01. Juli 2019

Als Konservativer bei der Eröffnung des Evangelischen Kirchentags 2019 Sodom, Gomorrha und Dortmund

„Klimaleugner“ unerwünscht

von Maximilian Kneller

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Bildquelle: CaJest / Shutterstock.com „Was für ein Vertrauen“: Evangelischer Kirchentag 2019 in Dortmund

Warm ist es im Dortmunder Rathaus, durch die gläserne Decke scheint die Sonne unerbittlich in den repräsentativen Empfangssaal. Alle Blicke richten sich nach vorne. Kirchentagspräsident Hans Leyendecker hat das Wort, dann Ministerpräsident Armin Laschet. In ihren Reden sprechen sie von Vertrauen, das Motto des diesjährigen Kirchentages bildet sich um den Begriff.

Vertrauen sei in den vergangenen Jahren verlorengegangen, sagt Leyendecker. Auch der gesellschaftliche Zusammenhalt habe spürbar nachgelassen. Eine Aussage, der sich auch Armin Laschet später anschließen wird. Wenn man zum Arzt gehe, habe man Vertrauen, in die Regierung jedoch sei dieses Vertrauen nicht mehr vorhanden. „Schade“ sei dies. Armin Laschet sagt, man solle wieder vermehrt um Vertrauen werben, warum man dies in den vergangenen Jahren zu wenig gemacht hat, sagt er nicht. Leyendecker sagt, man dürfe das Feld nicht jenen überlassen, die Hass und Hetze verbreiten würden. Wen er damit meint, sagt er in seiner Pseudoneutralität selbstredend nicht. Laschet sagt, er finde es richtig, dass die Kirche jenen, die ihre „Werte“ nicht teilen, kein Podium biete. Was das für Werte sind, sagt er nicht. Der Wert der Kirche in Deutschland für die Regierung war jedenfalls immer schon, dass sie treu ergeben und unkritisch war. Im Dritten Reich hatte sie schnell ein Narrativ gefunden, das sich hervorragend mit dem menschenverachtenden Weltbild der Nazis vertrug, genau wie in der DDR mit den Kommunisten. Hier war sie bei der Revolution auch größtenteils passiv. Die Courage einzelner Christen schreibt sie sich bis heute gerne auf die Fahnen, über Pfarrer mit Hitlergruß und Stasi-Spitzeleien in Kirchen deckt man dann aber lieber den Mantel des Schweigens.

Heute lädt man eben dann die AfD nicht mehr ein, nicht aus irgendwelchen Werten, die diese Partei nicht teilen würde, sondern vor allem aus der Unlust an der Auseinandersetzung, der eigenen Hybris und natürlich dem Gratismut und der Gratishaltung, die man sich mit einem solchen Verhalten erwirbt. Nicht dass solche Empfänge nicht immer Rahmen zur Selbstbeweihräucherung wären, aber die fehlende Mühe, mit der man die weltanschauliche Färbung dieser ganzen Veranstaltung kaschieren will, ist erschreckend. Nicht nur die Schals sind an diesem Tag im Rathaus grün.

Etwa eine Stunde später ist Eröffnungsgottesdienst auf einer großen Kreuzung mitten in Dortmund. „Gott ist eine Wegbereiterin“, klärt eines der Mädchen im Fridays-for-Future-Alter die vorwiegend alten weißen Männer und deren Hausfrauen im Publikum auf. Mit diesem Satz könnte man den Bericht über anderthalb Stunden Begrüßungsgottesdienst eigentlich gut zusammenfassen, insgesamt waren der unfreiwillig komischen Aussagen jedoch zu viele, als dass man sie aussparen sollte. Schaut man zwischen Bühne und Publikum hin und her, so fällt einem auf, was die Kirche gerne wäre und was sie eigentlich ist. Auf der Bühne geht es bunter zu als bei jeder UN-Vollversammlung, zwischen Hip-Hop-Tanz und ein paar gut integrierten Flüchtlingen sagt Leyendecker, dass der Klimaschutz dieses Mal ein sehr großes Thema auf dem Kirchentag sei. Die Kirche scheint die Klimakirche als das Original übertreffen zu wollen. Tatsächlich ist die klerikale Weltanschauung in ihrer modernen Interpretation ein regelrechter Nährboden für jede noch so abseitige Linksaußen-Litanei des Zeitgeistes. Es wird viel in Imperativen gesprochen, viel von Werten und von Nächstenliebe, es wird vor vermeintlichem Fremdenhass gewarnt und auch immer mal gerne das beliebte Märchen vorgetragen, Maria und Josef seien ja auch Flüchtlinge gewesen.

