07. Juni 2019

Nach der dänischen Parlamentswahl Politische Kultur und nationale Identität

Die „Elefantenrunde“ war von gegenseitigem Respekt geprägt

von Jörg Seidel

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Bildquelle: shutterstock Vater der dänischen „Volklichkeit“: Nikolai Frederik Severin Grundtvig (1783-1872)

Die dänische Folketings-Wahl 2019 ist Geschichte. Und sie wird Geschichte machen. Unter Führung der Sozialdemokraten hat der linke Block wieder die Zügel übernommen. Er konnte das nur, weil die Sozialdemokratie unter Mette Frederiksen die straffe Einwanderungspolitik der Dansk Folkeparti in ihre eigene implementiert hat und weil einige ihrer potentiellen Koalitionspartner wie die Radikale Venstre oder die Sozialistisk Folkeparti für ihre Verhältnisse deutlich zulegen konnten.

Effektiv haben die Sozialdemokraten sogar ein paar Tausend Stimmen verloren und ihr liberal-konservativer Hauptgegner, die Venstre unter Lars Løkke Rasmussen, ein paar Zehntausend Stimmen dazugewonnen, aber durch den Zugewinn auf der Ultralinken und vor allem durch den massiven Verlust der Dansk Folkeparti hat sich das Gefüge deutlich verschoben.

Mette Frederiksen hat nun die komplizierte Aufgabe, die bunte, wesentlich radikale Mosaiklinke hinter sich zu einen und mit ihr vor allem ihr sozialpolitisches Programm durchzusetzen. Aber ebenso schwer dürfte es sein, gegen ihre Koalitionspartner und vermutlich mit Hilfe der blauen Parteien den strengen Anti-Migrations- und Integrationskurs fortzusetzen. Ein schwer zu schaffender Spagat.

Doch will ich nun keine Wahlanalyse durchführen – davon gibt es bereits genug –‍, sondern auf ein dänisches Unikum hinweisen, das man heute Nacht gegen halb zwei live im Fernsehen miterleben durfte. Es führte exemplarisch vor, warum die Dänen ein so liebenswertes Völkchen sind.

Da waren die Stimmen alle ausgezählt, das Ergebnis offiziell. Es folgte traditionell die „Partilederrunde“, in der die vollkommen erschöpften Frontmänner und ‑frauen

unmittelbar ihre Einschätzung abgaben. Was man dort sieht und hört, erwärmt das Herz.

Schon vor der Runde darf man den 13 Persönlichkeiten zusehen, wie sie sich begrüßen, wie ihnen die Haare gemacht, die Gesichter geschminkt, die Mikrophone angelegt werden. Der dänische Zuschauer ist hautnah dabei, riecht förmlich Schweiß und Parfüm – keine abgehobene, unnahbare Politikerkaste. Es wird sich gegenseitig gratuliert, geherzt und umarmt, man lächelt sich an, umarmt sich, macht Witze. Bereits hier begreift man, dass sich nicht verbitterte Gegner und erbitterte Feinde, die sich verachten, gegenüberstehen, sondern Verbündete einer Sache – das Land Dänemark zu gestalten – mit gänzlich verschiedenen Methoden und Vorstellungen.

Auch die „extremen“ Kräfte werden vollkommen zwanglos in die Runde aufgenommen. Übrigens nicht nur von den Kollegen, sondern auch von den anwesenden Journalisten. Da stupst die Moderatorin vor laufender Kamera etwa Rasmus Paludan von der islamkritischen Partei „Stram Kurs“ an, lächelt und fragt ihn nach der Uhrzeit. Der muss nun seine knappe und überraschende Niederlage eingestehen.

Überhaupt haben die Rechtsaußen unerwartet schlecht abgeschnitten. Sowohl Paludans Stram Kurs als auch Pernille Vermunds Nye Borgerlige blieben weit hinter den Prognosen zurück. Vermund machte wenige Tage vor der Wahl vielleicht einen entscheidenden Fehler: Sie weigerte sich, Løkke zu unterstützen, weil dieser in den letzten Stunden um die Sozialdemokraten zu buhlen begann. Das war hochgradig ehrlich und aufrichtig, politisch aber unklug.

