12. Juli 2019

Forderungen nach Einschränkung des kirchlichen Beichtgeheimnisses Angriffe gegen das Herz der Kirche

Missbrauchsfälle dienen als Vorwand für ein Eindringen des Staates

von Felix Honekamp

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Bildquelle: shutterstock Muss geheim bleiben: Beichte

Ich mache mir nichts vor: Wenn mein Kind Opfer eines perversen Priesters geworden wäre, der in der Beichte Absolution erlangt hätte, um sich anschließend an anderen Kindern zu vergehen – ich würde selbst eine Abhöranlage im Beichtstuhl der Gemeinde installieren, um so jemanden der weltlichen Gerichtsbarkeit zuzuführen. Persönliche Betroffenheit – ob wie hier hypothetisch angenommen oder tatsächlich – ist aber selten ein guter Ratgeber zum vernünftigen Umgang mit solchen Situationen.

Notfalls mit dem Leben verteidigen

Ich verstehe also durchaus, warum betroffene Menschen und Opferverbände teilweise eine Lockerung des Beichtgeheimnisses fordern. Und trotzdem kann man als Gläubiger nur vehement ablehnen, wenn solche Forderungen teilweise auch von staatlichen Behörden, wie derzeit in Chile, Australien und anderen Ländern, erhoben werden. Auch der Vatikan hat dieser Forderung in der vergangenen Woche eine Absage erteilt: Der vatikanische Gerichtshof der Pönitentiarie hat die absolute Unverletzlichkeit des Beichtgeheimnisses in einem Schreiben bekräftigt, auch mit dem Hinweis, dass das Beichtgeheimnis seitens der Priester notfalls mit dem Leben verteidigt werden müsse.

Dankenswerterweise geht das Schreiben auch auf die Missbrauchskrise ein, klärt aber nach einem Bericht des Domradios, dass die Verteidigung des Beichtgeheimnisses „keinesfalls eine Rechtfertigung oder eine Form von Toleranz gegenüber den abscheulichen Fällen von Missbrauch durch Kleriker“ darstelle. Die Beichte biete vielmehr mit Gottes Hilfe die Möglichkeit, zu lernen, seinen Geboten konkret im eigenen Leben zu folgen.

Gott, nicht der Priester

Wiederum kann ich verstehen, wenn Betroffene dieser Argumentation nicht folgen mögen, was aber dann nicht nur am persönlichen Betroffensein liegen wird, sondern auch daran, dass das Verständnis der Beichte, des Sakraments der Versöhnung, hier und an vielen Stellen mangelhaft ausgebildet ist. Jedes Erstkommunionkind hat in den vergangenen Monaten vor dem „Weißen Sonntag“ (hoffentlich) gelernt, dass es seine Sünden in der Beichte nicht dem Herrn Pastor vorträgt, sondern Gott selbst. Wie es ein befreundeter Priester gegenüber unserem Sohn eingängig erklärt hat: „Wenn ich die Stola umlege, dann bin das nicht mehr ich, dann vertrete ich Jesus.“ Schlimm genug, mag man nun hinzufügen, dass es Priester gibt, die Sünden mit umgelegter Stola begehen und dafür Absolution in der Beichte suchen… aber sobald – platt gesagt – diese Stola in der Beichte im Spiel ist, geht es um ein „Innenverhältnis“ des Sünders mit Gott.

Wenn sich dort nun jemand, eine Behörde oder der Staat, hineindrängt, wird das Verhältnis zwischen Sender und Empfänger, zwischen Mensch und Gott gestört. Das Vertrauensverhältnis zum Vermittler wird wanken, wenn es darum geht, abzuwägen, ob das Beichtgeheimnis noch gelten soll oder nicht.

Neuanfang

Ich gebe zu, ich habe noch nie strafrechtlich Relevantes beichten müssen, aber die Beichte bietet für jeden Sünder die Möglichkeit des Neuanfangs mit Gott (nicht mit staatlichen Stellen oder mit den Opfern seiner Sünden, die hier nur angeregt werden können), Reue und Wille zur Besserung vorausgesetzt. Jeder einigermaßen theologisch ausgebildete Priester – man möchte hoffen, das sind alle, ich habe aber Zweifel – muss wissen, dass er noch schwerere Sünde auf sich lädt, wenn er sich in der Beichte für eigene Sünden die Absolution „erschleicht“, indem er Reue und Umkehr nur vortäuscht. Darüber aber kann wiederum nicht der Priester entscheiden, der die Beichte abnimmt, sondern nur Gott selbst und der Pönitent wissen um dessen geistliche Verfasstheit.

Man könnte vielleicht darüber nachdenken, ob eine offensiv zur Schau getragene mangelnde Reue dazu führen würde, dass das geführte Gespräch keine Beichte sei, das Beichtgeheimnis dafür also nicht gelte, aber das wären wohl doch eher Sonderfälle, die nicht den eigentlichen Punkt treffen. Eine Einschränkung des Beichtgeheimnisses, staatlich verordnet, wäre eine Einschränkung der Religionsfreiheit und kann seitens der Kirche niemals akzeptiert werden. In der Tat erwarte ich von einem Priester, dass er meine Sünden mit ins Grab nimmt.

Instrumentalisierung

Wenn also heute nicht nur von Betroffenen, sondern auch von staatlichen Stellen und Medien gefordert wird, das Beichtgeheimnis unter bestimmten Umständen einzuschränken, dann ist das eine Einmischung in ein göttliches Sakrament. Man muss argwöhnen, dass dies nicht nur einem mangelnden Sakramentenverständnis zuzuweisen sein kann, sondern auch dem Wunsch, die Sakramente der Kirche in Summe staatlich „verfügbar“ zu machen. So viel Verständnis ich für Betroffene habe, so wenig habe ich es für diejenigen, die dieses Verständnis heucheln und nur die Möglichkeit sehen, der katholischen Kirche einen weiteren Baustein aus ihrer Verfassung herauszubrechen.

Ich bete für heilige Priester, die diesem gewaltsamen Einbrechen staatlicher Stellen nicht folgen werden. Auch als Laien muss uns aber klar sein: Äußere Einmischungen in Fragen der Sakramente sind illegitim, höhlen die Religionsfreiheit aus und haben offenbar nur das Ziel, sich die Kirche gefügig zu machen. Wir müssen Verständnis haben für das Leiden der Opfer von Missbrauch in der Kirche und, wo immer möglich, Hilfe anbieten, Täter der gerechten Strafe zuführen und zukünftigen Missbrauch verhindern. Dieses „wo immer möglich“ schließt aber ein Schleifen der Sakramente aus.

Dieser Artikel erschien zuerst auf dem „Papsttreuen Blog“.


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