29. August 2019

Anleihemarkt und Zinspolitik der Zentralbanken Organisierter Irrsinn

Ausstiegsszenarien aus dieser Kunst-Zins-Welt gibt es nicht ohne Crash

von Frank Jordan

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Bildquelle: shutterstock Der Markt wird außer Kraft gesetzt: „Kontrolle“ der Zinsen durch die Zentralbanken

Eine Anleihe ist – vereinfacht gesagt – ein zinstragendes Wertpapier. Um sich Geld zu beschaffen, geben Unternehmen, Länder oder Staaten Anleihen heraus. Dem Käufer der Anleihen, der so zum Gläubiger des Herausgebers wird, bringen die Papiere einen Zins. Dem Herausgeber der Anleihen bringt es Kapital und – im Vergleich zum Bankkredit – den Vorteil, keine zusätzlichen Sicherheiten bereitstellen zu müssen.

Je höher nun der Käufer einer Anleihe das Risiko einstuft, dass der Herausgeber in Schwierigkeiten geraten oder pleitegehen könnte, desto niedriger ist der Preis, den er für das Papier zu zahlen bereit ist, und desto höher ist der Zins, den er als Risikoprämie verlangt. Im umgekehrten Fall gilt das Gegenteil: Je solider der Herausgeber der Anleihe in wirtschaftlicher Hinsicht aufgestellt ist, desto höher kann er den Preis dafür ansetzen und desto niedriger ist der Zins, den er dafür bezahlen muss. Das leuchtet jedem Kind ein.

Die Zentralbanken haben dieses „natürliche Kräfteverhältnis“ des Markts mit der Quasi-Abschaffung des Zinses außer Kraft gesetzt und an seiner Stelle einen künstlichen durch und durch unnatürlichen Mechanismus installiert. Die Botschaft: „Das Risiko ist nicht länger etwas, das sich an ökonomischen Realitäten bemisst, sondern eine von uns bestimmbare Größe. Wenn wir sagen, das Risiko sei null oder – noch abstruser – unter null, dann ist das so.“ Das Problem: Jener Teil des Mechanismus, der sagt, dass, wo die Zinsen sehr tief sind, die Preise umso höher seien, spielt nach wie vor. Namhafte Experten nennen den Anleihenmarkt deshalb längst die größte Blase der Welt und sprechen von völlig außer Kontrolle geratenen Bewertungen – dies dank der „Kontrolle“ der Zinsen durch die Zentralbanken.

Der Anleihenmarkt ist aus diesem Grund in vielen Ländern das größte Segment des Kapitalmarkts. Oder anders gesagt: Die Marktkapitalisierung des Anleihenmarkts ist vielerorts massiv höher als jene des Aktienmarkts. Selbst in den USA, wo der Aktienmarkt deutlich höher bewertet ist als im Rest der Welt, werden dessen 35 Billionen Dollar Marktkapitalisierung von den rund 43 Billionen Dollar des Anleihenmarkts deutlich geschlagen.

Wie irrsinnig das alles ist, wird aber erst deutlich, wenn man sich die Zinsseite ansieht. Wer heute eine 20-jährige deutsche Anleihe kauft, verliert bis zu deren Ablauf rund acht Prozent. Setzt man die Inflation bei 0,5 Prozent an, verliert er real 17 Prozent. Geht man von einer Wunschinflation der Zentralbanken von zwei Prozent aus, verliert er fast 40 Prozent. Noch grotesker ist es in der Schweiz: Wer hier eine 50-jährige Anleihe kauft, kann bei zwei Prozent Inflation über die Laufzeit real mehr als 70 Prozent verlieren (Quelle: „Godmodetrader“).

Der einzige Anreiz für Anleger, sich derartige Papiere zuzulegen, ist nicht – wie es in einem gesunden Marktumfeld sein sollte – der dem Risiko angemessene Zinsertrag, sondern einzig die durch die Zentralbanken künstlich aufgeblähten und absurden Preise und damit Kursgewinne. Das, was diesen Markt am Leben erhält und nicht kollabieren lässt, sind demnach nicht Fakten, sondern einzig Glaube. Der Glaube daran, dass die Zentralbanken alles im Griff haben, was noch nie ein Mensch im Griff hatte. Der Glaube daran, dass sie zum ersten Mal in der Menschheitsgeschichte in der Lage sein werden, die so geschaffene gigantische Blase am Platzen zu hindern.

Vor diesem Hintergrund kann jede Debatte um die sogenannte Normalisierung der Geldpolitik und der Zinsen zugunsten der Sparer als genau das angesehen werden, was sie ist: eine Scheindebatte. Wahlviehbefriedigung der abstoßendsten Sorte. Denn: Ausstiegsszenarien aus dieser Kunst-Zins-Welt gibt es nicht ohne Crash. Entweder einen bewusst in Kauf genommenen oder einen, der ausgelöst wird durch jene Marktmechanismen, die auch per Gesetz beziehungsweise Gesetzesbruch nicht ausgehebelt werden können. Aus dieser Nummer kommen wir nicht heil raus. Viele werden alles verlieren. Schön wird das nicht – aber verdient wird es sein. Verdient durch Desinteresse, Obrigkeitsglaube und gepflegtes Nicht-Wissen-Wollen.

Dieser Artikel erschien zuerst auf dem Blog des Autors.


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