04. Juli 2019

Absurder Jugendwahn in Politik und Gesellschaft gestern und heute Von den Roten Garden zu Fridays for Future

Die Jugend ist die Zeit des Konformismus

von Gérard Bökenkamp

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Bildquelle: shutterstock Keine gute Idee: Herrschaft der Jugend

Nichts ist so lächerlich wie eine sich dem übersteigernden Jugendkult hingebende alternde Gesellschaft. Wo Männer in Führungspositionen sich auf die „Autorität“ einer 15-Jährigen berufen, ergraute Alt-Achtundsechziger auf „alte weiße Männer“ schimpfen, weißhaarige Spitzenpolitiker sich immer noch als jugendliche Rebellen gerieren, 14-jährige Mädchen mit selbstgemalten Pappplakaten die Energiepolitik bestimmen und gereifte Damen den Unterschied zwischen 40 und 20 nicht akzeptieren wollen, da gehen Gerontologie und Infantilismus eine groteske Symbiose ein. Wo die Jugendkultur zur Leitkultur wird, werden die Alten peinlich und die Jungen anmaßend.

George Bernard Shaw prägte das berühmte Bonmot, wer mit 20 kein Sozialist sei, habe kein Herz und wer mit 30 noch Sozialist sei, habe keinen Verstand. Was aber eine freundliche Umschreibung dafür ist, dass Jugendliche sich durch Emotionen leiten lassen und intellektuell nicht ernst zu nehmen sind. Es gibt ein Jugendstrafrecht, weil der Rechtsstaat Jugendliche offensichtlich nicht für voll zurechnungsfähig hält. Gleichwohl werden die meisten Gewaltverbrechen von jungen Männern begangen. Die Jugend ist die Zeit des Risikos, der Gewalt, der Exzesse, des Extremismus, des Kollektivismus und Konformismus. In keinem Altersabschnitt mit Ausnahme der fortgeschrittenen Alterssenilität sind Menschen so einfach manipulierbar wie in der Jugend, und in keiner Altersphase sind die Folgen so gefährlich.

Die Unterstützung für die Nationalsozialisten war am stärksten unter den Studenten und am schwächsten unter den Arbeitern und im katholischen Bürgertum. Es waren nationalsozialistische Studenten, die die Bücherverbrennung inszenierten, und ein Slogan, mit dem die Nationalsozialisten antraten, lautete: „Macht Platz, ihr Alten.“ Die Nationalsozialisten waren die jüngste Generation, die jemals Deutschland regiert hat, und das Ergebnis war die schlimmste Katastrophe, die Mitteleuropa seit dem Dreißigjährigen Krieg heimgesucht hat. Dass die Deutschen aus diesem Schockerlebnis heraus nach dem Zweiten Weltkrieg einen 74-jährigen Politpensionär zum ersten Bundeskanzler wählten, war eine nur allzu verständliche und vernünftige Reaktion.

Jugend mit Freiheit und Individualismus zu assoziieren, geht völlig an der Realität vorbei. Jugendkulturen gleichen totalitären Sekten. Die Jugendlichen tragen dieselbe Frisur, dieselbe Kleidung, sprechen denselben Slang, hören dieselbe Musik, gucken dieselben Filme, finden dieselben Dinge gut und schlecht und haben panische Angst davor, durch Abweichung bei ihrer Clique in Ungnade zu fallen. Das ist in vielen Fällen mit einem unreflektierten Personenkult um bestimmte Popsänger, Schauspieler und Prominente verbunden, die praktisch einen gottähnlichen Status bekommen. Der Kult um die Rolling Stones, die Beatles, Michael Jackson und Justin Bieber ist weniger schädlich als der um Hitler, Mao und Ho Chi Minh, aber nicht minder unreflektiert, um nicht zu sagen strunzdumm.

Unter den Jugendlichen gibt es immer wieder echte Individualisten, die ihren eigenen Kopf und ihre eigenen Interessen haben. Diese Jugendlichen sind in der Regel Außenseiter und selten beliebt. Sie sind für die große Masse der Mitläufer „Nerds“, „Freaks“ und „Streber“. Sie sind die, die „nicht dazugehören“. Kaum ein Teenager-Film kommt ohne Szenen aus, in denen Jugendliche, die anders sind und ihren eigenen Weg gehen, von den anderen gemobbt und ausgelacht werden. Darin zeigt sich der Hass der Konformisten auf die Nonkonformisten, der im Teenager-Alter besonders ausgeprägt ist. Im Prinzip gibt es kaum eine Zeit im Leben, in der Kollektivismus und Konformismus so allumfassend sind wie in der Jugend.

Jugendcliquen weisen in der Regel eine klare Hackordnung auf, in der die Stärkeren, „Cooleren“ sich das Recht herausnehmen, die Schwachen unterzubuttern oder sogar zu demütigen. In den meisten Jugendcliquen zählt nicht der Einsatz für den Schwachen, sondern die Anbiederung an den Starken. Wer wissen will, wie es aussieht, wenn in einem Land die Jugend die Macht übernimmt, der findet das literarisch in Büchern wie „Herr der Fliegen“ von William Golding oder „Die Welle“ von Morton Rhue beschrieben. Die „spontanen“ Aktionen von Jugendlichen sind so gut wie nie das Ergebnis eigener Gewissensentscheidungen und selbständig entwickelter Überzeugungen, sondern das Ergebnis von Gruppendynamik und Manipulation.

