30. Juli 2019

Bei politischer Rhetorik wird mit zweierlei Maß gemessen Jagdgesellschaft

Bei wem etwas absurd ist und bei wem nicht

von Klaus Peter Krause

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Bildquelle: shutterstock Schöne Jagdgesellschaft: Deutsche Politiker (Abbildung ähnlich)

„Wir werden sie jagen“, hatte Alexander Gauland gesagt. „Wir werden Frau Merkel oder wen auch immer jagen, und wir werden uns unser Land und unser Volk zurückholen. Wir werden die Regierung vor uns hertreiben.“ Das war nach der Bundestagswahl 2017 am 24. September gewesen, als die AfD, nunmehr drittstärkste Partei, in den Deutschen Bundestag gewählt worden war. Ob solcher „Kampfansage“ mussten und müssen Gauland und die AfD mannigfache arrogante Kritik über sich ergehen lassen: Gaulands Aussage lasse Schlimmes befürchten („Focus“), sie sei „aggressive Rhetorik“ („Der Spiegel“), sie sei „erschreckend und beängstigend“ (Moderatorin Sophia Thomalla). Für die gegnerischen Altparteien wurde das „Wir werden sie jagen“ zum geflügelten Wort, um auch mit ihm über die AfD herzufallen. Nun immerhin tritt auch die CDU zum Jagen des politischen Gegners an.

„Jagdbefehl“ beim CDU-Landesparteitag in Heilbronn

Der Bundestagsabgeordnete Peter Boehringer (AfD) hat darauf aufmerksam gemacht. Er verweist auf den Landesparteitag der CDU Baden-Württemberg jüngst in Heilbronn und auf den „FAZ“-Bericht darüber. Dessen anzügliche Überschrift lautet: „Jagdbefehl in der Harmonie“. „Harmonie“ heißt das Veranstaltungszentrum in Heilbronn, wo der CDU-Landesparteitag stattgefunden hat. Die Rede des Generalsekretärs Manuel Hagel auf diesem CDU-Landesparteitag habe – so die „FAZ“ – für Aufruhr gesorgt, nämlich bei den Grünen der schwarz-grünen Koalition Baden-Württembergs. Denn gar Schlimmes hatte Hagel gesagt.

Bei wem etwas absurd ist und bei wem nicht

Im „FAZ“-Bericht liest sich das so: „Hagel erklärte nämlich in der Rede, dass nun die ‚politische Schonzeit‘ für den grünen Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann vorbei sei, er sage das ‚auch als Jäger‘.“ – „Manuel Hagel lehnte es im Gespräch mit der ‚FAZ‘ ab, sich von seiner Rede zu distanzieren. Er sei vom CDU-Landesvorsitzenden Thomas Strobl kürzlich aufgefordert worden, den Ministerpräsidenten zu schonen. ‚Ich habe daher bewusst auch vom Ende politischer Schonzeit gesprochen‘, sagte Hagel. Er habe ebenfalls bewusst auf sein Hobby angespielt und von sich als Jäger gesprochen. Denn ‚in der Schonzeit‘, so der aus Oberschwaben stammende CDU-Politiker, hege und pflege ein Jäger die Tiere ‚auf ganz besonders achtsame Weise‘. Diese besondere politische Pflege des Ministerpräsidenten habe die CDU mit dem Nominierungsparteitag nun beenden wollen. Jede andere Interpretation seiner Aussage, so Hagel, sei daher ‚absurd‘.“ Kommentar Boehringer: „Komisch – bei Gauland war die völlig andere Interpretation im Mainstream keineswegs ‚absurd‘…“

Kretschmann will nicht gejagt werden

Auch der „FAZ“-Bericht vom Landesparteitag stellt klar: „Jagdmetaphern haben in der politischen Konfliktkommunikation zwischen Grünen und CDU, die im Südwesten seit 2016 eine gemeinsame Regierung bilden, schon häufiger eine Rolle gespielt: Der CDU-Landesvorsitzende Thomas Strobl hatte auf dem vorausgegangenen Parteitag in Weingarten im Mai dieses Jahres angekündigt, die CDU werde Kretschmann aus der Villa Reitzenstein, dem Sitz der Landesregierung in Stuttgart, ‚verjagen‘. Kretschmann hatte sich darüber geärgert und darauf hingewiesen, dass Politiker in Demokratien gewählt oder abgewählt, aber – auch vom politischen Gegner – nicht gejagt würden.“

Die Grünen „jagen“ aber ebenfalls gern

Die Grünen selbst jagen aber ebenfalls gern. Als die Kohl-Regierung (mit der FDP) die Bundestagswahl im Oktober 1994 noch einmal knapp gewonnen hatte, ließ sich der damalige Grünen-Sprecher Ludger Volmer am Wahlabend mit diesen Worten vernehmen: „Wir werden den Kanzler jagen.“ Und Ulli Kulke schrieb auf der „achse des Guten“ am 9. Oktober 2017 gleich nach Gaulands Jagdruf, „die Regierung jagen“ habe schon immer zum Parlamentarismus gehörtuntermauert mit vielen Belegen.

Eine schöne Gesellschaft, diese Jagdgesellschaft: Jagen dürfen immer nur die anderen. Doch apropos: Das Jagen durch die AfD findet statt. Es sind Jagdszenen im Bundestag.

Alexander Gauland: „Wir werden Frau Merkel jagen“

„Frankfurter Allgemeine“: „Jagdbefehl in der Harmonie“

„Spiegel Online“: „‚Den Kanzler jagen‘“

„Achse des Guten“: „Jagdverbot im Parlament – aber nur für einen“

Dieser Artikel erschien zuerst auf dem Blog des Autors.


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