18. Februar 2020

Tweet der Fernsehmoderatorin Anja Reschke über „geschlossene rechte Weltbilder“ Nazis aus der Hölle

Was ist das für ein „Geschichtswissen“?

von Michael Klonovsky

Artikelbild
Bildquelle: shutterstock Nazis im Weltbild der Mainstream-Medien: Dämonen aus der Hölle

Keine Ahnung haben, aber dreiste Behauptungen in den Äther blasen, das nennt sich hierzulande Journalismus. Der folgende Tweet stammt zwar aus dem Dezember 2018, aber erstens bekam ich ihn zufällig heute zugeschickt, zweitens ist er undementiert, drittens wohnt ihm eine gewisse überzeitliche Aktualität inne: „Der Anteil der Menschen, die ein geschlossenes rechtes Weltbild haben, war 1933 nicht anders als heute. Die Frage ist: Was macht der Rest? Und 1933 hat der Rest es zugelassen. Heute sind wir um unser Geschichtswissen reicher.“ (Anja Reschke, „Panorama“-Moderatorin und Autorin von „Haltung zeigen!“, in der WDR-5-„Redezeit“)

Zunächst einmal müsste die „Panorama“-Frontmaid Auskunft darüber geben, woher sie ihre Kenntnis vom Anteil derer bezieht, die 1933 über ein „geschlossenes rechtes Weltbild“ verfügten. Dieser Plapperterminus wurde ja erst von linken Sozio‑, Polito‑, Ideo- und Paläontologen in den zivilgesellschaftlichen Rumor der späten zweiten Republik eingespeist und angeblich empirisch erforscht. Unsere Haltungs-Hore vergleicht also zwei Größen, von denen die eine unbekannt, die andere durch interessengeleitete Fragestellung bei den Erhebungen a priori manipuliert ist. Sodann steht die Frage im Raum (ohne Volk), wie Reschke darauf kommt, dass die Nationalsozialisten von Menschen gewählt wurden, die ein geschlossenes rechtes Weltbild besaßen, woran sich als nächstes die Frage schließt, ob denn die Nazis selber, Mann für Mann, über ein solches geschlossenes rechtes Weltbild geboten und mit ihm die Macht erlangt haben.

Die Diskussion darüber, ob die Nationalsozialisten eher links oder eher rechts einzuordnen seien, wird ja seit Längerem geführt, und zumindest diese Tatsache müsste sogar einer ARD-Journalistin mit Politologiestudium bekannt sein. Über ein geschlossenes rechtes Weltbild verfügten 1933 zum Beispiel weder Hermann Göring, noch Joseph Goebbels, noch Albert Speer, und erst recht nicht Gregor Strasser. Aber wenigstens A. Hitler?

„Hitler ist keineswegs so leicht als extrem rechts im politischen Spektrum einzuordnen, wie viele Leute es heute zu tun gewohnt sind“, notierte Sebastian Haffner in seinen berühmten Anmerkungen zu ebenjenem (München 1977). „Er war natürlich kein Demokrat, aber er war ein Populist: ein Mann, der seine Macht auf Massen stützte, nicht auf Eliten; in gewissem Sinne ein zu absoluter Macht gelangter Volkstribun. Sein wichtigstes Herrschaftsmittel war Demagogie, und sein Herrschaftsinstrument war keine gegliederte Hierarchie, sondern ein chaotisches Bündel unkoordinierter, nur durch seine Person an der Spitze zusammengehaltener Massenorganisationen. Alles eher ‚linke‘ als ‚rechte‘ Züge.“

Haffner wies zudem darauf hin, dass die einzige ernsthafte Opposition gegen Hitler „rechts“ von ihm stand und aus den konservativen Funktionseliten stammte („ernsthaft“ meint hier: aus Regimeperspektive oberhalb der Ebene eines Polizeiproblems angesiedelt). Sie gipfelte, wie jeder weiß, im Attentat des 20. Juli 1944, nach dem der Führer sein Bedauern darüber kundtat, dass er zwar mit den Kommunisten aufgeräumt, aber die reaktionäre Adels- und Offiziersclique vergessen habe, „dieses Gesindel, das sich aus der einstigen Zeit herübergerettet hat“, während Stalin das Problem mit seinen Säuberungen angemessen gelöst habe. „Wir

haben den Klassenkampf von links liquidiert, aber leider haben wir vergessen, den Klassenkampf von rechts zur Strecke zu bringen“, sagte Hitler nach dem Bericht seiner Sekretärin Christa Schroeder (zitiert nach Kershaw, „Hitler“, Band II, Seite 903). Auf einer Tagung der Reichs- und Gauleiter am 24. Februar 1945 nannte er es „unsere große Unterlassungssünde“, nicht auch den „Schlag gegen rechts“ geführt zu haben.

