17. Juli 2019

Gedenkstätten für den Jugoslawienkrieg Die gefährliche Dialektik des Erinnerns

Hier werden kommende Grausamkeiten ausgebrütet

von Jörg Seidel

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Bildquelle: Giovanni Vale / Shutterstock.com Gedenktafel für die Opfer des Massakers in Srebrenica: Brutstätte neuer Grausamkeiten?

„Wenn jemand eine Reise tut, so kann er was verzählen“, dichtete einst Matthias Claudius, und besonders ausgiebig kann er das, wenn ihn diese Reise nach Sarajevo führt. Ich habe noch keine Stadt erlebt, in der es so knistert, in der Geschichte und Gegenwart, Freude und Leid, Licht und Schatten, Orient und Okzident, Moderne und Antike derart faszinierende Kontraste und Konflikte bilden. Egal ob man durch die muslimisch geprägte Altstadt schlendert, in den anliegenden Bergen spazieren geht, sich das Olympische Dorf anschaut oder eine der zahlreichen Ausstellungen und Museen ansieht, überall spürt man diese Spannung.

Noch immer wird das Leben, das scheinbar in voller Blüte steht, vom Dunkel des Krieges überschattet. Das ist in Mostar oder Vukovar oder Osijek nicht anders, bündelt sich aber in Sarajevo ganz besonders. Schon allein die Lage der Stadt macht sie zum Trichter. Sie zieht sich scheinbar endlos am Fluss Miljacka entlang, links und rechts von Bergen eingeschlossen. Von dort – das begreift man unmittelbar – liegt die Stadt ungeschützt vor jedem Angreifer.

Das war die Lage von 1992 bis 1995. Die vornehmlich bosnisch bewohnte Stadt war ringsherum von serbischen Kräften eingekesselt, die aus komfortabler Position ihre Kanonen abfeuern, ihre Sniper arbeiten lassen konnten. Nur weit im Südwesten, am Flughafen, gab es noch eine schmale Verbindung zum „Freien Bosnischen Territorium“. Über diese letzte Versorgungsbrücke überlebte die belagerte Stadt. 11.000 Menschen fanden den Tod.

Da man das Gelände, das rechts und links in serbischen Einschusslinien lag, nicht einfach überwinden konnte, wurde ganz heimlich ein 800 Meter langer Tunnel gebaut. Und der Rest dieser Anlage dient heute als Museum. Man läuft an einer Bilderwand vorbei, kann sich Filme anschauen, durch ein paar Meter des Ganges kriechen oder sich billige Souvenirs kaufen, von denen etwa die Hälfte religiösen Propagandacharakter trägt.

Man geht unweigerlich bei diesem Rundgang an fremden Touristengruppen vorbei und kann den Satzfetzen der sehr professionellen Guides folgen. Einer amerikanischen Gruppe wurde sehr eloquent gerade das Leid und die Entbehrung geschildert – „Imagine“, so beginnt jeder zweite Satz –‍, und hinter mir höre ich deutsche Stimmen, die sich darüber beschweren, dass alle Bildtexte nur auf Serbokroatisch zu lesen seien. Ich drehe mich um und sehe zwei junge muslimische Frauen unter Kopftuch.

Und da geht mir plötzlich ein Zusammenhang auf. Schon auf dem Parkplatz fiel mir die hohe Zahl an Muslimen auf, aber man bewegt sich schließlich im bosnischen Teil der Kunstrepublik Bosnien-Herzegowina. Wenn aber – was sich später immer wieder bestätigen sollte – diese Erinnerungsstätten bevorzugt von Muslimen aus ganz Europa besucht werden, dann offenbaren sie eine unerwartete Funktion. Sie dienen als Schreine. Hier wird nicht nur bosnische, hier wird auch muslimische Geschichte verhandelt, und nicht die Geschichtsinteressierten zieht es hierher, sondern die Glaubensbrüder. Die Orte muslimischen Leidens sind Identitäts‑, sind Kraftorte, die einstigen Helden der bosnischen Armee, die Toten sind Märtyrer.

Mit dieser Einsicht gestaltet sich der Gang durch die Innenstadt plötzlich ganz anders. Mit einem Mal sieht man an allen Ecken und Enden, in den Cafés, in den

Läden westliche Touristen mohammedanischen Glaubens. Sie sind wahrlich nicht schwer zu erkennen. An der Seilbahn treffe ich auf ein halbes Dutzend junger Männer aus Leicester, die alle ein Leicester-City-Shirt anhaben, die den klassischen mittelenglischen Akzent sprechen: Sie sind wohl pakistanischer Abstammung, und einige tragen die typischen Bärte; in einem Café hören wir hinter einer Vollverschleierung Deutsch sprechen; drei junge hübsche englische Muslima laufen mit uns gemeinsam über die Brücke in Mostar, und so geht es überall.

