09. Juli 2019

Ein trauriges Märchen Vom Ende einer Stadt

Die Barmherzigkeit war in Wirklichkeit Hoffart

von Frank W. Haubold

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Bildquelle: shutterstock Brannte bis auf die Grundmauern nieder: Scheinbar wohltätige Stadt

Es war einmal eine Stadt, die lag jenseits des großen Flusses umgeben von Wäldern und fruchtbaren Auen. Die Stadt hatte gute Zeiten erlebt und schlechte, aber seit dem letzten Krieg, der in Niederlage und Schande geendet hatte, lebte sie nun schon seit Dezennien in Frieden mit ihren Nachbarn, und viele der alten Wunden waren vernarbt.

Die Bürger der Stadt waren fleißig, und die Waren, die sie in ihren Werkstätten fertigten, waren überall gefragt und brachten gutes Geld im Verkauf. So war die Stadt wieder zu Wohlstand gekommen, und die Stadtkasse war so reich gefüllt, dass auch die Alten und Kranken keinen Mangel zu leiden hatten, die meisten jedenfalls, und so hatten Unruhestifter einen schweren Stand. Die braven Bürger kümmerten sich ohnehin nur um ihre Arbeit, ihr Auskommen und ihr Heim und waren, auch wenn sie es selten zugaben, durchaus zufrieden mit ihrem Leben.

Das sah der Teufel, der ruhelos das Land durchstreifte, mit Unwillen, denn nichts ist dem Bösen verhasster als Menschen, die in Eintracht und Wohlstand leben. Eben erst hatte er die Berg- und Wüstenstämme jenseits des großen Flusses gegeneinander gehetzt und blutige Ernte eingefahren, und so war ihm die wohlhabende Stadt ein besonderer Dorn im Auge. Ein Krieg wäre natürlich das probateste Mittel gewesen, das Idyll zu zerstören, nur waren die Städter des Kriegshandwerks entwöhnt, und auch die Nachbarn erinnerten sich zu genau an das letzte Blutvergießen, als dass sie den Drang zu neuerlichen Waffengängen verspürt hätten.

Also sann der Teufel auf andere Ränke, und nachdem er sich ein wenig im Städtchen umgehört hatte, stand sein Plan auch schon fest. Denn die Städter waren in ihrer Mehrzahl zwar fleißig und gesetzestreu, aber – wie er sofort erkannt hatte – auch entwurzelt, geschichtsvergessen und äußerst leichtgläubig. Sie vertrauten dem, was im Stadtblättchen stand oder von den Kanzeln gepredigt wurde, rückhaltlos, hatten sie doch weder Zeit noch Neigung, das Verkündete zu hinterfragen.

Folglich führte der erste Weg des Teufels in die Redaktion des Stadtblättchens, wo ein gewisser Herr Wiesel die Geschäfte führte. Der schmalbrüstige Redakteur war in seinen Jugendjahren ein glühender Anhänger anarchistischer Ideen gewesen, die allerdings im Städtchen kaum Anklang gefunden hatten. Das hatte schließlich auch Herr Wiesel eingesehen, und nachdem er die väterliche Druckerei geerbt hatte, empfand er die Idee auch nicht mehr so verlockend, die Reichen zu enteignen und ihren Besitz unter den Armen aufzuteilen. Außerdem hätte das Bürgermeisteramt, von dem er die meisten Aufträge erhielt, es kaum geduldet, wenn Wiesel seine umstürzlerischen Ideen im Stadtblättchen verkündet hätte. Der Teufel erkannte natürlich sofort, wie es um den verhinderten Revolutionär stand, und so bereitete es ihm auch keine Mühe, Herrn Wiesel für seine Pläne zu begeistern, zumal im Lauf der Besprechung auch ein Säckchen mit Golddukaten den Besitzer wechselte.