Schon im Horst-Wessel-Lied hieß es bekanntlich: „Kam‘raden, die Rotfront und Reaktion erschossen,/ Marschier‘n im Geist in unser‘n Reihen mit.“ Das wäre dieselbe Äquidistanz. Am Abend der Märzwahl 1933 erklärte Hitler in kleiner Runde, verärgert darüber, dass die NSDAP die absolute Mehrheit verfehlt hatte, solange Hindenburg lebe, werde er diese deutschnational-konservative „Bande“ nicht los. Was ihn an den alten Eliten abstieß, war keineswegs deren Nationalismus, sondern ihr besitzbürgerlicher Antisozialismus. Hitler nahm den Begriff „Nationalsozialismus“ wörtlich: „Sozialismus kann nur sein im Rahmen meines Volkes“, erklärte er, denn es gebe „nur annähernd Gleiche in einem Volkskörper in größeren Rassegemeinschaften, aber nicht darüber hinaus“. Es war kein oder allenfalls ein maßvoller Etikettenschwindel, dass er seinen politischen Kampfbund „Arbeiterpartei“ nannte. Als Hitler sich am 30. November 1941 in einem seiner legendär-berüchtigten Monologe der „Kampfzeit“ erinnerte, offenbarte er: „Meine damalige Partei war doch zu 90 Prozent aus Links-Leuten zusammengesetzt. Ich habe nur Leute brauchen können, die geprügelt haben.“ In einer Rede zum 1. Mai 1927 hatte der NSDAP-Chef verkündet: „Wir sind Sozialisten, wir sind Feinde der heutigen kapitalistischen Wirtschaftsordnung für die Ausbeutung der wirtschaftlich Schwachen.“

Betrachtet man das öffentliche Erscheinungsbild des Dritten Reichs, dann findet sich kaum ein Unterschied zu den kommunistischen Diktaturen des Ostblocks: Es gibt nur eine Partei; deren Herrschaft ist absolut, wenngleich die wirkliche Macht (bis über Leben und Tod) von einem kleinen Klüngel innerhalb der Parteiführung ausgeübt wird; das gesamte gesellschaftliche Leben ist nach militärischem Muster durchorganisiert, das Leben des Einzelnen desgleichen; bereits die Kinder stecken in Einheitskleidung; das Kollektiv ist absolut, der Einzelne demgegenüber nichts; eine Fülle von zentralistischen Organisationen saugt die Menschen auf und bestimmt über ihren Tagesablauf, die öffentliche Meinung ist gleichgeschaltet, rund um die Uhr läuft Propaganda, regelmäßig gibt es Massenkundgebungen und Aufmärsche, überall sieht man Fahnen, Parolen und Uniformen, und so weiter und so fort.

Worin besteht der Kern des Sozialismus? In der Nivellierung der gesellschaftlichen Unterschiede durch Kollektivierung. „Wir sozialisieren die Menschen“, erklärte wiederum Hitler gegenüber Hermann Rauschning. Die Sozialisierung der Banken und Unternehmen sei daneben sekundär: „Was ist das schon, wenn ich die Menschen fest in eine Disziplin eingeordnet habe, aus der sie nicht herauskönnen?“ Am 8. September 1937 notierte Goebbels in sein Tagebuch, der Führer habe auf dem Parteikongress „gegen wirtschaftliche Eigenmächtigkeiten“ gewettert: „Wehe der Privatindustrie, wenn sie nicht pariert. Vier-Jahresplan wird durchgeführt.“ Im Mai desselben Jahres hatte Hitler im Duktus einer großen Amtsnachfolgerin erklärt: „Ich sage der deutschen Industrie zum Beispiel: ‚Ihr müsst das jetzt schaffen.‘“ – „Wenn mir die deutsche Wirtschaft antworten würde: ‚Das können wir nicht‘, dann würde ich ihr sagen: ‚Gut, dann übernehme ich das selber, aber das muss geschafft werden.‘“ Besaß der Führer ein geschlossenes rechtes Weltbild? Fragen über Fragen...

