09. August 2019

Überraschende Weinverkostung Lehre fürs Leben

Welches Geschmacksurteil kommt der Wahrheit näher?

von Jörg Seidel

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Bildquelle: shutterstock Weinverkostung: Wo ist das mystische Geschmackserlebnis?

Wir saßen wieder zusammen, mein ungarischer Freund und ich. Er über 80, Weinbauer und eifriger Deutsch-Studierender, und ich, der sein bisschen Ungarisch anzubringen versucht. Neben Politik – vollkommen konträre Meinungen werden friedlich ausgetauscht – geht es oft um Wein. Wir testen gemeinsam immer wieder neue Weine… ich lerne viel auf einem bisher fremden Gebiet.

Heute sagte er am Ende unserer Runde: „Jetzt musst du noch arbeiten“, und stellte drei Gläser Rotwein auf den Tisch, hinter jedem eine Nummer. Ich sollte nun testen und eine Reihenfolge erstellen.

Es war recht leicht, den schwächsten Wein zu finden, nahezu geruch- und geschmacklos. Bei den beiden anderen war es hingegen sehr schwer. Hinzu kam der Verdacht, dass auch einer von seinen dabei sein könnte.

Der eine war zwar etwas still, zeigte aber eine überraschende Tiefe. Stille Weine sind tief. Eine seltene Note, ein bisschen metallisch fast, Kupfer, aber auch fein süß-säuerlich, das alles aber dezent. Eine blasse Schönheit, kleine, aber perfekte Kurven. Der andere hingegen sprang mich an wie eine liebesreife, mit allen Wassern gewaschene Frau, bereit, mich aufs vollkommenste zu verwöhnen. Kräftig, rund, vollbusig, rote Lippen, schon ein klein wenig braun, oxidiert – also zu alt –‍, aber willig und ein bisschen vulgär. Kein Mensch hätte hier sagen können, das sei ein schlechter Wein.

Und dennoch entschied ich mich für jenen zarten, denn dieser übertrieb es maßlos, fast bis zum Ordinären. Dafür müsse man fast 100 Euro zahlen, sagte er. Es war ein Amarone della Valpolicella Barrique 2011, der, wie der Meister betonte, zu lange im Fass gelagert habe. Und meine erste Wahl war tatsächlich sein eigener, ein 2016er Cabernet Sauvignon, der dritte auch ein Eigengewächs, ein Kadarka, über den wir hier schweigen.

Nun gab es eine kleine Vorgeschichte. Vor zwei Monaten probierte ich schon einmal einen Cabernet Sauvignon von ihm und war so überwältigt, dass ich gleich zehn Kisten bestellte. Aber leider handelte es sich um eine limitierte Edition, die im Handel gar nicht erhältlich ist. Zehn Kartons könne er mir nicht geben, aber einen. Und den hatte ich seither als Schatz gehütet und wollte die Flaschen nur zu besonderen Anlässen öffnen.

Würde er ihn übrigens verkaufen, dann – das ist eben Ungarn – für drei Euro die Flasche. Auch das habe ich von ihm gelernt. Alfred Bioleks Behauptung, guten Wein unter 20 Euro gebe es nicht, hielt er für Unsinn, und sein Cabernet Sauvignon war der beste Beweis.

Dessen Geschmack zu beschreiben, fällt mir schwer. Es war ein Feuerwerk der Sinne! Kaum hatte man den ersten Schluck im Mund hin und her gerollt – der Meister schlürft seinen Wein lautstark, weil Sauerstoff den Geschmack intensiviere – und endlich verschluckt, gelüstete es schon nach dem nächsten. Am besten kann man den Geschmack vielleicht mit Umami vergleichen, dem fünften Geschmack, den sehr guter Käse manchmal, feiner Serrano-Schinken oder getrocknete Tomaten oder am sichersten die japanischen Umeboshi-Aprikosen auslösen können, wenn man sie richtig dosiert. Ohne aufdringlich zu sein, befriedigt er alle Geschmacksnerven. Salzig, bitter, süß und jene verführerische Sauernote, die einem das Wasser im Mund zusammenfließen lässt.

Ich fragte heute also überrascht, ob das der Cabernet Sauvignon sei, den ich vor Wochen von ihm erworben hatte? „Igen“ („ja“). Der 2016er? „Igen“.

Obwohl ich ihn also aufs Siegertreppchen gestellt hatte – zum Glück –‍, hatte ich ihn nicht wiedererkannt. Er war gut, aber es war nicht dieses mystische Erlebnis von vor zwei Monaten. Damals hatte ich zwei Flaschen genossen, und bei beiden hatte es ununterbrochen funktioniert. Und nun war der Zauber dahin?

Zu Hause angekommen, wollte ich es wissen und öffnete eine der heiligen Flaschen. Mit welchem Resultat? Ein guter Wein, noch immer, für drei Euro geschenkt, aber die Magie war verschwunden, die Bitternote überwog. Ich suchte den Zauber überall, mit der Zungenspitze, auf und unter der Zunge, an den Wangen, am Gaumen, im Rachen, ja sogar im Duft – er war verschwunden!

Es war nicht mehr der Zauberwein. Gerade sitze ich hier und nippe immer wieder an meinem Glas und suche darin das Geheimnis. Es ist entwichen.

Der Wein, nehme ich an, ist noch immer der gleiche. Mein Geschmack muss sich geändert haben, mehr noch: mein Urteil.

Welches nun der Wahrheit näher kommt, das alte, faszinierte oder das neue, ein bisschen enttäuschte oder vielleicht auch gar keines – ich weiß es nicht. Aber ich weiß, dass ich meinem Urteil nicht blind vertrauen darf.

Dieser Artikel erschien zuerst auf „Seidwalk“.


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