12. April 2019

Rahim Taghizadegan über Demokratie Glaubensgewissheiten der Säkularreligion erschüttern

Antike Denker hätten nichts als Spott übrig

von Michael Klonovsky

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Bildquelle: Marc Bernot/eigentümlich frei Lädt zum Nachdenken über die Funktionsweise von Gesellschaften ein: ef-Autor Rahim Taghizadegan

Seit einiger Zeit zwickt und zwackt es mich, Ihnen Rahim Taghizadegan vorzustellen, den ich Anfang des Jahres auf der schönen Insel Usedom kennengelernt habe. Wie der Name verrät, stammt Taghizadegan aus Kakanien, und er redet im schönsten Wienerisch. Eigentlich ist er Ökonom, doch bereits sein Lebenslauf verweist auf einen interdisziplinären Weltzugang. Taghizadegan hat Physik, Wirtschaft und Soziologie studiert, an mehreren Universitäten gelehrt, er war „Research Fellow“ beim libertären Atlas Network in den USA, hat beim Europäischen Raumflugkontrollzentrum und dem US Naval Observatory gearbeitet und in südafrikanischen Armenvierteln unentgeltlich Wirtschaftsunterricht erteilt.

Als Ökonom steht Taghizadegan der Österreichischen Schule nahe, ist also ein Freund der freien Konkurrenz und der Marktwirtschaft, ohne sich irgendwelchen Illusionen über deren Realpräsenz hinzugeben – die Mehrzahl der Menschen sucht eben den Schutz der Herde mitsamt des guten Hirten, wofür sie jede Art Gatter und das ennuierende Bellen der Hütehunde in Kauf nimmt. Ansonsten ist es etwas schwierig, sein Denken irgendeiner Richtung zuzuordnen. Taghizadegan bietet keine Theorie an, sondern eher ein intellektuelles Klima des Nachdenkens über die Funktionsweise von Gesellschaften. Wenn die Menschenwelt immer komplexer wird, dann wird sie auch immer verwirrender, undurchschaubarer und durch Theorien immer weniger abbildbar. Die Komplexität reduzieren zu wollen, ist eine logische Reaktion darauf. Der Siegeszug der einfachen Erklärungen, die kollektiven Versammlungen hinter Parolen, die offenkundige Primitivität der öffentlichen Debatten finden hier eine robuste Erklärung. Das Motto lautet: Besser irgendetwas gilt als überhaupt nichts, und das mag erklären, warum wir knapp zweieinhalb Jahrhunderte nach der „Kritik der reinen Vernunft“ in der vermeintlich aufgeklärtesten Gesellschaft aller Zeiten immer noch mit ersatz- oder quasireligiösen Welterklärungen überschüttet werden, deren Anhänger sich hinter Stacheldrahtverhauen von Tabus verschanzen und sogar in die eigenen Reihen mit Exorzismen drohen.

Solche Glaubensgewissheiten beharrlich zu erschüttern, ist Taghizadegans Passion, dafür hat er zu Wien eine private Bildungseinrichtung namens „Scholarium“ gegründet. Zu den Glaubensgewissheiten unserer Zeit gehört die Erhebung einer Staats- beziehungsweise Regierungsform in den Rang einer Säkularreligion, an die jeder bekenntnishaft zu glauben hat, der mitspielen will, und die zu kritisieren auf Blasphemie hinausläuft. Ich habe dieser Tage Taghizadegans kleines instruktives Buch über die Demokratie („Altes Ideal oder moderner Etikettenschwindel“) gelesen und will jetzt nicht darüber referieren – allein seine These, dass Nation, Demokratie und Republik in der Realität unvereinbar seien, wäre ein Seminar wert –‍, sondern nur seiner Frage folgen, wie ein Zeitreisender aus der Antike unsere Demokratie beurteilen würde. Taghizadegan zufolge würde er uns auslachen. Gut, so weit würde Claudia Kipping-Eckardt noch mitgehen, sofern sie in etwa weiß, was Antike bedeutet, denn der männliche und wahrscheinlich sklavenbesitzende Athener Vollbürger hat ja Demokratie bloß in einem elitären Kreis praktiziert und den Rest ausgegrenzt. Eine Claudia Kipping-Eckardt hätte damals nicht dazugehören dürfen...

Heutige Demokratien, notiert Taghizadegan, müssten nach altgriechischem Sprachgebrauch eher als „oligarchisch orchestrierte ochlokratische Tyrannis“ bezeichnet werden. Das „anonyme Malen eines Kreuzes innerhalb einer riesigen Masse“ sei das absolute Gegenteil von dem, was unser Athener als Selbstregierung verantwortlicher Bürger verstanden hätte. „Die antiken Denker hätten wohl nichts als Spott übrig für unser heutiges Pathos, mit dem wir uns für unser ‚Recht‘ bejubeln, einen Tag lang Bürger zu sein und dann fünf Jahre lang Untertan.“ Sprechenderweise werde dieser Vorgang mit den Worten beschrieben: Wir „geben“ unsere Stimme „ab“.