Für seinen nächsten Gesprächspartner, den Stadtpfarrer Feist, empfahl sich jedoch ein subtileres Vorgehen, denn erstens war der Herr Pfarrer ein wohlhabender Mann – die Bürger zahlten brav ihren Kirchenzehnten, von dem er sich ein mehr als nur ansehnliches Salär genehmigte –‍, und zweitens hätte ihn allzu plumpes Vorgehen schnell misstrauisch gemacht. Aber natürlich hatte auch der brave Herr Pfarrer seine Schwachstellen, wovon Gefallsucht und mangelnde Demut nicht die geringsten waren. So hatte er auf einer vorgeblichen Pilgerreise sogar sein Kreuz abgelegt, um sich bei seinen heidnischen Gastgebern anzubiedern. Abgesehen von diesen kleinen Schwächen war Pfarrer Feist jedoch ein hochherziger Mann, der sich mit Inbrunst für die Schwachen und Beladenen einsetzte, allerdings stets unter der Voraussetzung, dass die Kosten für die Wohltaten von anderen – also den Bürgern der Stadt – aufgebracht wurden. Diese entschiedene Haltung kam den Plänen des Teufels auf das Trefflichste entgegen, wollte er doch nicht nur die Kirche zugrunde richten, sondern die ganze Stadt. In seiner Verkleidung als Vertreter eines christlichen Hilfswerks schilderte er dem Herrn Pfarrer das Elend in den vom Krieg heimgesuchten Wüsteneien jenseits des großen Flusses in den düstersten Farben, und beide waren sich rasch einig darin, dass die Bürger der Stadt viel zu wenig taten, um die Not der Betroffenen zu lindern. Die Aussicht, sich demnächst auch über die Stadtgrenzen hinaus einen Namen als Wohltäter zu machen, färbte die Wangen des braven Herrn Pfarrers rosig, und so schieden die beiden so ungleichen Persönlichkeiten in bestem Einvernehmen.

Jetzt galt es eigentlich nur noch, die weltliche Obrigkeit zu überzeugen, aber da ließ sich der Teufel Zeit. Bürgermeister Eiswald war ein kalter und berechnender Mann, dem sein Amt über alles ging. Von Gestalt eher unansehnlich und alles andere als ein brillanter Geist, führte er dennoch seit über einem Dezennium die Stadtgeschäfte, wobei es ihm stets gelungen war, seine wenigen Gegenspieler auszumanövrieren, indem er ihre Ideen als die eigenen ausgab, sobald er sah, dass sie bei den Bürgern Anklang fanden. Wohltätigkeit war ihm fremd, es sei denn, er konnte sich und sein Amt damit schmücken. Nein, sein Besuch dort konnte warten, bis Schreibknecht Wiesel und Pfarrer Feist den Boden bereitet hatten.

Stattdessen lenkte der Teufel seine Schritte zur Waffenschmiede Blaustahl, denn die Räuberbanden im Wüstenland, die er selbst zusammengestellt und ausgerüstet hatte, benötigten dringend neue Waffen. Auch hier half ein Beutel mit Golddukaten, die Bedenken des Schmieds angesichts der Nacht- und Nebelaktion, mit der die Waffen über den großen Fluss geschmuggelt werden sollten, zu zerstreuen, und so machte sich der Teufel nach getanem Werk zufrieden auf den Weg nach Osten, um seinen galizischen Schützlingen bei dem geplanten Umsturz den Rücken zu stärken.

In den Wochen darauf wunderte sich zwar manch einer darüber, dass der Krieg im Süden, der die Stadt und ihre Bürger bislang kaum berührt hatte, plötzlich die Schlagzeilen des Bürgerblättchens bestimmte, das sonst eher Lokalereignisse thematisierte. Aber als Christenmenschen dauerte sie natürlich das Schicksal der Opfer und das elende Leben der Flüchtlinge in ihren Zelten. Und verlegen duckten sie sich an den Sonntagen auf den Kirchenbänken, wenn Pfarrer Feist mit Donnerstimme die Gleichgültigkeit der Bürger gegenüber dem Leid der Flüchtlinge anprangerte, was angesichts der gewaltigen Schuld, die die Stadt im großen Krieg auf sich geladen habe, besonders verwerflich sei. Das war ohnehin ein wunder Punkt in der Bürgerschaft, denn obwohl kaum jemand mehr lebte, der diese Zeit noch selbst erlebt hatte, hatte man sich daran gewöhnt, sich dennoch schuldig zu fühlen.

