10. März 2019

Videobeweis im Fußball Die Gerechtigkeitsillusion

Es handelt sich um ein Wahrscheinlichkeitsspiel

von Jörg Seidel

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Bildquelle: shutterstock Führt nicht zu mehr Gerechtigkeit: Videobeweis im Fußball

Der Videobeweis im Fußball wird in der Regel mit dem Gerechtigkeitsargument begründet. Tatsächlich opfert er der Illusion der Gerechtigkeit die Schönheit des Sports. Er nährt die Phantasie, dass es so etwas wie Gerechtigkeit überhaupt gäbe.

Diese Zeilen tippe ich erregt in die Tastatur – soeben war ich Zeuge einer der größten fußballerischen Ungerechtigkeiten, an die ich mich entsinnen kann. Dabei liegt mir keine der beiden Mannschaften – Paris Saint-Germain und Manchester United – besonders am Herzen.

Die Geschichte der Partie ist aufschlussreich und sagt einiges über den mentalen Zustand beider Klubs. Paris Saint-Germain hatte etwas überraschend, aber überzeugend eine 2:0-Führung aus dem Auswärtsspiel in Manchester mitgebracht. Dabei wurden die „Reds“ trotz ihres beeindruckenden Laufes der letzten Wochen teilweise vorgeführt. Der Wettkampf hätte also nahezu entschieden sein sollen.

Auch das Rückspiel gestaltete sich einseitig. 70 Prozent Ballbesitz konnten die Pariser aufweisen, in allen taktischen Werten lagen sie in Führung, aber ein einziger katastrophaler Fehlpass und ein Torwartfehler führten zu zwei gegnerischen Toren, denen man nur ein eigenes entgegenhalten konnte.

Wir befinden uns in den letzten Minuten der Partie. Noch immer unternimmt United keine Anstrengungen, das dritte und entscheidende Tor zu erzielen. Sie können es nicht, sie haben nicht die Kraft und auch nicht die Qualität, das Pariser Starensemble auszuspielen oder einfach nur durch „Pressing“ den Ball zu erobern. Das Weiterkommen der Pariser ist zu diesem Zeitpunkt nach allen moralischen Begriffen gerecht!

Und dann passiert das Unfassbare. Der erste und einzige Schuss von United in Richtung gegnerisches Tor in der zweiten Halbzeit – hoffnungslos zu hoch angesetzt und komplett ungefährlich – wird vom französischen Verteidiger, der in den Schuss springt – allerdings mit dem Rücken zum Ball – mit dem Arm leicht abgefälscht. Weder gab es eine Absicht, noch bestand eine Torgefahr, noch wusste der Spieler etwas davon, und gesehen hatte es auch kaum jemand. Außer dem Videoassistenten am Bildschirm. Es dauerte eine ganze Weile, bis er dem Schiedsrichter das Signal gab. Der lief zur Mattscheibe und gab – Elfmeter.

Hier kommt das Problem der Gerechtigkeit gleich doppelt ins Spiel. Gemessen am Verlauf der Partie, ja des gesamten Zweikampfs, wäre das Ausscheiden der Pariser hochgradig ungerecht gewesen, denn sie waren jederzeit die deutlich bessere Mannschaft. Dieser „ethische“ Begriff der Gerechtigkeit sollte im Fußball freilich keine Rolle spielen. Sofern ein Sieg regelgerecht erzielt wurde, sollte er immer als gerecht angesehen werden, ganz gleich, wie stark verschoben die Statistiken waren.

Und kühl technisch oder an den Regeln gemessen, mag dieser Elfmeter sogar zu vertreten sein. Aber er war nie und nimmer eindeutig. Und das ist die Crux des Videoassistenten! Nicht nur zerfasert es das Spiel und verleitet die Mannschaften zum dauernden und nervigen Beschweren. Man will nun also nicht mehr spielerisch gewinnen, sondern „juristisch“. Das ist eine fatale Entwicklung, die im Übrigen nur ein Spiegelbild unserer Anklagegesellschaft darstellt.

Dabei ist der Fußball aber zu dynamisch, um jede Situation eineindeutig entscheiden zu können. Gut verständlich sind etwa Linienentscheidungen: Hat der Ball die Linie überquert oder nicht? Im Januar kratzte John Stones im vielleicht titelentscheidenden Spiel gegen Liverpool einen Ball von der Linie, der nach menschlichem Ermessen „drin“ war, von dem uns aber die Technik überzeugte, dass er eben nur zu 95 Prozent die Linie überwunden hatte und noch sage und schreibe zwölf Millimeter fehlten, die Fußballgeschichte umzuschreiben. Aber es hat nicht gepiepst, die Technik hat ihr sauberes Werk vollbracht – volle Zustimmung.

Kontaktentscheidungen hingegen sind oft Ermessensfragen, sowohl den Kontakt Mann-Mann betreffend als auch den von Mann und Ball. Die neue Videobeweis-gemachte Gerechtigkeit sollte die Frage des Ermessensspielraumes endlich beantworten, ja beenden. Man wollte den Fußball von Intuitiventscheidungen des Schiedsrichters ebenso befreien wie von optischen Täuschungen oder ganz einfachem Nichtsehen.

Tatsächlich kann der Videobeweis das nur in wenigen Situationen leisten. In Konstellationen wie der oben beschriebenen tut er das Gegenteil: Er vertagt sie für einen Moment und hebt sie auf eine höhere Stufe. Nun steht der Schiedsrichter also vor dem Bildschirm und muss exakt die gleichen Fragen beantworten, und er wird das nach seiner Optik, nach seiner individuellen Auffassung, nach seinen Prämissen tun. Ein anderer Schiedsrichter hätte an seiner Stelle auch ganz anders entscheiden können.

Was also hat man gewonnen? Nichts! Im Gegenteil, die Ungerechtigkeit nimmt bei Videoassistent-basierten Entscheidungen sogar zu! Zur Ausgangslage: „Es gibt im Fußball keine Gerechtigkeit“ wurde nun eine neue Portion Ungerechtigkeit hinzugefügt, die besonders schmerzhaft ist, weil sie sich mit Gerechtigkeit begründet. Dabei ist Gerechtigkeit unter allen sozialen Konstrukten das repräsentativste.

Übrigens: Wer die Prämisse „Es gibt im Fußball keine Gerechtigkeit“ nicht akzeptieren kann, der sollte sich einen anderen Sport suchen, etwas wie Scheibenschießen oder Schach, Sportarten, in denen sauber technisch das Höher-Weiter-Schneller gemessen werden kann.

Der hat vor allem das Wesen des Fußballs nicht verstanden, denn es handelt sich hierbei um ein Wahrscheinlichkeitsspiel. Je besser eine Mannschaft in allen Parametern ist, desto wahrscheinlicher ist es, dass sie gewinnt. Gewissheit kann es keine geben, denn am Ende zählen die Tore, und hundert verschossene, gehaltene, von der Linie gekratzte Bälle kann ein einziger geglückter Schuss widerlegen.

Und das ist der tiefste Grund der Faszination des Fußballs.

Dieser Artikel erschien zuerst auf „Seidwalk“.


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