11. November 2018

Laubbläser und andere Absurditäten modernen Lebens Dekadenzgedöns

Männer brauchen Maschinen

von Jörg Seidel

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Bildquelle: shutterstock Macht Freuds Theorie evident: Laubbläser

Den Grad der Dekadenz einer Gesellschaft kann man an den großen historischen Parallelen erkennen – wie das David Engels etwa tut, Alessandro Barbero oder Alexander Demandt –, aber auch an den ganz kleinen Details. Und ich behaupte:

Eine Gesellschaft, in der man zum Laubharken nicht mehr die Harke, sondern den Laubbläser benutzt, ist wert, unterzugehen.

Jetzt sieht und hört man sie wieder an allen Ecken und Enden: „Men at work“. Ein anderes Wort für Idioten, sofern die Arbeit sinnlos ist, zum Selbstzweck wird. Sie müssen sich sogar die Ohren verstopfen, um sie überhaupt erträglich zu machen. Die seltsame These Freuds – die mit dem Penis – wird hier in jeder Hinsicht evident.

Man kann die Absurdität modernen Lebens und auch den vornehmlich männlichen Drang, immer „etwas zu tun“ zu haben, an tausend Beispielen durchexerzieren, aber der Laubbläser ist kaum zu überbieten. Denn er leistet noch nicht mal etwas.

Schon der Rasenmäher ist ein eigen Ding. Was, bitte schön, ist gegen eine gute Sense einzuwenden? Scharf geschliffen, wohl gedengelt – ein Wort, das U30 gar nicht mehr versteht –, lässt sie eine kunstfertige Bewegung zu, die, wenn man sie erst beherrscht, eine innere Schönheit ausstrahlt, ein Wohlgefühl, ja, in den besten Fällen eine Meditation ermöglicht, die eine Jahreskarte im Sonnenstudio locker ersetzt. Aber nein, Männer brauchen Maschinen, brauchen Krach, brauchen Qualm und irgendein Ding vor der Hüfte. Immerhin, man kann dem Rasenmäher zumindest einen Zeitgewinn – die bedeutsamste Währung in unserer Ära – zusprechen und auch weniger Kraftverbrauch… weshalb auch sehr dicke Männer solche Geräte schieben können.

Andererseits verlangt die Maschine natürlich Nutzung, und so werden unzählige Wiesen zu Tode gemäht und geschunden, die keinen Menschen stören würden, die aber wichtigen Lebensraum für sehr viel Leben darstellen. (Daher wird mein Garten nicht gemäht, und wenn, dann hauptsächlich mit Sense – ein paar Gehschneisen ausgenommen.)

Am schlimmsten freilich ist der Rasentrimmer mit seinem lauten, hohen Summen, Kreischen, Knattern, dass einem die Ohren schmerzen, der eine Arbeit vollbringt, die eine Gartenschere ebenfalls geleistet hätte. Ich gestehe: Wenn ich Rasentrimmer sehe, bekomme ich Erschießungsphantasien – sie sind nur so schwer zu treffen.

Wer hier nicht an Heideggers „Gestell“ denken muss, hat Heidegger nicht gelesen. Muss man auch nicht – wichtiger ist, mit dem Unsinn aufzuhören!

Der Laubbläser ist nun der Inbegriff dieser vernichtenswerten Dekadenz, denn, wie gesagt, er leistet nichts. Bisher hat mich auch der größte Laubbläserkünstler nicht davon überzeugt, dass er die gleiche Arbeit nicht in gleicher Zeit und mit gleichem physischen Aufwand, für weniger Geld und ohne Ressourcenverschwendung hätte erledigen können, wenn er zum Rechen oder zum Laubbesen gegriffen hätte, wie Männer das viele Jahrhunderte lang taten – und auch die, glaubt es mir, haben eine abbekommen.

Das alles gilt übrigens auch für den Laubsauger.

Dieser Artikel erschien zuerst auf „Seidwalk“.


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