Und so wandelte sich die Stimmung in der Stadt alsbald von pragmatischem Gleichmut zu glühender Fernstenliebe und der Bereitschaft, Herzen und Geldbörsen für die vom Krieg heimgesuchten Südländer zu öffnen. Diese Veränderung blieb natürlich auch dem Bürgermeister und seinen Stadträten nicht verborgen, zumal sich die Anfragen mitfühlender Bürger häuften, den Betroffenen doch endlich die dringend benötigte Hilfe zukommen zu lassen. Da traf es sich gut, dass just zu dieser Zeit der Bevollmächtigte einer großen Hilfsorganisation bei der Stadt vorstellig wurde und Bürgermeister Eiswald einen Vorschlag unterbreitete, der diesem zwar ein besorgtes Stirnrunzeln entlockte, sich aber kaum von der Hand weisen ließ. Obwohl von Natur aus misstrauisch, war der Bürgermeister für Schmeicheleien durchaus zugänglich, und die Vorstellung, nicht nur von den eigenen Bürgern, sondern im ganzen Land als barmherziger Samariter gefeiert zu werden, behagte ihm wohl. In seiner Eitelkeit fühlte er sich ohnehin zu Höherem berufen, vielleicht sogar zum Präsidenten des Städtebundes, dessen Neubesetzung demnächst anstand.

Dennoch hatte er natürlich Bedenken, denn die Aufnahme von so vielen Menschen, wie der Gast vorgeschlagen hatte, brachte doch einiges an Problemen mit sich. Auch würde der Kommandant der Stadtwache wenig erbaut sein, wenn er, der Bürgermeister, die Stadttore einfach so öffnen ließ und den Wachen sogar verbot, die Neuankömmlinge zu kontrollieren. Doch sein Gast, der natürlich niemand anderer war als der Teufel selbst, erwies sich als überaus sachkundig und wusste die Bedenken des Stadtoberhaupts geschickt zu zerstreuen. Immerhin stand der Marstall des verblichenen Fürsten Wetterstein nun schon seit Jahren leer und eignete sich vortrefflich für die vorläufige Unterbringung der armen Flüchtlinge. An Spenden sollte es angesichts der Stimmung in der Stadt nicht fehlen, und bestimmt waren auch viele Bürger bereit, die Schutzsuchenden in ihrem eigenen Heim aufzunehmen. Dass Pfarrer Feist sich bereit erklärt hatte, Teile des alten Klosters als Notunterkunft bereitzustellen, war ebenfalls hilfreich, auch wenn sich der Bürgermeister fragte, woher sein Gast davon wusste. Und mit Hauptmann Meiser würde er schon klarkommen, schließlich bezahlte die Stadt ja den Sold für ihn und seine Truppe. So schüttelten sich die beiden Wohltäter nach erfolgreicher Verhandlung dankbar die Hände, und der Besucher versprach, sich selbst um die Auswahl und das Verschiffen der Bedürftigen zu kümmern.

Natürlich hatte der Teufel nicht vor, tatsächlich Notleidenden zu helfen, denn die Alten, Kranken und Schwachen waren erstens arm und zweitens auch körperlich zu nichts nutze. Vielmehr ging es ihm um die Jungen und Wagemutigen vornehmlich der wildesten Stämme, die gewohnt waren, sich durchzusetzen. Also schickte er, kaum im Wüstenland angekommen, Boten aus, die seltsame Kunde verbreiteten: Jenseits des großen Flusses gebe es eine reiche Stadt, deren Bewohner nicht nur friedfertig, sondern auch überaus großzügig seien. Einmal dort aufgenommen, müsse niemand mehr für seinen Lebensunterhalt arbeiten. Die Frauen liefen dort unverschleiert herum, und die Mädchen seien Fremdlingen nicht abgeneigt, denn die jungen Städter selbst seien verweichlicht und kaum noch Männer zu nennen. Der Preis für die Überfahrt dorthin sei deshalb mit zehn Golddukaten keineswegs zu hoch bemessen.