Ob ein Jugendlicher bei einer linken, einer rechten oder einer rein kommerziellen Jugendkultur landet, hat in der Regel gar nichts mit den Überzeugungen zu tun, die dort vertreten werden, sondern ist eine Sache des Zufalls, welche Gruppe an einer bestimmten Schule oder in einem bestimmten Stadtteil dominant ist. Hinter einer politischen Jugendbewegung stehen in der Regel Politiker, Religionsführer, Gurus, PR-Strategen und Werbefachleute. Es gibt einen Wettbewerb zwischen den politischen Ideologien untereinander sowie der Kultur- und Unterhaltungsindustrie, wer die Jugendlichen besonders effektiv manipulieren kann. Dabei geht es so gut wie nie darum, Jugendliche mit Argumenten zu überzeugen, sondern darum, sie mit Musik, Kleidungsstil, Slogans, „Abenteuern“, Gruppenerlebnissen und Aktionen emotional zu überwältigen.

Vom jugendlichen Idealismus zum blinden Fanatismus ist es nur ein Schritt. Fast alle totalitären Regime nutzen die „Jugend“ für Propagandazwecke, politischen Aktionismus, Spitzeltätigkeit bis in die Familien hinein und oft auch für den Einsatz blanker Gewalt gegen politische Gegner. Während der „Großen proletarischen Kulturrevolution“ verwandelten von Mao aufgehetzte Schüler und Studenten China in die Hölle auf Erden. Die von Maos linker „Viererbande“ indoktrinierten Jugendlichen veranstalteten Schauprozesse, prügelten, quälten und ermordeten politisch Andersdenkende, darunter ihre eigenen Lehrer, Professoren und sogar Eltern, und zerstörten im Namen des „Fortschritts“ jahrtausendealte Kulturgüter, Tempel und Kunstwerke. Die Zahl der Opfer wird auf bis zu zwei Millionen geschätzt, dazu kommen Hunderttausende, die dauerhaft zu Krüppeln geschlagen wurden, wie etwa der Sohn des späteren chinesischen Reformers Deng Xiaoping.

Nach dem Tod von Mao räumte Deng die Scherben auf, die dieser hinterlassen hatte, und beendete das wahnwitzige Experiment. Stattdessen leitete er einen wirklichen revolutionären marktwirtschaftlichen Reformprozess ein, der China aus der Armut führte und zum globalen Konkurrenten der USA machte. Als Deng diesen radikalen Modernisierungsprozess einleitete, war er 72 Jahre alt, und er bestimmte diese Reformpolitik bis zu seinem Tod im Jahr 1997. Wären die Roten Garden an die Macht gekommen, dann hätten sie das Land nicht nur zurück ins Mittelalter geführt, sondern gleich in die Steinzeit. Die chinesische Jugend von damals hat allen Grund, dankbar dafür zu sein, dass nach der Kulturrevolution wieder alte Männer das Ruder in die Hand nahmen.

Die Jugend die politische Agenda einer Nation bestimmen zu lassen, ist wie in einer Fahrgemeinschaft denjenigen ans Steuer zu lassen, der den höchsten Alkoholpegel hat. Die Frage stellt sich, wer verantwortungsloser ist: derjenige, der fährt, oder diejenigen, die ihn fahren lassen. Wenn sich gestandene Menschen im Berufsleben an den politischen Wünschen von Schülern und Studenten orientieren oder erwachsene Menschen sich von ihren eigenen Kindern in den politischen Irrsinn treiben lassen, ist das erbärmlich. Die Aufgabe der jungen Generation besteht nicht darin, die Leitlinien der Gesellschaft zu bestimmen, sondern darin, sich durch Lernen und Arbeit darauf vorzubereiten, dass sie eines Tages dazu die Fähigkeit und die Reife besitzt, sie in der Zukunft einmal bestimmen zu können.

Nach Maos wahnwitziger Kulturrevolution ist China zu den traditionellen Werten des Konfuzianismus zurückgekehrt, die damals den Roten Garden offiziell zur Zerstörung freigegeben wurden: Leistungsbereitschaft, Eigenverantwortung, Familiensinn, Respekt und Disziplin. Die Gesellschaft wurde wieder vom Kopf auf die Füße gestellt. Entweder gelingt den europäischen Gesellschaften eine ähnliche Renaissance ihrer traditionellen Werte und die Überwindung dieser Phase der allgemeinen Infantilisierung, oder chinesische Historiker werden am Ende des 21. Jahrhunderts mit derselben Mischung aus Erstaunen und Geringschätzung auf den Niedergang Europas sehen, wie die Europäer im 19. Jahrhundert auf die Zivilisationsruinen ihrer Zeit.


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