10. Juli 2019

Menschen ohne Meinung Leere Köpfe, tote Seelen

Was sollen sie anderes denken als das, was man ihnen eingeflößt hat?

von Jörg Seidel

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Bildquelle: shutterstock Mainstream-Menschen: Leere Köpfe, tote Seelen

Es gibt Menschen, die sind jedwedem Höheren abhold. Nette Menschen, mitunter frohe, lustige Menschen, gute Menschen auch, mit denen man einträglich zusammen sein kann – solange man keine eminenten Themen anspricht.

Erst vor wenigen Tagen saßen wir mit so einem Menschen zusammen am Frühstückstisch im Hotel und sprachen über die vergangene Nacht. Wir waren um halb sechs alle vom Muezzin geweckt worden und waren wenig erheitert darüber. Ich nahm das zum Anlass, ein paar Worte über die psycho-theologische Funktion islamischer Rituale und die Bedeutung des „Allahu akbar“ zu verlieren, wahrlich kein Vortrag, nur ein paar Anregungen, das Erlebte zu verstehen und einzuordnen, aber schon nach dem zweiten Satz wurde das Gesicht des Gegenübers leer und die Bewegungen fahrig, und während meine Frau versuchte, ein inklusives wirkliches Gespräch herbeizuführen statt des dauernden Geplänkels und Gescherzes, zückte dieser Mensch sein Iphone und fummelte darauf herum, uns somit signalisierend, dass mit einer Gesprächsteilnahme von dieser Seite nicht zu rechnen sei.

Und so ging es mehrmals. Sobald ein brisantes Thema, eine etwas abstraktere Argumentation, ein Gedanke, der sich nicht unmittelbar mit dem Handfesten, dem vor uns Liegenden beschäftigte, der nicht das verbal ansprach, was vor aller Augen offen dalag – wie gut der Kaffee, wie hübsch die Moschee, wie beklemmend die Vollverschleierung und so weiter –‍, sobald ein wirkliches Problem erwähnt wurde, schaltete diese Person einfach ab.

Das war kein politisches Statement. Sie wollte uns damit nicht etwa signalisieren, dass sie zum anderen Meinungsspektrum gehörte, nein, sie hatte ganz einfach nichts zu sagen, wenn es um Geschichte, Theologie, Politik, Psychologie, Literatur oder gar Philosophie ging. Sie hatte keine Meinung und erst recht keine Überzeugung. Ihr Beruf: Lehrer.

Nun fragt man sich: Wie viele solche Menschen mag es geben? Ich fürchte, es sind viele, sehr viele, fast alle! Es hat auch wenig mit Bildung zu tun. Die einzigen zwei Professoren, mit denen ich hin und wieder zu tun habe, gehören auch zu diesem Typus. Der eine Natur‑, der andere Geisteswissenschaftler, aber beiden habe ich noch keinen signifikanten Gedanken entlocken können, selbst auf direkte Nachfrage nicht. Mehr als: „Das hat Ernst Bloch schon gesagt“, oder: „Dazu kann man bei Jung einiges lesen“ kam noch nicht. Diese Menschen sind geistig essentiell leer. Das Tiefste, das ich je aus ihrem Mund gehört habe, war: „Die Welt verändert sich schon immer. Nun kommen wir halt in Europa ins muslimische Zeitalter. So ist das eben…“

Sie mähen ihren Rasen, sie zupfen Unkraut, sie blinzeln in die Sonne, sie genießen ihre Pensionen und gehen alle vier Jahre brav zur Wahl. Ob Professor oder Autoschlosser, das spielt keine Rolle. Sie sind die Mehrheit, es gibt sie in allen Bereichen – man kann die wenigen anderen in allen sozialen Schichten mit wohl gleich geringen Erfolgsaussichten suchen. Kein Gedanke, der nicht unmittelbar mit ihnen zu tun hat, kommt ihnen je in die Quere.

Wie viele mögen es sein? Ich würde auf circa 90 Prozent tippen, mindestens aber 70. Diese Menschen leben das Glück, das ihnen vorgegeben wird, und durchleben die Ängste, die man ihnen macht. Weder das eine noch das andere können oder wollen sie abstrahieren. Werden sie mit höheren Sorgen konfrontiert, werden ihre Gesichter blank, gerinnen ihre Worte zu Phrasen.

Wir, die wir hier und andernorts lesen und schreiben, verlieren schnell das Gefühl für diese traurige Lage, denn wir bewegen uns tagtäglich im Bereich des Geistigen, lernen, diskutieren, streiten, widersprechen, grübeln, lesen. Schnell bekommt man den Eindruck, dass alle unsere Mitmenschen derart seien. Aber wir sind in einer Blase, einer klitzekleinen Blase, das darf man nicht vergessen. Wir sind eine bedauernswerte Minderheit.