Im Übrigen kam es direkt nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten im Frühjahr 1933 zu spontanen „antikapitalistischen“ Terrorakten von SA-Leuten gegen Banken und Börsenvorstände. Das geschlossen rechte Weltbild scheint sogar unter den originären braunen Schlägern löchrig gewesen zu sein. Anders formuliert und in die Gegenwart verlängert dürfte das vermeintlich geschlossene rechte Weltbild erhebliche Überschneidungen mit seinem linken Gegenstück aufweisen. Das geschlossene linke Weltbild wird in Kein-schöner-Land indes anscheinend nicht so eifrig erforscht, womöglich aus Gründen der Schamhaftigkeit.

Man fragt sich, was das für ein Geschichtswissen sein mag, um das sich die ARD-Frau heutzutage „reicher“ fühlt. In Reschkes geschlossen magischem Weltbild firmieren die Nationalsozialisten nicht als Figuren aus der Geschichte, sondern als Gestalten aus der Dämonologie. Die Nazis und ihre Wähler entstammen nach dieser Vorstellung nicht einer konkreten historischen Situation, sondern sind direkt der Hölle entstiegen – und das kann dann natürlich jederzeit wieder passieren, solange dort unten noch ideologisch geheizt wird. Es gibt in diesem magischen Denken für den NS-Staat keine besonderen Entstehungsbedingungen in der Realität, sondern der böse Wille einiger Akteure genügt für ein „da capo“ unter jeglichen Umständen. Da Reschke offenkundig an einem geschlossen linken Weltbild laboriert, müssen diese Teufelsbündner rechts sein (was noch die freundlichere von den beiden möglichen Annahmen über die Motive der räsonierenden Maid ist; wie immer in solchen Fällen haben wir es mit den Alternativen Dummheit oder Niedertracht zu tun; es kann auch

reine Perfidie sein...).

Wenn unsere „Panorama“-Moderatörin also entweder schlauer oder redlicher wäre, käme sie von selbst auf die Idee, dass ein Höcke zwar zugleich linkspopulistische und rechtspopulistische Positionen vereint (oder was meinen Sie, geneigter Leser, warum die AfD wohl never ever ein Rentenkonzept vorlegen wird?), aber ein „Nazi“ wohl kaum sein kann. Ein „Nazi“ strebt nicht irgendeine Symbiose von Nationalismus und Sozialismus an, sonst gäbe es seit 150 Jahren „Nazis“ – den Ärmeren unter ihren Landsleuten wohlgesonnene, antikapitalistische Nationalisten – in nahezu aller Herren Länder, sondern ein wirklicher Nazi vertritt die spezifisch nationalsozialistische Weltanschauung, also letztlich das Weltbild des Herrn Hitler. Dessen Kern besteht – oder besser: bestand – in der Überzeugung, dass die Weltgeschichte ein ewiger Kampf sei, allerdings nicht, wie die Marxisten behaupteten, von Klassen, sondern von Rassen geprägt werde; dass eine Rasse, die arische, den anderen himmelhoch überlegen sei und diese deshalb für alle Zeiten als Helotenethnien (Slawen, Schwarze und so weiter) zu unterjochen habe, die Juden indes wegen ihrer doppelgesichtigen Gefährlichkeit – halb Bolschewisten, halb Plutokraten – ausrotten müsse. Die Volksgemeinschaft für diese Schlachten fit zu machen, sei die eigentliche Aufgabe der Politik. Ein Nazi ist mithin ein Mensch, der dem beschriebenen aggressiven „arischen“ Rassismus mit allen daraus folgenden Konsequenzen anhängt; wer einen kennt, möge vortreten.

