19. Dezember 2018

Deutsche Berichterstattung über den Straßburger Anschlag Zynisches Medien-Framing

Die Wirklichkeitsbastler können das Wort „Terror“ nicht ganz vermeiden

von Spoeken Kieker

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Bildquelle: Hadrian / Shutterstock.com Zynismus bei den Medien, Trauer bei den Menschen: Nach dem Anschlag in Straßburg

Auf dem Weihnachtsmarkt in Straßburg richtete der islamistische Attentäter mit dem arabischen Namen „Cherif C.“ am 11. Dezember mit einer Pistole drei Menschen regelrecht hin, weitere 14 verletzte er zum Teil schwer. Seitdem haben die Wirklichkeitsbastler in den medialen Haltungsministerien mal wieder richtig zu tun, dieses vollkommen überraschende und mit nix zu tun habende Geschehen angemessen darzustellen. Schon sehr, sehr gut machte das tagesschau.de, die den Terroranschlag gewohnt feinfühlig unter dem Titel „Vorfall unweit des Weihnachtsmarkts“ präsentierte. Sehr hübsch auch die Lösung von tagesspiegel.de: „Am Weihnachtsmarkt in Straßburg fallen Schüsse. Es gibt Tote und Verletzte.“ Wie gut, dass die linksgrüne Leserschaft nicht durch Täterdetails oder Opferzahlen in ihrer bewährten Realitätsverweigerung gestört wird.

Wie das zynische „Framing“ genau funktioniert, bewies der gewohnt zuverlässig linke Deutschlandfunk in seinen Nachrichten am 12. Dezember, acht Uhr: „Der Attentätervom Straßburger Weihnachtsmarkt ist weiter auf der Flucht. Nach dem Verdächtigen werde weiter gefahndet, sagte der Straßburger Bürgermeister Ries in einem Radiointerview. Auf die Frage, ob der Täter nach Deutschland geflüchtet sein könne, meinte Ries, die Grenze sei im Prinzip geschlossen. Es sei aber alles möglich. Für Straßburg beginne ein Tag der Trauer. Der Weihnachtsmarkt werde geschlossen bleiben. Der Täter hatte an mehreren Stellen nahe dem Weihnachtsmarkt das Feuer eröffnet und drei Menschen getötet. Zwölf weitere wurden verletzt. Laut Sicherheitsbehörden wurde er von Soldaten angeschossen. Der Mann sollte nach Medieninformationen eigentlich gestern früh verhaftet werden, wurde aber nicht angetroffen. In seiner Wohnung habe man Granaten gefunden. Der französische Innenminister Castaner erklärte, der mutmaßliche Täter stamme aus Straßburg. Er sei den Behörden als kriminell und radikalisiert bekannt. Der 29-Jährige sei wegen verschiedener Delikte sowohl in Frankreich als auch in Deutschland verurteilt worden. Castaner rief die höchste nationale Sicherheitswarnstufe aus. Die Pariser Staatsanwaltschaft leitete Ermittlungen wegen einer möglichen terroristischen Tat ein.“

Eine kleine Analyse: Die Tat selbst wird kaum konkret beschrieben – etwa die Tatwaffe, eine Pistole. Um mit einer solchen Waffe so viele Menschen zu töten und zu verletzen, muss man direkt an sie herantreten – solche Bilder sollen in den Köpfen der Hörer nicht entstehen. Deshalb auch die gedämpfte Sprache, wonach „zwölf Menschen verletzt wurden“. Durch was denn nur? Auch die mehrfache Verwendung des Konjunktivs hilft dabei unterschwellig. Sehr hübsch auch der Hinweis, der Täter „stamme aus Straßburg“. Dieses vollends irrelevante Detail soll lediglich die vielleicht beim Hörer aufkommende Frage abtöten, ob es sich bei dem Massenmörder um ein Geschenk aus ferneren Kulturkreisen handeln könnte. Aber nein, der französische Innenminister spricht davon, dass er „radikalisiert“ sei. Hm – was ist denn da im Elsass nur passiert? Drehte ein fanatischer Choucroute-Koch durch? Taumelte ein Riesling-Aficionado über den Weihnachtsmarkt? Oder hatte es mal wieder nix mit nix zu tun? Den unter Umständen irritierenden arabischen Vornamen des Täters verschweigt der DLF natürlich auch. Ebenso wenig erfährt der gebührenzahlende DLF-Hörer, dass die Bundespolizei vor dem Übertritt der deutsch-französischen Grenze warnte.

Überhaupt scheint das ganze Geschehen ja völlig undurchsichtig für die DLF-Redaktion zu sein, die ganz am Ende verschämt die offenbar fernliegende Idee der Staatsanwaltschaft reportiert, man habe „Ermittlungen wegen einer möglichen terroristischen Tat“ eingeleitet. So rutschte das irritierend-beunruhigende Wort „Terror“ ganz am Ende doch noch in die Meldung. Ließ sich wohl leider nicht vermeiden.

Zum Glück aber war es wenigstens keine „Hetzjagd“.

Dieser Artikel erschien zuerst auf „Die Kieker (Die Spoekenkiekerei)“.


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