Wenn man sich etwa die maßgeblichen Foren anschaut, wie auf „Sezession“, eigentümlich frei oder „Junge Freiheit“ – um nur die wohl drei weitreichendsten Gesprächsblasen im konfessionsfreien rechten Bereich zu erwähnen –‍, dann wird man trotz lebhafter Diskussionen schnell feststellen, dass es immer wieder die gleichen paar Dutzend Diskutanten sind, die sich am Thema abarbeiten. Man meint an einer intensiven, allumfassenden Diskussion teilzunehmen, tatsächlich aber sind es ein paar Hundert intelligente Leute, die mitsprechen, ein paar Tausend, die mitlesen, und danach beginnt die Wüste.

Erst wenn man eine Reise tut und sein Gegenüber verblassen sieht oder den Gesprächen am Nachbartisch ein wenig lauscht oder den Nachbarn einen Gedanken zu entlocken versucht…, erst dann wird man sich der Öde bewusst.

Was sollen diese Menschen anderes denken als das, was man ihnen eingeflößt hat? Da wird seit vier Wochen nach der abscheulichen Tat eines gewohnheitsmäßigen Kriminellen, der einen halbberühmten Politiker erschossen haben soll, aus allen Rohren auf den Popanz „Rechtsextremismus“ geschossen und eine existentielle Gefahr als großes Menetekel an die Platonsche Höhlenwand projiziert. Zeitung lesen und Nachrichten schauen ist wie die Fahrt durch eine Geisterbahn: Überall springen einem zu Fratzen verzerrte, bluttriefende, uniformierte Nazis entgegen und rufen: „Huh!, wir wollen den Rechtsstaat, die Demokratie abschaffen und euch euer kleines Glück in Krieg und KZ zerstören.“

Franco A. plante mit einer musealen Pistole eine „staatsgefährdende Straftat“, in Chemnitz wollten acht tätowierte Bierbäuche „bürgerkriegsähnliche Zustände“ auslösen, und von Stephan E. darf man annehmen, dass er den Staat zu Fall bringen wollte.

Auf welch tönernen Füßen wähnt sich dieser Staat eigentlich, wenn ihn ein paar Wahnis und Chaoten so verunsichern? Was bleibt diesen schlichten Gemütern, die noch nie in ihrem Leben dazu angehalten wurden – nicht durch die Schule, nicht durch die Medien, nicht durch Ermutigung zum Selberdenken –‍, aus ihrem Leben und ihrer Lage herauszutreten und einmal von oben zu betrachten, was bleibt diesen einfachen Wesen, diesen toten Seelen, die der beste und gezielte Erfolg der ganzen Bildungsmaschine sind, anderes übrig, als Angst zu haben? Und zwar nicht Angst vor den wahren Gefahren, sondern vor jenen, die man ihnen vorsetzt.

Sie kennen aus der Propaganda ein paar Floskeln und Beschwörungsformeln wie „Gerechtigkeit“, „Demokratie“, „Freiheit“, „Toleranz“, aber wenn man sie bäte, diese Zauberformeln mit Inhalt zu füllen, dann kämen sie ins Stottern, und dann beginnen sie in der Regel, diese wie heiligen Bannsprüche vor sich hin zu murmeln.

Als man ihnen 2015 Bilder von endlosen Schlangen Fremder ins Haus lieferte, die durch öde Maisfelder wanderten oder auf Autobahnen, als jeden Tag Zehntausende vornehmlich junge Männer an den Schlagbäumen standen, da wurde vielen von ihnen für einen Moment mulmig, andere reagierten mit Teddywürfen und Willkommensliedern, aber die Gefahr für die Gesellschaft, die jedem sofort bewusst war, der für einen Augenblick aus seiner eigenen Haut ausstieg und die Vogelperspektive einnahm, die konnten oder wollten sie nicht sehen. Nun, nachdem Medien und Politik die Bilder und Narrative – die man nicht mit den eigentlichen Problemen verwechseln darf – wieder im Griff haben, sinken sie erleichtert zurück in ihre Grillstühle und blinzeln wieder in die Sonne.

Wenn man die Deutschen – um niemand anderen geht es hier – etwa fragte, wovor sie die größere Angst haben, dem Rechtsextremismus, dem Islamismus oder dem Linksextremismus, dann müsste man – eingedenk der allumfassenden Propaganda der letzten Wochen – ein klares Bekenntnis zur Angst vor rechts erwarten, dann müssten sie – fragte man sie – in großer Mehrzahl ihre Furcht eingestehen, „dass Rechtsextremisten unseren Staat verändern könnten“, dann müssten sie auch, nachdem das Drama um die Kapitänin Rackete eineindeutig und flächendeckend medial behandelt wurde, in großer Überzahl „Straffreiheit für Flüchtlingshelfer“ auch dann fordern, wenn diese die Gesetze brechen oder anderer Leben gefährden, dann müssten sie auch durch die hysterische Klima-Panik in Überzahl zur Position getrieben worden sein, sofortige und radikale Maßnahmen ohne Rücksicht auf die sich daraus ergebenden gesellschaftlichen Verwerfungen zu befürworten.

Und voilà: Der ARD- (sic!) „Deutschlandtrend“ liefert das vorausgesagte Versuchsergebnis.

„Welt“: „Deutsche spüren größere Gefahr durch Rechtsextreme als durch Islamisten“

Dieser Artikel erschien zuerst auf „Seidwalk“.


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