23. März 2019

Greta Thunberg und die Politik Demokratie frisst Widerstand

Sie ist Teil des Gesamtfalschen

von Jörg Seidel

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Bildquelle: livoeian / Shutterstock.com Alt-Schwedin begeistert die Mächtigen: Greta Thunberg

„Widerstand“ ist eine Vokabel, die im Deutschland unserer Tage vor allem von rechts genutzt wird. Widerstand von links ist zumeist Widerstand gegen den Widerstand von rechts. Schon da wird es kompliziert.

Die junge Greta Thunberg und „ihre“ Bewegung machen das Paradox noch paradoxer, ohne anscheinend selber in der Lage zu sein, die vielfältig verworrene Dialektik wahrzunehmen. Halten wir es ihrem Asperger-Syndrom zugute, das sie – und die zumeist Greta-freundlichen Medien – wie einen Schutzschild vor sich herträgt. Denn auch das gehört zur Inszenierung hinzu: das Ausspielen der Handicap-Karte. Leider stammt Greta aus Alt-Schweden – das ist sicher kein Zufall – und ist weiß wie ein Schneehäschen in Lappland. Perfekt in Show und in dialektischen Widersprüchen wäre es, wenn sie neben ihrer „Sonderbegabung“ auch noch eine schwarze Neuschwedin wäre.

Dem ZDF diktierte sie ins Mikrophon: „Ich mag es nicht, wenn Menschen das eine sagen und das andere machen.“ Dies ist nun freilich eine menschlich-allzumenschliche Eigenschaft, die auch die gute Greta nicht ablegen kann. Überhaupt tendiert willentliches Gutseinwollen aufgrund moralischer Vorgaben immer zu diversen Dilemmata.

Das beginnt schon bei der Idee „Skolstrejk för Klimatet“. Da werden zwei inkommensurable Größen zusammengewürfelt, die in etwa die Berührungsfläche einer Tangente mit einem Vogelschiss oder eines Hölderlinverses mit Merkels Unterhose haben.

Apropos Merkel! Sie hat die Aktion öffentlich heiliggesprochen. In ihrer typisch klaren Diktion sagte sie: „Ich unterstütze sehr, dass Schülerinnen und Schüler für den Klimaschutz auf die Straße gehen und dafür kämpfen. Ich glaube, dass das eine sehr gute Initiative ist.“

Und warum ist es eine gute Initiative? Nicht etwa, weil Merkel nun all ihre Politik und die Tradition der Partei, die sie vertritt, komplett umwirft und dem Umweltschutz und der Menschlichkeit unterwirft – das hat sie ja schon längst getan –‍, sondern weil das ein Zeichen einer lebendigen Demokratie sei. Übrigens konkurrieren die beiden Gutmenschen nun, wenn man dem Klatsch glauben darf, um den Friedensnobelpreis.

Unter diesem Vorbehalt darf Greta auf den ganz großen Bühnen wie dem EU-Parlament oder der UN-Klimakonferenz ihre Publikumsbeschimpfung aufführen und die Politprofis wie kleine Schulbuben behandeln – und bekommt dafür rauschenden Applaus. Ihr seid alles Idioten und Verbrecher, auf gut Deutsch: Versager und Lügner – sie lebe hoch, hoch, hoch! Danach stellen sie sich der Reihe nach an und herzen das kleine kontaktscheue Mädchen so sehr, dass man fast schon „Missbrauch!“ rufen möchte.

Kurz, die Lage ist diese: Diejenigen, gegen die Greta protestiert, denen sie Widerstand leistet, jubeln ihr zu, in den Löwenhöhlen darf sie ihre Botschaft verbreiten, dort wird sie bejubelt und bald vielleicht sogar unsterblich gemacht. (Der Preis wird – übrigens – ihr Leben gänzlich zerstören, denn wie soll man danach weiterleben?)

Bundespräsident Steinmeier schließt sich Merkel ebenso an wie die Bundesumweltministerin, deren Namen ich mir leider nicht merken kann. Zuletzt hat Dauergrinser Thomas Oppermann in seiner Funktion als Bundestagsvize das Kunststück formvollendet vollbracht. Er zeigt sich beeindruckt, positiv beeindruckt, nachdem 10.000 Schüler vor dem Bundestag gegen ihn und seinesgleichen demonstriert hatten, oder, um es positiv zu wenden, für die Umwelt. Diese freilich schweigt bisher verdächtig.

Nebenbei: Wie hätte Oppermann reagiert, wenn 10.000 Pegidisten ganz demokratisch „mit einer fröhlichen Grundhaltung“ gegen ihn und seinesgleichen protestiert hätten?

Oppermanns vergiftetes Lob, schlimmer noch die unbewusst diffamierenden Glückwünsche, führen die Demonstrationen der Greta-Jünger nun vollends ins Absurde. Demokratische Politik offenbart sich hier als das, was sie ist, als politisches Komplementärstück zum Kapital, dessen innere Logik sie in die administrative Welt hebt. Wir wissen alle, zumindest nach 100 Jahren Revolutionserfahrung, dass das Kapital bislang alle seine Gegner (und die Revolution alle ihre Kinder) auffraß und verwurstete und letztlich, in perfekter Kapitallogik, zu Mehrwert verarbeitete.

Nun ist also auch diese letzte schmelzende schwedische Gletscherzunge der grünen Ideologie im Meer des Leviathans aufgegangen und kann verarbeitet werden. Das wird die kleine Greta, wenn sie mal erwachsen ist, sicherlich erkennen und dann begreifen, dass das Gesamtfalsche viel zu groß ist, dass es auch in ihr wirkt, dass sie Teil des Gesamtfalschen ist. Dann dürfte sie irgendwann zu dem Schluss kommen, dass Weltrettung immer nur Innenweltrettung sein kann.

Dieser Artikel erschien zuerst auf „Seidwalk“.


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