Gut, das haben Roland Baader und andere Libertäre schon immer gesagt. Doch was folgt daraus? Die Demokratie wird ja vor allem dafür gepriesen, dass sie eine Autokratie verhindere. Taghizadegan gibt zu bedenken, dass sich die Mehrheit eines Tyrannen vielleicht sogar leichter entledigen könne „als einer institutionellen Tyrannis, die womöglich noch auf der Illusion der ‚Mitbestimmung‘ basiert“. Obendrein habe in den meisten Demokratien der Gegenwart die Zahl der Staatsabhängigen 50 Prozent der Wahlberechtigten überschritten. „Das bedeutet: Die Regierung wird de facto durch ihre Beschäftigten kontrolliert.“

Wer also, fragt Taghizadegan, übt heute tatsächlich Herrschaft aus? Diese Frage lasse sich in einer recht erhellenden Weise präzisieren, nämlich: „Wer hat gestern die Linie erdacht, die heute verfolgt wird?“ – „Wer hat gestern die Meinungen vertreten, die heute dominant sind? Wenn die Wähler gestern für eine Forderung ‚noch nicht bereit‘ waren, was oder wer hat sie umgestimmt?“

Das ist eine eminent berechtigte Frage angesichts eines Landes, dem die Satiriker außer vielleicht Bernd Zeller mit den ihnen vorbehaltenen Mitteln nicht mehr beikommen, während man ihnen vor zehn Jahren, hätten sie die heutigen Zustände damals als Satire präsentiert, maßlose Übertreibung vorgeworfen haben würde. Wie kommt es also, „dass Forderungen und Maßnahmen, die vor einiger Zeit noch von einer Mehrheit verlacht worden wären, heute ‚eine Mehrheit finden‘? Wer hat diese Forderungen vertreten, als die Mehrheit ‚noch nicht so weit war‘?“

Wir gelangen jetzt schnell in die Universitäten, in Thinktanks, in die Leitmedien, in Agenturen, Stiftungen, NGOs, also in vor- oder metapolitische Gefilde, wo jene kulturelle Hegemonie ausgekämpft wird, deren Einfluss auf die Gesellschaft heute gar nicht überschätzt werden kann – sofern diese Gesellschaft eine wirtschaftlich funktionierende ist, die den immer stärker wachsenden kulturellen Efeu überhaupt trägt. (Ich habe das in der Sentenz zusammengefasst, dass die Linke nicht der Widerpart des Kapitalismus ist, sondern sein Parasit.) Ein immer größerer, immer mehr Ressourcen verschlingender Staat tritt seinen Untertanen deshalb zunehmend mit therapeutischer Attitüde entgegen und betrachtet es als seine Aufgabe, die Wähler zu erziehen, ihre „Vorurteile“ abzubauen, sie für Forderungen zu gewinnen, die sie noch vor kurzem belacht und für Satire gehalten hätten. Mit einem Wort: das Volk zu erziehen. „Diese glatte Umkehr des demokratischen Prinzips hat mittlerweile alle ‚Demokratien‘ erfasst, sogar die Schweiz“, notiert der Autor, und wer wollte ihm widersprechen? Deswegen klingen heute Nachrichtensendungen von „Tagesschau“ bis „heute“ wie Kommentarwettbewerbe, deswegen werden die Schüler DDR-artig politisiert, deswegen gibt es kaum noch eine Werbung, die nicht ethnisch „diversifiziert“ wäre, deswegen gehören immer mehr „Tatort“-Folgen und Kinderfilme weniger zum Unterhaltungs- als vielmehr zum Erziehungsprogramm.

Taghizadegan: „Wer sich ohne jede Voraussetzung als Bürger wähnen darf, wessen Dummheit man Meinungspluralität und wessen Feigheit man Wahlgeheimnis nennt, wessen Neid man Anspruch tauft und wessen Laster gutes Recht, den kann man in jede Sklaverei einlullen, solange man ihm seine Bequemlichkeit lässt. Aufgrund der religiösen Tabuisierung dieses modernen Kults laufen wir Gefahr, die nächste Reaktion zu nähren, die sich dann mit solcher Heftigkeit gegen die Demokratie wenden wird, dass sie auch die guten Seiten des Konzepts durch deren Gegenteil ersetzen wird. Je blinder der Glaube an ein Versprechen, das nicht eingehalten werden kann, desto größer die Wut, wenn das Vertrauen schließlich geplatzt ist.“

PS: Wer weiterlesen möchte: „Die Deutschen, so achtbar im Einzelnen, werden die Welt weiterhin mit ihrem Fleiß, ihrer Klugheit, ihrer Verlässlichkeit und Kooperationsfähigkeit bereichern. Aber sie werden es wohl immer mehr außerhalb Deutschlands tun, wenn dort nicht die Sekundärtugenden ein wenig davon ablassen, die letzten paar Funken Klugheit, Mäßigung, Mut und Gerechtigkeit hysterisch auszutreten. In Deutschland werden sich dann die verbliebenen Funktionäre und ihre Klienten das Zusammenleben täglich neu aushandeln dürfen.“ (Aus einer Kolumne namens „Deutschland, ein Nachruf“.)

„Die wenig geliebte Union ist dabei, ihre letzten Sympathien zu verspielen. Die Reaktion darauf macht aufgrund des nach hinten losgehenden Bluffs nun auf kosmopolitische Beobachter den Eindruck eines plötzlichen Rückfalls in das Zeitalter des virulent aufbrechenden Nationalismus. Es ist jedoch eine Reaktion auf die Überdehnung der EU, die sich symptomatisch in der Schuldenkrise und der Migrationskrise zeigt, und kein Aufblühen des ‚Rechtsextremismus‘.“ (Aus derselben Kolumne, diesmal zum Thema „Europa der Vaterländer“.)

„Der formalistische Universalismus ist die letzte positive Norm der vermeintlichen Gerechtigkeit des westlichen Rechtsstaates. Wenn sie sich unter dem Druck der Realität auflöst, dann wird sich zeigen, wie hohl viele vermeintliche ‚Rechtsstaaten‘ heute sind.“ (Die nämliche Kolumne unter dem Titel „Freiheit contra Demokratie“.)

Rahim Taghizadegan: „Demokratie – Altes Ideal oder moderner Etikettenschwindel?“

Dieser Artikel erschien zuerst auf „Acta diurna“.


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