Nun waren zehn Golddukaten zwar viel Geld, aber die Aussicht auf ein sorgenfreies Leben in der Ferne war nicht nur für Tagediebe und geschlagene Krieger, sondern auch für manche Großfamilie verlockend, die Mühe hatte, ihre zahlreiche Nachkommenschaft zu ernähren. Und so waren es am Ende nicht nur ein paar Dutzend, sondern Hunderte überwiegend junger Männer, die zum vereinbarten Zeitpunkt am Hafen von Stropoli auf die Überfahrt warteten. Der Teufel selbst nahm die Neuankömmlinge in Gestalt des Hafenmeisters (der richtige schlief derweil in einer Absteige seinen Rausch aus) in Empfang, kassierte das Fährgeld und verteilte sie auf die angemieteten Fischerboote. Dabei beantwortete er nicht nur neugierige Fragen, sondern gab auch wertvolle Ratschläge, deren wichtigster das Wort „Asyl“ war, das keiner bei seiner Ankunft in der Stadt auszusprechen vergessen dürfe. Die wenigen Frauen und Kinder brachte er gleich im ersten Boot unter, wusste er doch, dass nichts die Herzen stärker rührte als traurige Kinderaugen. Dann gab er den Befehl zum Ablegen, die Segel wurden gesetzt, und die kleine Armada machte sich auf den Weg ins gelobte Land.

Auch auf der anderen Seite des Flusses liefen die Vorbereitungen auf Hochtouren. Die Zeit drängte, und so hatte Bürgermeister Eiswald noch am Abend Pfarrer Feist, Redakteur Wiesel und Stadthauptmann Meiser zu sich geladen, um sie in seine Pläne einzuweihen. Der Hauptmann hatte seinen Widerstand rasch aufgegeben, nachdem der Bürgermeister seiner Truppe eine kräftige Solderhöhung in Aussicht gestellt hatte, und Wiesel machte sich sofort im Anschluss an die Arbeit an einer Sonderausgabe des Amtsblattes. So liefen die ganze Nacht über die Druckmaschinen für die Extraausgabe, die noch am Morgen in der Stadt verteilt wurde. Die darin angekündigte Aufnahme schutzsuchender Kriegsflüchtlinge in der Stadt sorgte zwar für einiges Aufsehen, aber die meisten Bürger hielten es für gut und richtig, dass die Stadt etwas für diese armen Menschen tat. So hatte Bürgermeister Eiswald auf der anstehenden Sondersitzung des Stadtrates leichtes Spiel. Die Ratsherren waren es ohnehin gewohnt, Eiswalds Entscheidungen ohne größere Einwände hinzunehmen, denn erstens beschäftigten sie sich nur ungern mit Details, und zweitens erhielten sie ein üppiges Sitzungsgeld, das neben dem Statusgewinn der eigentliche Grund für ihr Engagement war. Deshalb bestanden sie auch nicht auf einer formalen Abstimmung, denn wenn etwas schiefging, dann war es wenigstens nicht ihre Schuld.

So war alles bestens gerichtet, als die Boote der Fremdlinge am Vormittag in den kleinen Vorstadthafen einliefen. Die Soldaten der Stadtwache betrachteten das Anlegemanöver mit gemischten Gefühlen, war es doch bis dahin ihre Aufgabe gewesen, Ortsfremde nur nach eingehender Kontrolle und Auskünften über ihr Woher und Wohin in die Stadt zu lassen. Aber das hier waren gleich ein Dutzend Boote mit fast 200 Insassen, die – wie sich bald herausstellte – nicht einmal ihre Sprache sprachen. Aber die Befehle des Hauptmanns waren eindeutig, und so geleiteten sie die Fremdlinge durch das weit geöffnete Stadttor zum Ratshof, wo sie schon von den Stadtbediensteten und einer Gruppe Schaulustiger erwartet wurden. Die meisten davon waren freilich Schulkinder, die für den Vormittag frei bekommen hatten, denn der Schulleiter war ein Freund und ehemaliger Gesinnungsgenosse des Redakteurs. Auf sein Kommando riefen die Kinder „Hurra!“ und „Willkommen!“, und einige hatten sogar Blumen und kleine Geschenke mitgebracht, die sie den verwunderten Fremdlingen zuwarfen.

Die wenigen Erwachsenen, die das Spektakel verfolgten, wunderten sich zwar ein wenig darüber, dass es sich bei der Mehrzahl der Flüchtlinge um junge Männer handelte, die weder besonders hilfsbedürftig noch abgerissen aussahen, aber vielleicht sah man ihnen die Entbehrungen durch Krieg und Verfolgung nur nicht an. Da die Städter selbst seit Jahrzehnten in Frieden lebten, wollten sie sich auch kein Urteil anmaßen. Bürgermeister und Pfarrer wussten schon, was sie taten…

Trotz des Zeitdrucks hatte sich die Stadtverwaltung gut vorbereitet, und für jeden der Neuankömmlinge standen Geschirr, ein Päckchen mit Kleidung und sogar ein Beutelchen mit Münzen als Taschengeld zur Verfügung. Da Bürgermeister Eiswald kein großer Redner war, begnügte er sich mit wenigen Willkommensworten, die ohnehin kaum einer der Fremdlinge verstand, die von den Schaulustigen jedoch eifrig beklatscht wurden. Dann begleiteten Stadtpersonal und Wachen die Neuankömmlinge auch schon zu ihren Quartieren, wo sie sich, so gut es eben ging, erst einmal niederließen, um sich von den Strapazen der Reise zu erholen.

