18. Juli 2019

Flughafen Berlin-Brandenburg Das „nationale Trauma“

Planspiele, grüne Ängste und leere Hotelbetten

von Michael Klein

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Bildquelle: SpandowStockPhoto / Shutterstock.com Geisterflughafen: BER

Chris Bowlby von der BBC findet die Gebäude „impressive enough“, reichlich beeindruckend. Und vermutlich sind sie das auch. Täglich fährt ein Zug in die Haltestation. Täglich sind die Angestellten im riesigen Hotel dabei, die Zimmer zu lüften, Staub zu wischen und die Wasserhähne aufzudrehen, natürlich in allen Zimmern. Täglich laufen die Laufbänder für das Gepäck von früh am Morgen bis spät am Abend. Die Anzeigetafeln zeigen jeden Tag Flüge an, einige davon sind durch die Dauerbelastung so ausgelaugt, dass sie demnächst ersetzt werden müssen.

BER – die größte deutsche Baustelle, von der alle hoffen, dass sie keine Bauruine wird und im Oktober 2020 tatsächlich als Flughafen Berlin-Brandenburg eröffnet werden kann. Denn bislang ist BER ein Geisterflughafen. Der Zug fährt, um die Schienen instand zu halten. Die Hotelangestellten säubern leere Zimmer, in denen noch nie ein Gast übernachtet hat, und drehen Wasserhähne auf, damit die Wasserleitungen instand gehalten werden. Die Laufbänder drehen sich ohne Gepäck, die Anzeigetafeln zeigen Abflüge und Ankünfte für Berlin-Tegel…

BER – ein nationales Trauma, wie Bowlby in seinem Beitrag „Berlin Brandenburg: The airport with half a million faults“ für die BBC schreibt. Das nationale Trauma ist ein Schulbeispiel dafür, was passiert, wenn sich ahnungslose Politiker, die einer noch ahnungsloseren Ansammlung in SPD-geführter Regierung vorsitzen, mit ihrer gesamten Ahnungslosigkeit und einem gerüttelten Maß an politischer Großmannssucht in die Planung und den Bau eines Flughafens einmischen. Als Ergebnis gibt es nicht nur eine Kostensteigerung von knapp einer auf mehr als sieben Milliarden Euro, es gibt auch ein Terminal, das nachträglich verändert wurde, um dem Ausmaß des Airbus A380 gerecht zu werden. BER trägt somit die Auszeichnung, ein entsprechendes A380-taugliches Terminal zu besitzen, das geplant wurde, als mit der Produktion des A380 gerade begonnen wurde, das fertiggestellt wurde, als der A380 geflogen ist, und das eröffnet wird, nachdem die Produktion des A380 eingestellt wurde.

Das nationale Trauma ist ein Schulbeispiel dafür, wie ideologischer Irrsinn Steuerzahler riesige Summen kostet. Meinhard von Gerkan, so schreibt Chris Bowlby in einer Mischung aus Irritation und dem Bemühen, nicht lauthals herauszulachen, sei kein Freund von Shops und Einkaufen. Und wenn in Deutschland einer, der sich wohl selbst über anderen ansiedelt, etwas nicht mag, dann schließt er daraus, dass das, was er nicht mag, anderen vorenthalten werden muss. Deshalb hat von Gerkan so wenig Shops wie nur möglich im BER geplant. Die Betreibergesellschaft, die im Gegensatz zum Architekten die laufenden Kosten des Flughafens decken muss, hat dies zu spät bemerkt. Die nachträglichen Änderungen, die notwendig waren, weil ein Architekt seinen ideologischen Spleen nicht von seinem Beruf trennen kann, haben erheblich zum Bauchaos in Berlin beigetragen. Ahnungslose Politiker als Bauherren, Ideologen als Architekten, so etwas gibt es wohl nur in Berlin, und natürlich zahlen die Steuerzahler die Zeche – deutschlandweit.

