21. Mai 2019

RezensionGünter Scholdt: Anatomie einer Denunzianten-Republik

Über Saubermänner, Säuberfrauen und Schmuddelkinder

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Günter Scholdt, promovierter Historiker im Ruhestand, legt nach der „Literarischen Musterung“ ein weiteres Buch vor: „Anatomie einer Denunzianten-Republik“, heißt das rund 200-seitige Werk, in dem Scholdt jetzt Klartext spricht. Im Kampf für die Meinungsfreiheit jeglicher Couleur reduziert Scholdt die Gegner der Freiheit auf einige Grundtypen. Eine Aufgabe, die ihm unangenehm aufstößt, da wieder einmal deutlich wird, dass unser „Gemeinwesen vom Denunzianten geprägt ist“. Dazu zählt Scholdt den „entarteten Gutmenschen“ in all seinen Unterformen, die Vertreter der moralapostolischen Dienstleistungsbranche, die „Schmuddelkinder“ oder die „Saubermänner“ und zeichnet eine unterhaltsame und bissige Typologie der Deutschen, die sich zum dritten Mal innerhalb eines Jahrhunderts als Feinde der Freiheit entpuppen. Bestechend an Scholdts Analyse ist, dass er es schafft, von der soziologischen Kategorie auf die „kleinste Praxis“ zu schließen. Der entartete Gutmensch beispielsweise sei derjenige, der Tugenden von seinen Mitmenschen verlangt – als Maß gilt natürlich seine eigene Tugend –, die vom peniblen Mülltrennen bis zum Befürworten der Zigarettenschachtel-Schockbilder reichen. „Man kann das aber nicht alles über einen Kamm scheren“, werden seine Kritiker sagen. Selbstverständlich nicht, aber: Es ist erschreckend, wie oft seine Beispiele greifen und einen ganzen Menschenschlag charakterisieren. Wer kennt nicht den naserümpfenden Anti-Tabak-Militaristen und den „Grün-Befürworter“, der aber gleichzeitig zwei gehobene Mittelklassewagen sein Eigen nennt? Im bundesrepublikanischen Tollhaus-Alltag kann man schmunzelnd auf Scholdts Register zurückgreifen. „Aha, wieder eine Edelratte“, die Normabweichungen nachspürt und zur nächsthöheren Stelle trägt. Mit ein wenig Humor muss man Scholdts Buch und unsere Denunzianten-Republik definitiv nehmen. Anders ist das erschreckende Bild, das der emeritierte Literaturprofessor von unserer Heimat zeichnet, schwer zu ertragen.


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