Alles schien bestens gerichtet, erst recht, nachdem am Folgetag bereits die nächste Sonderausgabe des Stadtblättchens mit einem euphorischen Bericht über den Einzug der Flüchtlinge und die großartige Organisation ihrer Unterbringung erschien. Die recht unverblümte Aufforderung an die Bürgerschaft, doch am besten gleich einen oder mehrere der Neuankömmlinge im eigenen Haus aufzunehmen, blieb jedoch ohne nennenswertes Echo. Schließlich hatten die Bürger ja schon Geld und Kleidung gespendet, alles andere oblag nun wirklich der Stadt. Daran änderte auch Pfarrer Feists flammende Predigt am darauffolgenden Sonntag nichts, ganz im Gegenteil, denn inzwischen hatte es einen Vorfall gegeben, der schnell in der Stadt die Runde machte.

Zunächst war nur von einer Prügelei zwischen Einheimischen und einer Gruppe Fremder die Rede, aber es war wohl auch ein Messer im Spiel gewesen, denn einer der Beteiligten, ein Schreinergeselle aus der Unterstadt, musste mit einer tiefen Stichverletzung ins Spital gebracht werden. Dass der Täter, ein junger Mann namens Mahmet, den die Wache zunächst mitgenommen hatte, schon am nächsten Tag auf Weisung von Bürgermeister Eiswald freikam, sorgte ebenso für Unmut wie der Bericht im Stadtblättchen über den Vorfall, der Schilderungen der Augenzeugen widersprach und dem braven Schreinergesellen die Schuld zuschob.

Aber auch die Fremdlinge hatten schon bald Grund zur Klage. Zwar wurden sie mit Nahrung, Kleidung und Taschengeld versorgt und hatten ein Dach über dem Kopf, aber das war auch schon alles. Die Unterkünfte waren eng, und nicht wenige ihrer Schlafgenossen gehörten verfeindeten Stämmen an, was immer wieder zu handfesten Raufhändeln führte, die manchmal sogar blutig endeten. Die ungläubigen Städter verstanden ihre Sprache nicht und schienen auch sonst nichts von ihnen wissen zu wollen. Und – was für die jungen Männer noch weitaus frustrierender war – auch die Mädchen zeigten ihnen die kalte Schulter, was umso demütigender war, da sie sich wie Huren kleideten, die für jedermann zu haben waren. Außerdem war das Klima kalt und feucht, und der Himmel eingesperrt von Mauern, ohne die gewohnte Weite.

Die einzigen Orte, an denen sie ihren Frust vergessen konnten, waren die Schenken der Stadt, wo sie sich immer häufiger trafen und tranken, bis Heimweh und Groll vergingen. Aber mit leeren Händen zurückgehen, nach allem, was sie für die Überfahrt bezahlt hatten? Niemals! Man würde mit Fingern auf sie zeigen, sie auslachen und kein Vater sie auch nur in die Nähe seiner ehrbaren Töchter kommen lassen. Nein, die Schande wäre zu groß…

So verging die Zeit, während sich die einen mit ihrem Schicksal abfanden und andere auf bessere Zeiten hofften. Die Banditen jedoch, die schon im Wüstenland Angst und Schrecken verbreitet hatten, dachten schon bald darüber nach, wie sie sich das ihnen Verwehrte, die schönen Häuser, die prächtigen Kutschen und die langbeinigen blonden Frauen einfach nehmen könnten. Zwar waren da noch die Soldaten der Stadtwache, aber die meisten waren schon älter und wenig respekteinflößend. Außerdem hatten sie wohl Weisung, die Fremden nicht allzu hart anzufassen, wenn sie über die Stränge schlugen. Ähnliches galt auch für den Amtsrichter Zartmann, der so geringfügige Strafen verhängte, dass sich die Verurteilten das Lachen verkneifen mussten, wenn sie den Gerichtssaal verließen. In der Heimat hätte man sie für weniger auspeitschen oder ihnen sogar die Hände abschlagen lassen. Weshalb die Städter derartige Nachsicht übten, blieb rätselhaft, es sei denn, sie hatten Angst vor ihnen.

