität kommen werden. Aber vor allem und nicht zuletzt: kein Wort davon, dass mehr kollektives Verhalten und weniger Individuum dem Kern alles Menschlichen widerspricht. Dass post-individuell stets auch post-human bedeutet.

Das alles ist bereits als Idee erschreckend genug. Irr ist, dass der Wahn der totalen Deindustrialisierung offenbar Realität werden soll, besser: bereits dabei ist, Realität zu werden. Konkret in Zahlen aktuell abgebauter Stellen für Deutschland: BASF 6.000, Bayer 12.000, Siemens 2.700, Ford 5.000, Volkswagen 21.000, Thyssenkrupp 4.000, Kaufhof 2.600, Kuka 350, Sanofi 140, Deutsche Bank 18.000, WMF 400, Audi 13.500, Bosch 15.000, NordLB 2.400, Goodyear 1.100, Unicredit 2.500, Opel 600, Windindustrie 26.000. Leiden wird darunter nach dem einst freien Individuum vor allem eines: die Umwelt.

Feine Ironie in dem Ganzen: Die BIOS Research Unit wird vollumfänglich von der Kone Foundation finanziert. Diese wiederum von der Kone Corporation. Einem an der Börse gelisteten Baugiganten, der jährlich an die zehn Milliarden umsetzt und der in Sachen „nachhaltiges Bauen“ und „mehr Staat“ als Erster von der Umsetzung der Maßnahmen profitieren würde.

„Hintergrunddokument“ der BIOS Research Unit zum „Globalen Nachhaltigkeitsreport 2019“ (Englisch)

Dieser Artikel erschien zuerst auf dem Blog des Autors.


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