11. April 2019

Ungarischer Popsong „Ha én rózsa volnék“ Wär ich ein Tor

Zeitgebundene Träume von Grenzenlosigkeit

von Jörg Seidel

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Bildquelle: shutterstock Träumereien von Entgrenzung und Überfluss: Wenn ich eine Rose wäre...

Wer Ungarisch lernt, stößt vielleicht auf das Lied „Ha én rózsa volnék“. An ihm kann man nämlich wunderbar den Konditional lernen – ich hab‘s gleich auswendig gelernt –‍, der ausnahmsweise sogar einfach zu bilden und zu begreifen ist. An das Verb wird die Endung „‑nék“ angehängt, und die braucht dann nur noch konjugiert zu werden. „Ha én rózsa volnék“ heißt also „wenn ich eine Rose wäre“.

Das Lied ist in Ungarn weltbekannt! So auch sein Schöpfer Bródy János oder, nach deutschem Usus: János Bródy – die Ungarn lieben es, alles umzudrehen. Viele bekannte Künstler haben es im Repertoire, unter anderen Zsuzsa Koncz, die ostdeutsche Leser reiferen Datums ganz sicher noch als Stammgast bei „Ein Kessel Buntes“ kennen.

Die Idee des Liedes ist einfach: Das lyrische Ich stellt sich vor, etwas anderes zu sein und was es dann tun oder sein würde, und besingt diesen Traum in nahezu liturgiehafter Monotonie. Zum Beispiel eben eine Rose, dann würde er/sie nicht nur einmal, sondern gleich vier Mal blühen, also zu jeder Jahreszeit. Oder ein Tor: „Wär ich ein Tor, stünde ich immer offen, woher sie auch kämen, ich würde allen Einlass gewähren, ich würde niemanden fragen, wer hat dich denn geschickt, ich wäre erst dann glücklich, wenn alle angekommen wären.“ Des Weiteren ein Fenster, das sperrangelweit offen stünde und die ganze Welt sichtbar machte, eine Straße, die in der Sonne badete und in sich weinend zusammenfiele, wenn Panzerketten über sie rollten, und schließlich eine Flagge, die nicht wehen will, vor allem sich nicht nach allen möglichen Winden drehen möchte.

Nun, von der seltsamen Vorstellung, eine Straße oder ein Fenster sein zu wollen – die Rose wollen wir als kulturelles Leitmotiv gern gelten lassen: Eine Rose ist schließlich eine Rose ist eine Rose –‍ von diesen eigenartigen Phantasien abgesehen, begreifen wir schnell, dass es um Politik geht. Das Lied stammt aus den 70er Jahren; Bródy hat es seinen Landsleuten ins Gewissen gesungen, die im Gulaschkommunismus ihre Seele für einen Teller Gulasch verkauft hatten. Natürlich immer nur die anderen: Gesungen, mit vorwurfsvollem Ton, dürften es alle haben – es macht ein gutes Gefühl, ein bisschen Rebell zu spielen.

Ungarn war, wie der gesamte Osten, eine geschlossene Gesellschaft, das Bedürfnis, die Türen und Fenster weit aufzureißen, die Gleichförmigkeit und Linientreue anzuprangern – heute sagt man „Mainstream“ – oder den Überfluss in karger Umwelt zu wollen, ist mehr als verständlich. Die Menschen hatten das sofort begriffen, und seither singt man dieses Lied und findet es, wie eine kleine persönliche Umfrage ergab, auch noch immer gut. Heute singt man das Lied auch mit Orbán im Hinterkopf… Kaum jemand denkt über seinen wahren Inhalt nach. Niemandem scheint der Wahnwitz der Zeilen aufzufallen, die in heutiger Zeit nahezu erschreckend klingen. Vor allem die Weltöffnungsphantasien wirken beklemmend, dystopisch und aus der Zeit gefallen – Albtraum: immer offen, allen Einlass gewähren, niemanden fragen, glücklich erst, wenn alle angekommen wären. Aber auch die Rose, die immer blüht: Sie nimmt den Traum vom endlosen Konsum, vom Immer-alles-jetzt-sofort-haben-können vorweg – man begreift nicht, dass Schönheit und Wert durch Seltenheit und nicht durch permanente Verfügbarkeit erst entstehen…

Diese heimliche Hymne reiht sich in eine ganze Anzahl von Nonsensliedern ein, die vor allem in den Flower-Power-Zeiten produziert worden sind und über die man nicht nachdenken darf, will man sie genießen. Es war Mode geworden, alle Grenzen einzureißen und vom totalbefreiten Paradies zu träumen. John Lennons

„Imagine“ steht als Fanal, und Lennon hat eine ganze Reihe solcher populistischen Titel produziert („Give peace a chance“, „Woman“), wie auch Pete Seeger, Joan Baez und so weiter, und in Deutschland fast die ganze Liedermacherszene, Ost wie West. Ob Grönemeyers „Kinder an die Macht“, Nenas „99 Luftballons“, Lindenbergs „Wozu sind Kriege da“ oder am radikalsten „Keine Macht für Niemand“ von Ton Steine Scherben, sie alle priesen die Ideologie des Grenzenlosen und der Entgrenzung; alle Brüder, alle Essen, alle gleich, alle reich – Paradies für alle. Jetzt!

Damals mögen diese Lieder gut und richtig geklungen und auch ihre Berechtigung gehabt haben – an Bródys Rose wird das offensichtlich. Doch es zeigt uns: Es gibt keine ewigen Wahrheiten. Sätze müssen sich wechselnden Realitäten stellen. Was einst süß und verführerisch geklungen haben mag, klingt heute hohl und bedrohlich. Vielleicht morgen wieder!

„Ha én rózsa volnék“, gesungen von Zsuzsa Koncz

Dieser Artikel erschien zuerst auf „Seidwalk“.


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