Und wieder gingen die Tage ins Land, und da auch in der Folgezeit immer wieder einzelne Boote mit Flüchtlingen anlandeten, wurde es eng in den Quartieren, woran auch die Requirierung leerstehender Häuser und der geplante, aber noch nicht vollendete Neubau weiterer Unterkünfte nichts änderte. Einige der Fremdlinge hatten inzwischen Arbeit gesucht und gefunden, aber das waren schlecht bezahlte Handlangertätigkeiten, derer sie alsbald überdrüssig wurden. Die Schächer und Gesetzlosen aber warteten ab, suchten gelegentlich Händel mit den Einheimischen und beobachteten aufmerksam die Reaktion der Stadtwache, die alsbald überfordert schien, wenn sie zu mehreren Orten gleichzeitig gerufen wurde. Die Städter selbst stellten keine ernsthafte Gefahr dar, denn die meisten waren schon älter und wenig wehrhaft. Auch gab es keine Großfamilien, deren Mitglieder sich bei Angriffen gegenseitig zu Hilfe eilten, und die Feigheit, mit der die Einheimischen auf Provokationen reagierten, ließ die Neuankömmlinge bald jeglichen Respekt vor ihnen verlieren. Der Tag würde kommen, an dem sie aus dem Schatten treten und sich für alle Demütigungen rächen würden…

Trotz der sich häufenden Raufhändel und nächtlichen Übergriffe auf Frauen, die allein unterwegs waren, ahnten die meisten Bürger nichts von der Gefahr, in der sie schwebten. Die wenigen Mahner fanden kaum Gehör, zumal sie im Blättchen als Schwarzseher lächerlich gemacht und vom Pfarrer mit harschen Worten als unchristliche Fremdenfeinde gegeißelt wurden. Der Zorn des Gottesmannes hatte allerdings auch ganz praktische Gründe, bezahlte die Stadt der Kirche doch weitaus mehr für Kost und Logis der Fremdlinge, als deren Versorgung kostete, und jeder Flüchtling, der neu in die Stadt kam, brachte bares Geld auch in seine Privatschatulle. So blieben die warnenden Stimmen ungehört und verlacht, und auch der Umstand, dass zwischenzeitlich einige der talentiertesten Handwerker und Maschinenbauer mit ihren Familien die Stadt verlassen hatten, erregte nur wenig Aufsehen.

So gedieh der Plan des Teufels auf das Trefflichste, und es war gewiss kein Zufall, dass beide Laternenanzünder der Stadt an jenem schicksalhaften Abend unter heftiger Übelkeit litten und daher ihren Dienst nicht versehen konnten. Also blieben in jener mondlosen Herbstnacht die Straßenlaternen dunkel. Der Boden war bereitet, jetzt galt es nur noch, den Funken zu entzünden, der das Feuer des Aufruhrs entfachen würde.

Das übernahm der Teufel gleich selbst, indem er die Gestalt eines Mädchens annahm, das mitten in der Nacht schluchzend und blutbeschmiert im Schlafsaal der Fremden auftauchte und unter Tränen berichtete, es sei von einer Gruppe Betrunkener in einen Keller gezerrt worden, wo die Männer wie Tiere über sie hergefallen seien und ihr „das“ angetan hätten. Zwar hatte niemand das Mädchen zuvor gesehen, aber sie war unzweifelhaft eine der ihren, und was man ihr angetan hatte, schrie nach Rache.

Jetzt gab es kein Halten mehr. Wutschäumend ihre Messer schwingend stürmten die Männer auf die Straßen und hinein in die Häuser der Ungläubigen, die schlaftrunken gar nicht begriffen, wie ihnen geschah, und als doch, lagen sie auch schon in ihrem Blut. In ihrer Raserei ließen sich die Rächer auch nicht von den herbeigeeilten Soldaten der Stadtwache aufhalten, die in der Dunkelheit Freund und Feind nicht zu unterscheiden vermochten und so fast ohne Gegenwehr überrannt und niedergetrampelt wurden. Die Mauern der Stadt hallten wider von den Schreien der Gemarterten und der geschändeten Frauen, und wem es nicht gelang, sich in die Wälder der Umgegend zu retten, der wurde grausam niedergemetzelt.

