28. August 2019

Impfzwang Keine Herdenimmunität gegen Dummheit

Ist Entscheidungsfreiheit schädlich?

von Stefan Blankertz

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Bildquelle: shutterstock Hysterisch diskutiert: Impfzwang

Die Debatte um die Frage nach dem Impfzwang – aktuell um die Impfung gegen Masern – wird von beiden Seiten in der gleichen hysterischen Weise geführt, wie sie alle anderen Debatten zunehmend befällt. Die Hysterie ist kein böser Zeitgeist, sondern sie entspringt einem ganz präzisen sozialpsychologischen Mechanismus der Demokratie: Nach der Aufhebung der liberalen Privatheit bietet Demokratie der (herrschenden relativen) Mehrheit die Chance, den in der Abstimmung Unterlegenen Schaden zuzufügen. Wenn ein Impfzwang besteht, fühlen sich die Gegner des Impfens geschädigt, und zwar ist dies Gefühl der Schädigung unabhängig davon wahr, ob die Befürworter des Impfens behaupten, dass objektiv wissenschaftlich keine Gefahr vom Impfen ausgehe.

Umgekehrt ist mir nicht bekannt, dass die Impfgegner ein Verbot des Impfens fordern (dies mag allerdings daran liegen, dass sie nicht annehmen, ein solches Verbot durchsetzen zu können); insofern drohen sie nicht, den Befürwortern zu schaden. Allerdings bemühen die Befürworter des Impfens eine Argumentationsformel, die auch in anderen Bereichen immer weiter um sich greift, um den Zwang zu rechtfertigen: Den individuellen Entscheidungen hängt man an, dass sie die Allgemeinheit gefährden, so dass der Zwang notwendig sei, um die Gefährdung abzuwenden. Es sind zwei Punkte, die in diesem Zusammenhang angeführt werden: die Tatsache, dass Eltern die Impfentscheidung nicht für sich, sondern für ihre Kinder treffen; und das Schlagwort von der „Herdenimmunität“.

Es ist wohl wahr, dass die Eltern für ihre Kinder allerlei Risikoabwägungen vornehmen müssen, nicht nur bezogen auf das Impfen. Allerdings verhält es sich, solange die Kinder nicht volljährig sind und nicht für sich selber entscheiden können, immer so, dass sie von den Entscheidungen anderer abhängig sind. Dadurch, dass die Staatsgewalt einen Impfzwang erlässt, sind sie nicht weniger abhängig, sondern eben die Staatsgewalt entscheidet statt ihrer Eltern. An der Tatsache der Abhängigkeit ändert sich nichts. Und dass die Staatsgewalt rationaler entscheidet als die Eltern, lasse ich mal dahingestellt – dass sie (abgesehen von wenigen Fällen) mit geringerer Empathie entscheidet, ist wohl unbestreitbar. Die höhere Rationalität der Staatsgewalt wird durch einen argumentativen Trick hergestellt. Ein Kind, das durch eine Impfung geschädigt wird, gilt als bedauerliche und unvermeidliche Nebenerscheinung einer im Allgemeinen richtigen Entscheidung der Staatsgewalt; ein Kind, das aufgrund einer fehlenden Impfung erkrankt, ist das Opfer der gewissenlosen Entscheidung seiner Eltern.

An dieser Stelle erklären die Befürworter des Impfzwangs, in Relation zu den Gefahren für das nicht geimpfte Kind seien die Risiken der Impfung zu vernachlässigen. Dies geht davon aus, dass Risiken einfach gegeneinander abzuwägen seien. Das ist allerdings nicht der Fall. Wie gesagt, Risikoabwägung ist nicht nur in der Frage des Impfens erforderlich. Wenn es rein nach der Höhe des Risikos ginge, wäre es zum Beispiel „rational“ für Eltern, ihre Kinder gar nicht auf die Straße zu lassen, sondern zu Hause einzuschließen, denn das Risiko, im Straßenverkehr überfahren zu werden, ist höher als das, zu Hause bei einem Brand zu sterben. Risikoabwägung ist eine heikle, sehr individuelle Angelegenheit. Die Allgemeinheit kann via Staatsgewalt eingreifen, wendet aber die Risiken damit nicht ab, sondern entscheidet, welche Risiken einzugehen und welche zu vermeiden seien. Darf das Kind Fahrrad fahren? Auf Skiern stehen? Bungeespringen? Welche schulische Laufbahn einschlagen, was studieren, welchen Beruf anstreben? Milch trinken? Fleisch essen? Naschen? Sich vegan ernähren? In all diesen und noch tausend weiteren Fragen können Kinder für sich, Eltern mit ihren Kindern gemeinsam oder Eltern allein fatale Fehlentscheidungen treffen. Der Impfzwang ist ein Puzzleteil, das sich in die Reihe der anderen fügt, mit denen die Staatsgewalt die Freiheit des Einzelnen zunehmend stranguliert.