Man wird also annehmen dürfen, dass zumindest ein Teil der europäischen Muslime sich islamisch geprägte Reiseziele sucht. Das eröffnet die Gelegenheit, Stadt und Geschichte aus ihren Augen zu betrachten.

In einem Museum, das sich dem Massaker von Srebrenica widmet, wo serbische Truppen unter Ratko Mladić und unter komplettem Versagen der niederländischen UN-Truppen mindestens 8.000 gefangene Bosnier – fast alles Männer und Jungen – abschlachteten, sitzen wir mit mehreren komplett schwarz verhüllten Frauen und ihren bärtigen Männern zusammen und schauen uns einen erschütternden Film an. Die Männer zücken ihre Handys und nehmen einige Passagen auf, dann springen sie immer wieder auf, laufen herum, sind es offenbar nicht gewohnt, sich lange auf Geschichte zu konzentrieren. Aber die Botschaft haben sie verstanden!

Was bleibt ihnen aber anderes übrig, als diese Eindrücke in „Wir“ und „Die“ zu übersetzen? Immer wieder sprechen weinende Frauen auf der Leinwand von „den Serben“ oder mehr noch von „den Tschetniks“. Die Tschetniks, das waren Freikorps und Räuberbanden im Ersten Weltkrieg, und auch im Jugoslawienkrieg nannten sich einige Freischärler so, doch hier ist dieser Begriff ein Begriff des Schmerzes und des Hasses.

Auch die alten Phrasen werden hier entzaubert. Im Film sagt ein niederländischer Soldat, man habe ja nicht gewusst, was da draußen mit den Bosniern geschehe. Wir Deutschen kennen den Satz zur Genüge. Aber Europa und die Welt hat ganz genau gewusst, was passiert, und es dennoch nicht verhindert, mehr noch, die vollkommen überrumpelten Niederländer trieben noch Tausende Schutzsuchende aus ihrer Kaserne hinaus und übergaben sie damit dem sicheren Tod.

Man begreift in diesen Situationen, was Demut vor der Entscheidung und der Ohnmacht anderer Menschen in extremen historischen Situationen ist. Wer anderen aus der sicheren historischen Distanz Tatenlosigkeit oder Weggucken und Wegducken vorwirft, ist ein Feigling, der sich hinter einer abstrakten Moralität versteckt.

In Mostar steht an einer Wand, gegenüber einem noch komplett zerschossenen Haus und gleich neben dem „Museum for war and genocide“ in großen roten Lettern ein (weitverbreiteter) Spruch, den man uns mit: „Wir vergessen nie, wir vergeben nie!“ übersetzte. Er bringt die eigentliche Dialektik der Erinnerungskultur auf den Punkt!

Erinnern und Vergeben sind Antipoden. Erinnerungsstätten werden immer wieder mit der „Mahnung“, der „Lehre der Geschichte“, einem „Nie wieder!“ legitimiert, und gäbe es ein reines Erinnern, dieses Argument hätte eine gewisse Kraft. Aber das historische Erinnern an ein zugefügtes Leid gleicht im Kern dem permanenten Auflecken von Wunden, wie man es bei Tieren oft sehen kann. Die Wunde wird zum Geschwür, sie schmerzt viel länger, sie frisst sich tief in das Dauerbewusstsein ein.

Erinnerungsstätten sind auch Hass- und Zornbanken (Sloterdijk), wenn sie kultisch verehrt werden; von ihnen kann das Ressentiment bei späterer Verwendung und oft mit Zins abgehoben werden. Sie sorgen dafür, dass das „Nie wieder!“ nie Wahrheit werden kann.

Diese Erinnerungsstätten in Sarajevo, Mostar oder Vukovar sind mehr als Lehrpfade. Dort kann man noch unmittelbar erleben, was in Auschwitz oder Buchenwald für Deutsche vielleicht kaum noch zu empfinden ist. Sie sind Stätten schwärenden Grimms.

Von dort, vom institutionalisierten Erinnern und Gedenken und seinen Stätten, geht nicht nur Erinnerung und Mahnung aus, sondern da werden auch die kommenden Grausamkeiten ausgebrütet.

Dieser Artikel erschien zuerst auf „Seidwalk“.


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