Es war ein Blutbad, wie es die Stadt seit den Hussitenkriegen nicht erlebt hatte, und als eher durch Zufall als durch Absicht Feuer ausbrachen, war ihr Schicksal besiegelt, denn es gab niemanden mehr, der den Brand löschen wollte und konnte. Das Massaker dauerte bis in die Morgenstunden, und erst als die Hitze unerträglich wurde und die ersten Gebäude in sich zusammenstürzten, ließen die Mordbrenner von ihrem blutigen Werk ab und sammelten sich mit ihrer Beute am Hafen.

Die Stadt jedoch brannte bis auf die Grundmauern nieder, und von all ihrer Pracht blieben nur rauchende Trümmer.

***

„Warum habt Ihr das zugelassen, oh Herr“, fragte Adrian, der traurige Engel, denn ihn dauerte das Schicksal der einst prächtigen Stadt und ihrer Bewohner. „Barmherzigkeit verdient doch keine Strafe.“

„Dein gutes Herz führt dich in die Irre, Adrian“, erwiderte der Herr streng. „Die Saat des Bösen kann nur dort gedeihen, wo der Boden bereits vergiftet ist. Ihre Barmherzigkeit war in Wirklichkeit Hoffart, denn sie gaben nicht, um zu helfen, wie der heilige Martin, sondern um sich selbst als Wohltäter zu fühlen. Mit den Gaben, die sie an Unwürdige verschwendeten, hätten andernorts Tausende Hungernde gespeist werden können, aber deren Not war ihnen gleichgültig. Vor allem aber hatten sie vergessen, wo sie herkamen, und deshalb das Fremde zum Götzen erhoben, während sie das Eigene geringschätzten und die Mahner verlachten. Sie haben jene verachtet, die die Stadt einst mit ihrem Schweiß und Blut errichteten, ihre starken Mauern gebaut und ihr Leben gegeben haben, als der Feind dagegen anstürmte. Selbst ihre eigenen Vorfahren haben sie in ihrer Hybris verleugnet und entehrt. Ihr Wohlleben war ihnen wichtiger als Teil jener Kette zu sein, die die Vergangenheit eines Volkes mit seiner Zukunft verbindet. Deshalb gab es zuletzt auch kaum noch Kinder in der Stadt. Sie haben alles preisgegeben, ihre Geschichte, ihren Glauben und ihre Zukunft, und deshalb fiel es dem Bösen und seinen Handlangern auch so leicht, sie mit Lug und Trug ins Verderben zu führen.“

„Dann dauert Euch nicht, was geschehen ist, oh Herr?“, fragte der Engel traurig.

„Doch, denn es sind dennoch meine Kinder, und ihr Schmerz ist mein Schmerz, der größer ist, als du je erahnen kannst. Aber du musst dich nicht um sie härmen, Adrian, denn was immer sie getan und durchlitten haben, sie waren niemals allein, auch nicht in ihrer dunkelsten Stunde. Und so groß ihre Verirrung auch gewesen sein mag, wird ihnen doch Erkenntnis zuteilwerden und die Möglichkeit, auf den rechten Weg zurückzufinden.“

„Dann sind sie nicht auf immer verloren?“, flüsterte der Engel und wischte sich eine Träne aus dem Augenwinkel.

„Das solltest du eigentlich wissen, Adrian.“ Er lächelte, doch dann glitt ein Schatten über sein Antlitz wie eine dunkle Wolke, die sich vor die Sonne schiebt. „Nur einem kann nicht vergeben werden.“

„Und wem?“, fragte der Engel beklommen, obwohl er die Antwort ahnte.

„Meinem falschen Diener. Er hat das Kreuz verleugnet und die eigene Herde um des schnöden Mammons willen den Wölfen ausgeliefert.“

„Und was geschieht mit ihm?“

„Er wird ausgetilgt werden für alle Zeiten wie giftiges Unkraut“, sprach der Herr, und der Engel neigte sein Haupt in Demut.


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