Kommen wir nun zur Herdenimmunität. Der Begriff klingt so (und wird so eingesetzt), als würden die Impfgegner, indem sie die „Herdenimmunität“ verhindern, die Geimpften gefährden. Das ist aber nicht der Fall. Herdenimmunität bedeutet, dass in einer Population mit einer genügend hohen Quote von Geimpften – bei Masern liegt der Schwellenwert für die Herdenimmunität bei 83 bis 94 Prozent – die Krankheit von einem Infizierten nur schwer auf einen anderen Menschen überspringen kann und sich darum langsam oder überhaupt nicht mehr ausbreitet. Auf diese Weise sinkt auch das Risiko für die wenigen Nichtgeimpften in der „Herde“, infiziert zu werden. Jemand, der etwa negative Folgen einer Impfung fürchtet, geht, wenn er die Impfung verweigert, innerhalb einer Population von überwiegend Geimpften ein bloß kleines Risiko ein. Damit schützt die Herdenimmunität die Nichtgeimpften. Für die Geimpften ist es völlig einerlei, wie viele Menschen um sie herum geimpft sind oder nicht. Die Behauptung, Impfzwang sei nötig, um durch die Erreichung der Herdenimmunität die Geimpften zu schützen, ist unrichtig und liefert insofern keine Rechtfertigung für den Zwang. Sinkt die Impfquote unter den Schwellenwert für Herdenimmunität einer bestimmten Krankheit und bricht dann eine Epidemie aus, trifft sie ausschließlich die Nichtgeimpften, die die Entscheidung getroffen haben, dieses Risiko auf sich zu nehmen (auch „Nachlässigkeit“ ist, wohlgemerkt, eine Entscheidung).

Eine knifflige Frage stellen die Personen (Kinder) dar, die aus medizinischen Gründen nicht geimpft werden dürfen und die angeblich durch die Herdenimmunität geschützt werden müssen. Die Gründe, aus denen Kinder aus medizinischen Gründen nicht geimpft werden dürfen, sind meist vorübergehender Natur, so dass eine Impfung später nachgeholt werden kann; und durch den Fortschritt der Entwicklung von Impfstoffen wird die Gruppe derer, die nicht geimpft werden können, immer kleiner. Dennoch: Ist es nicht angebracht, mit einem Impfzwang die Herdenimmunität sicherzustellen, so dass solche Kinder, deren Eltern nicht aus Impfgegnerschaft die Impfung unterlassen haben, sondern aus medizinischer Notwendigkeit, behütet werden? Hier mit Ja zu antworten, würde, vorsichtig ausgedrückt, eine höchst problematische Maxime etablieren: Die Maxime würde lauten, dass eine Person (Impfgegner) gezwungen werden darf, das Risiko einer anderen (einer Person, die aus medizinischen Gründen nicht geimpft werden darf) zu reduzieren. Im Sinne des kantischen kategorischen Imperativs handelt es sich hierbei um keine Maxime, die als ein allgemeines Gesetz zu denken wäre: Denn der Impfgegner hätte nicht die gleiche Möglichkeit, sein Risiko auf andere (auf die Impfbefürworter) zu überwälzen.

Die ganze Argumentation der Befürworter des Impfzwangs läuft also schließlich darauf hinaus, dass sie behaupten müssen, es bestehe gar kein Risiko. Die Impfgegner wären dementsprechend paranoid, also psychisch krank, da sie eine eingebildete Gefahr beim Impfen sehen. Darüber hinaus muss die Argumentation annehmen, dass die Staatsgewalt berechtigt oder sogar verpflichtet sei, in diesem Falle eine Teilentmündigung vorzunehmen. Die Impfgegner unterstellen im Gegenzug den Impfbefürwortern böse und menschenfeindliche Motive. Es ist zu befürchten, dass sie, wenn sie die Chance erhalten, die demokratische Mehrheit zu erlangen, mit einer ähnlichen Unduldsamkeit gegen die Impfbefürworter vorgehen würden wie jetzt die Impfbefürworter gegen die Impfgegner.

Schließlich wird als eine Vorstufe zum Impfzwang oder als dessen Ersatz, wenn ein Impfzwang politisch nicht durchsetzbar ist, diskutiert und zum Teil schon praktiziert, dass Kitas oder Schulen und andere Institutionen es ablehnen, dass Kinder sie besuchen, wenn sie nicht geimpft sind. Prinzipiell gesehen hat natürlich jede (private!) Institution das Recht, den Zugang zu reglementieren, und dazu gehört auch, dass sie entscheiden kann, Nichtgeimpfte auszuschließen (also zu diskriminieren). Problematisch wird es bei öffentlichen Institutionen, die quasi Monopolcharakter haben, weil sie über Steuergelder finanziert oder subventioniert werden und darum private Konkurrenz überflügeln können beziehungsweise ihre Nutzung auf eine reiche Klientel beschränken. So zeigt sich wieder die liberale Weisheit, dass es für den öffentlichen Raum keine rationale oder „gerechte“ Entscheidung geben kann: Jede Entscheidung würde eine bestimmte Gruppe der Öffentlichkeit und damit der Steuerzahler diskriminieren (also ausschließen). Und darum werden die Auseinandersetzungen, die um die Hoheit über die öffentlichen Räume geführt werden, hysterisch und gewaltsam: Der, der obsiegt, kann mir schaden. Oder ich kann, wenn ich obsiege, anderen schaden.

Das ist kein gutes gesellschaftliches Konzept. Die Privatheit und die Entscheidungsfreiheit müssen bewahrt werden, und dort, wo sie schon verlorengegangen sind, gilt es, sie wiederzugewinnen.


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