Weil man aber Wahnsinn in Deutschland nie als Endergebnis, sondern immer als Ausgangspunkt sieht, um eine Steigerung desselben voranzutreiben, gibt es nunmehr „BER 2040“, einen Masterplan, der die notwendige Erweiterung des Flughafens vorantreiben will, der noch nicht einmal eröffnet wurde. Und es gibt bereits die Grünen vom Bündnis 90, die sich darüber sorgen, dass der Masterplan, der den Flughafen erweitern soll, der noch nicht eröffnet wurde und von dem auch heute noch niemand weiß, ob alle Fehler, die seiner Eröffnung bislang im Wege stehen, bis Oktober 2020 beseitigt werden können, dann, wenn der Flughafen tatsächlich eröffnet wurde und der Masterplan, also die Erweiterung im Masterplan, 2040 tatsächlich durchgeführt wurde (im Zeitrahmen und so, dass es funktioniert), zu mehr Flugverkehr und mehr Passagieren und mehr Anreise und Abflug und Kerosin und Fluglärm für die Anwohner führt und natürlich Kohlendioxid! Im wievielten Konditional sind wir hier eigentlich?

Falls es gelingen sollte, den BER bis 2020 zu eröffnen, falls es gelingen sollte, den BER, der 2020 eröffnet wurde, bis 2040 um ein paar Terminals zu erweitern, falls die entsprechende Planung dieses Mal so sein sollte, dass es nicht zu erheblichen Verzögerungen und Kostensteigerungen kommt, falls sich nicht zwischen 2020 und 2040 ein Meteorit des ganzen Schlamassels erbarmen und den BER in einer Nacht- und Nebelaktion dem Erdboden gleichmachen sollte, falls es der rot-rot-grünen Regierung von Berlin nicht gelingen sollte, Berlin bis 2040 zum Armenhaus von Deutschland zu entwickeln, in dem sich niemand außer den Abgeordneten der Regierungsparteien Berlins einen Inlands‑, geschweige denn einen Auslandsflug leisten kann, dann könnte es tatsächlich sein, dass das Aufkommen der Fluggäste 2040 höher ist als heute. Aber das ist keine Kunst, denn das Fluggastaufkommen im BER ist heute: null.

Aber so weit wird es nicht kommen, Planungskatastrophen, politische Einmischung und Ideologen bei der Arbeit werden es verhindern. Die entsprechende salvatorische Klausel in der Antwort der Bundesregierung auf die erschreckte Anfrage der Grünen vom Bündnis 90, denen man erzählt hat, mehr Flugzeuge und ein größerer Flughafen könnten mehr Passagiere bedeuten, macht dies sehr deutlich: „Die FBB (also die Betreibergesellschaft des BER) sieht den Masterplan BER 2040 als einen Plan, der immer wieder angesichts vieler volatiler Einflussfaktoren zu überprüfen, zu aktualisieren und zu konkretisieren ist.“ Das ständige Verändern dessen, was als BER geplant war, die Veränderung während des Baus, war die Ursache für das Planungs- und Baufiasko in Berlin. Da sage noch einmal jemand, aus Schaden wird man klug; nicht in Berlin – wie es scheint.

Die ganze Posse ist ein hervorragendes Beispiel zur Illustration von Unprofessionalität. Unprofessionalität kann man als Unfähigkeit beschreiben, die eigenen Vorlieben von dem, was getan werden soll, zu trennen. Unprofessionelle sind ständig dabei, ihre Ideologie und ihre Tätigkeit zu vermengen. Eine Vielzahl von Sozialwissenschaftlern hat darauf hingewiesen. Letztlich dreht sich der gesamte Werturteilsstreit darum.

Was an Universitäten dann, wenn Gender-Studierte die wissenschaftliche Methode durch ihre Gender-Ideologie zerstören, in einem Exodus von Wissenschaftlern und einem Niedergang der Wissenschaft resultiert, führt im Zusammenhang mit Brücken, Flughäfen und sonstigen Objekten der Infrastruktur zu vorhersehbaren Katastrophen. Man stelle sich vor, ein Architekt hat Probleme mit Stahlbeton. Er nutzt deshalb lieber das nachhaltige Pappmaché, oder er will seinen Mitmenschen das Einkaufen vermiesen und lässt deshalb die Shops aus seiner Planung heraus, nein, Letzteres muss man sich gar nicht vorstellen. Es ist längst Realität. In Berlin.

„BBC News“: „Berlin Brandenburg: The airport with half a million faults“ (Englisch)

Dieser Artikel erschien zuerst auf „Sciencefiles“.


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