Von alldem war in der anschließenden Runde dann nichts zu spüren. In Deutschland weigerten sich Abgeordnete, den neuen AfD-Kollegen auch nur die Hand zu geben. In Dänemark – einer uralten Debattenkultur – wäre das undenkbar. Man muss diesen Menschen – den meisten zumindest – nur in die Augen schauen, um zu sehen, dass man sich über die Parteigrenzen hinweg achtet und in manchem Falle sogar mag. Und als Pernille Vermund etwa ein paar Worte an Mette Frederiksen richtet, da bricht ihr fast die Stimme.

Vergleicht man das mit den Bildern aus Deutschland, etwa den derzeitigen Intrigen in den sogenannten Volksparteien, den permanenten Anfeindungen der und von der AfD, dann wird ein eklatanter Unterschied in politischer Zivilisiertheit und Kultur deutlich. Wie ist er zu erklären? Es gibt sicher eine ganze Reihe an vor allem historischen Gründen, dänischen Spezifika. Mir fallen ohne längere Überlegung zwei ein.

Es ist zum einen das Erbe Nikolai Frederik Severin Grundtvigs. Ein strenger und prinzipientreuer Reformator von Kirche, Schule und Politik mit dennoch grundliberaler Gesinnung. Der Grundtvigianismus ist neben Kierkegaards Existenzphilosophie noch immer eine bedeutende Inspirationsquelle aller möglichen politischen Parteien.

Mehr noch aber dürfte – und auch das ist ein Begriff Grundtvigs – die „Folkelighed“, die „Volklichkeit“, eine Rolle spielen, ein für zentraleuropäische Verhältnisse ungewöhnliches Zusammengehörigkeitsgefühl, eine gemeinsame Identität. Diese wiederum kann überhaupt nur bis zu einer gewissen volklichen Größe entstehen, sofern sie kein temporärer Fanatismus ist. Aber Dänen fühlen noch immer ihre Apartheit, ihre „Danskhed“, ihre „Dänischkeit“.

Auch in der Politik wird der Gegner oft nicht mit Falsch-richtig-Dichotomien bekämpft, sondern mit dem Argument der „Danskhed“. „Det er udansk“ – das ist undänisch, dieses Argument hört man immer wieder und in alle Richtungen. Die Wertegrundlage ist also nicht ein Gut oder Schlecht, wie in der bipolaren deutschen Welt, sondern ein Bezug auf das nationale volkliche Wesen.

Und wenn wir uns die 13 Spitzenpolitiker ansehen, dann erkennen wir 13 prototypische Dänen, das ethnische Dänemark in all seiner Vielfalt. Es gab auch schon wichtige Politiker mit Migrationshintergrund in Dänemark, wie etwas Naser Khader, ein in Syrien geborener liberal-konservativer Politiker, aber der war innerlich so überzeugter und bekennender Däne – und Muslim –‍, dass nie jemand daran Anstoß genommen hat. Auch er verteidigte die Danskhed.

Diese wurde geformt in einem langen und bitteren Prozess an Niederlagen – der Vergleich zu Ungarn bietet sich an –‍, der eine Kollektivseele formte. Und die letzte prägende Periode war just jene, die es den Deutschen später verunmöglichte, weiterhin stolz deutsch zu sein. Könnte man sich einen deutschen Politiker vorstellen, der einem Kontrahenten vorwirft, „undeutsch“ gehandelt zu haben? Das käme einem politischen Suizid gleich.

Dort wo die Deutschen ihren Stolz auf ihr Deutschsein verloren haben, dort haben die Dänen ihren Stolz gewonnen, als vom mächtigen Nachbarn besetzte und gedemütigte Nation. Doch beginnt auch dieser Stolz zu verschwinden. Die „Danskhed“, die ganz wesentlich religiös – Folkekirke und Innere Mission – vermittelt wurde, ist Menschen aus anderen kulturellen und religiösen Kreisen mit sehr starken Identitäten natürlich schwer zu vermitteln, und auch die in Beliebigkeit, mit westlichen und universalistischen „Werten“ erzogene Jugend hat immer weniger Verständnis dafür. Die zunehmende politische Korrektheit erschwert zudem ihre Tradierung.

Nur wenn es der neuen Regierung gelingt, diese traditionellen Werte weiter zu bewahren, hat sie eine Chance, langfristig zu überleben. Gelingt es ihr nicht, dürfte die nächste Wahl in vier Jahren wieder einige Überraschungen parat haben.

DR TV: „Valgnat på DR – Partilederrunden“ (Dänisch)

Dieser Artikel erschien zuerst auf „Seidwalk“.


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