Diejenigen, die heute mit dergleichen Kosenamen bedacht werden, unterscheiden sich von den echten Nazis zunächst einmal grundlegend durch ihre defensive Einstellung. Sie wollen niemanden unterjochen und niemandes Land erobern, sondern sie fürchten, selber überrannt und erobert zu werden. Sie sorgen sich, ihre Heimat zu verlieren. Das kann man paranoid finden, aber weil Gott Biologist ist, liefert er die einschlägigen Anschauungs- und Beweismittel in Gestalt der globalen Demographie; da sind die Trends eindeutig. Afrika wird nach offiziellen Prognosen zum Jahrhundertende vier Milliarden Bewohner haben, die Bevölkerung Asiens wird noch zahlreicher sein, Europa bei einer Dreiviertelmilliarde stagnieren und aufgrund eines viel höheren Durchschnittsalters seiner Bevölkerung im vitalen Sinne unterlegen sein. Der Islam wird bis 2075 zur numerisch stärksten globalen Glaubensgemeinschaft aufsteigen. Zugleich fördern die westlichen Eliten die globale Völkerwanderung, die nur eine Richtung kennt, nach Kräften. Nein, paranoid sind die Rechtspopulisten offenbar nicht. Die Linken können ihnen allenfalls vorwerfen, dass sie nicht bereit sind, ihre Heimat und ihren Besitz mit ethnisch-kulturell Fremden zu teilen. Aber warum sollten sie auch?

Die Reschkes dieser Welt müssen nur begreifen, dass die meisten Menschen in ihrem Stamm, ihrer Ethnie, ihrer Kultur, eben unter ihresgleichen leben wollen, natürlich auch die Einwanderer, wie man leicht an den sich sofort etablierenden sogenannten Parallelgesellschaften erkennt, die zwar im Großen auf gesellschaftliche Desintegration hinauslaufen, aber tatsächlich ein Ausdruck von Integration (in die jeweilige Ethnie oder Kultur) sind. In den USA lässt sich dieser Prozess seit Längerem besichtigen, die Idee des „melting pot“, des Schmelztiegels, ist passé, was heute „Identitätspolitik“ heißt, hat Arthur Schlesinger schon Anfang der 1990er Jahre als „The Disuniting of America“ („die Spaltung Amerikas“) ahnungsvoll heraufbeschworen. Oder wie die Bundeskanzlerin es anno 2010 auszudrücken beliebte: „Multikulti ist gescheitert.“ Nie hat Multikulti ohne enormen staatlichen Druck (wie in der UdSSR oder Jugoslawien) außerhalb überschaubarer einkommensstarker urbaner Milieus wirklich funktioniert, multikulturelle Gesellschaften bestehen im Idealfall aus nebeneinander herlebenden Parellelgesellschaften, die entlang ethnisch-kultureller Bruchlinien voneinander separiert existieren, mit immer wieder aufflackernder Gewalt an den Grenzen. Wer die Menschen lassen und leben lassen will, wie sie sind, hat lediglich unter einer Prämisse ein geschlossenes rechtes Weltbild, die lautet: „Die Wirklichkeit ist immer rechts“ (Joachim Fest).

PS: Landauf, landab schallt uns multimedial der Ruf entgegen, wer B. Höcke einen Faschisten nenne, tue dies gewissermaßen mit dem Gütesiegel eines Gerichtsurteils. Natürlich ist auch das: ein Fake.

Dieser Artikel erschien zuerst auf „Acta diurna“.


Artikel bewerten

Artikel teilen

Anzeigen

Kommentare

Die Kommentarfunktion (lesen und schreiben) steht exklusiv Abonnenten der Zeitschrift „eigentümlich frei“ zur Verfügung.

Wenn Sie Abonnent sind und bereits ein Benutzerkonto haben, melden Sie sich bitte an. Wenn Sie noch kein Benutzerkonto haben, nutzen Sie bitte das Registrierungsformular für Abonnenten.

Mit einem ef-Abonnement erhalten Sie zehn Mal im Jahr eine Zeitschrift (print und/oder elektronisch), die anders ist als andere. Dazu können Sie dann auch viele andere exklusive Inhalte lesen und kommentieren.

drucken

Dossier: Vergangenheits-bewältigung

Mehr von Michael Klonovsky

Über Michael Klonovsky

Anzeige

ef-Einkaufspartner

Unterstützen Sie ef-online, indem Sie Ihren Amazon-Einkauf durch einen Klick auf diesen Linkstarten, oder auf ein Angebot in der unteren Box. Das kostet Sie nichts zusätzlich und hilft uns beim weiteren Ausbau des Angebots.

Anzeige