Während das greise Publikum die FDJ-artige Darbietung auf der Bühne fleißig beklatscht und auch bei der Predigt artig Szenenapplaus gibt, wenn das AfD-Bashing sich von der pseudosubtilen auf die Grünen-Parteitags-Ebene hebt, sitzt man als Konservativer recht zurückgelassen dort.

Leyendecker sagt, es sei natürlich, seine Heimat zu schätzen, wer die Nation aber zum Gott erhebe, der lästere Gott. Das mag stimmen, es gibt aber tatsächlich keine in Deutschland bekannte Strömung, die derlei, ob im wörtlichen oder im übertragenen Sinne, anstrebt. Leyendecker sagt auch, dass jene, die den menschengemachten Klimawandel leugneten, auf dem Kirchentag nichts zu suchen hätten. Hier sollte auch den Naivsten klar werden: Es geht nicht um vermeintliche Fremdenfeinde oder Personen, die die vermeintlichen Werte der Kirche angeblich nicht teilen, es geht um knallharte Meinungsmache. Ein bestimmter Teil, der nicht die linksgrünen Positionen des (Kirchen‑) Establishments teilt, soll sukzessive aus ihr gedrängt werden. Zumindest aber soll ein Klima geschaffen werden, in dem diejenigen, die anderer Meinung sind, sich nicht mehr trauen, diese zu äußern. Das Zitat Martin Luthers „Pfaffen sollen beten und nicht Politik machen“ wirkt hier wie ein frommer Wunsch. Tatsächlich, so scheint es, will die Kirche unbedingt politisieren. Nur der Glaube, das scheint heute zu wenig, um junge Menschen und generell die sogenannte Zivilgesellschaft zu erreichen. Ironischerweise biedert man sich also einem zutiefst atheistischen Zeitgeist an, schafft einen klerikalen Wohlfühlrahmen für all jene, die ohnehin schon von sich glauben, die Moral gepachtet zu haben, und treibt damit die eigene Selbstabschaffung voran. Für die Göring-Eckardts, Habecks und Roths ist der christliche Glaube in Wahrheit nämlich nur so viel wert, wie er ihrer poststrukturalistischen Agenda dient, die sie damit in das nette Mäntelchen der angeblich christlichen Werte hüllen können.

Doch zurück zu Leyendecker: Im Neusprech „Klimaleugner“ genannte Skeptiker, die den Einfluss des menschlichen Kohlendioxidausstoßes auf den Klimawandel bezweifeln (die semantische Nähe zu „Holocaustleugner“ ist vermutlich alles andere als zufällig), sind auf dem Kirchentag laut seiner Aussage nicht willkommen. Das ist interessant, da Jesus sogar Mördern und Dieben die Chance gab, umzukehren, und sich unter seinen Jüngern mit Matthäus ein Zöllner befand. Genau auf diese bedingungslose Barmherzigkeit beruft man sich doch, wenn man heute fordert, jedem Menschen, der nach Deutschland möchte, einen Platz neben sich am Alimentationstopf des deutschen Steuerzahlers zu gewähren. Für Klimaleugner aber gilt die Null-Toleranz-Grenze? Die Werte der Kirche sind klar erkennbar: Stalinismus und Berufsopportunismus in Verbindung mit einer unfassbaren Hybris. Hierbei geht es aber nicht nur um die Gunst der Herrschenden und ein paar Fleißsternchen bei der atheistischen Linken, die die Kirche ja gerne noch hier und da kritisiert, wenn mal wieder ein „reaktionärer“ Pfarrer auf die christliche Eindeutigkeit der Ehe als Institution zwischen Mann und Frau verweist, es geht auch ganz simpel um Wichtigtuerei. Nur Glaube, das scheint den Spitzenfunktionären zu langweilig. Lieber auch wo es geht und nach Kräften dem Zeitgeist das klerikale Wort reden. Das klappte in den zwölf Jahren Nazi-Deutschland, in den 40 Jahren DDR, wieso also heute etwas ändern? Mit dem Motto des Kirchentages: „Was für ein Vertrauen“.


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