30. Januar 2019

„Bento“-Interview mit Imke Wübbenhorst über Frauen- und Männerfußball Uff, das war knapp!

Es darf nicht sein, was ist

von Jörg Seidel

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Bildquelle: shutterstock Langsamer als Männer: Frauen beim Fußball

War heute joggen im Park. Vor mir lief – 300 bis 400 Meter entfernt – eine junge Frau. Sie, 30 Jahre jünger, lief flüssig, geübt, mit federndem Schritt. Keine professionelle Sportlerin, aber eine, die vermutlich regelmäßig läuft.

Ich lief gemächlich, sie etwas motivierter. Und trotzdem hatte ich sie auf der Hälfte der Runde, nach zwei Kilometern vielleicht, überholt, und als ich beim Abbiegen noch einmal zurückschaute, war sie schon nicht mehr zu sehen.

Da ich ihr zehn Minuten hinterherlief und mich langsam annäherte, hatte ich gute Gelegenheit, darüber nachzudenken, warum Frauen im Durchschnitt langsamer laufen als Männer. Es war ziemlich offensichtlich: Es hat etwas mit Anatomie und mit Schwerkraft zu tun. Jedes Mal, wenn sie einen Fuß aufsetzte, konnte man das unzweifelhaft sehen. Und jedes Mal, wenn der Fuß wieder abfederte, musste diese Masse, die sich gesenkt hatte, neu angehoben werden. Ihr Körperschwerpunkt lag unterhalb der Gürtellinie, meiner liegt oberhalb.

Das erinnerte mich an ein Interview, das ich neulich in der allseits beliebten Zeitschrift „Bento“ las. Man – ich meine natürlich frau – interviewte Imke Wübbenhorst, die sich in jüngerer Zeit einen gewissen Namen als erster weiblicher Trainer einer Oberligamannschaft gemacht hatte. Dort steht gleich in der Überschrift: „Nein, diese Trainerin stellt nicht ‚nach Schwanzlänge‘ auf“, wie das im Männerfußball bekanntermaßen überall der Fall ist. Man – und frau auch – weiß gleich, dass man es mit einer journalistischen Fußballexpertin zu tun hat.

Solche markigen Sprüche gefallen bei „Bento“ natürlich – diese Machokerle mal richtig an den Eiern packen! Tatsächlich behauptet sie von der Mannschaft – ein Begriff übrigens, den man im Hannoveraner oder Augsburger Rathaus ausradieren will: Der geniale PR-Coup der glorreichen „Die Mannschaft“ ist schon veraltet –‍, „dass ich mir von ihnen wünsche, dass sie die Eier haben, auf dumme Fragen so zu antworten: ‚Ja, das ist eine Frau, und die Frau ist richtig gut.‘“ Gut gebrüllt, Löwin!

Das täuscht aber nicht darüber hinweg, dass das Gespräch um ein Haar entgleist wäre und sich die mutige Frau mächtige Gegner geschaffen hätte. Man unterhält sich zuerst über Frauenfußball. Dort hatte Wübbenhorst fast alles erreicht. Schließlich kommt sie auf meinen obigen Punkt: den Unterschied zwischen Männer- und Frauenfußball: „Und natürlich ist Männerfußball schneller, härter. Die körperlichen Voraussetzungen unterscheiden sich eben. Ich schau mir auch lieber Männerspiele im Fernsehen an, ist doch klar.“

Und jetzt kommt das Entscheidende! Die Journalistin stellt sofort die vergiftete Frage: „Du redest Frauenfußball schlecht?“ So geht deren Logik: Männer spielen schneller und härter – im Durchschnitt –‍, weil „die Natur“ ihnen andere Voraussetzungen mitgegeben hat. Ganz objektiv. Folglich ist Männerfußball schneller, intensiver, härter, spannender… Das kann jeder und auch jede sehen. Aber es darf nicht sein, was ist. Das Offensichtliche, ja das Gesetzmäßige muss gebrochen werden, um Gleichstellung und Gerechtigkeit zu erzeugen.

Hätte Wübbenhorst Eier gehabt, dann hätte sie diese Tussi schön abblitzen lassen und sagen sollen: Ich schaue Männerfußball, weil der besser ist, weil ich dort mehr lernen kann, weil man dort das Spiel an seinen physischen Grenzen studieren kann. Stattdessen zieht diese mutige Frau, die sich traut, eine semiprofessionelle Männermannschaft zu trainieren – alle Achtung! –‍, die ihren Mann vor Männern steht, den Schwanz ein, fürchtet die andere Frau und relativiert und laviert: „Nein, Frauenfußball hat ganz andere Stärken. Meiner Meinung nach geben die Frauen oft noch mehr als die Männer. Sie werfen alles in eine Waagschale und sind taktisch wahnsinnig gut. Aber ihr Spiel ist nun mal langsamer.“ Das war knapp!

Sie spürte offensichtlich das Gift in der Frage oder die Guillotine, die dahintersteht, die gnadenlos herunterrauscht, wenn sie hier die falsche Antwort gibt. Tragisch ist, dass Journalistinnen wie Katharina Hölter dank ihrer Position am längeren Hebel sitzen und Existenzen vernichten können, wenn es ihnen in den Kram passt. Es genügt ein banaler verbaler Ausrutscher wie: „Ich schau mir auch lieber Männerspiele im Fernsehen an, ist doch klar.“

Dieser Artikel erschien zuerst auf „Seidwalk“.


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