31. Oktober 2018

Friedrich Merz und das solidarische Europa Sterbende Kulturen führen keine Kriege

Ein paar Selbstzitate als Kommentare zu einem nekromantischen Aufruf

von Michael Klonovsky

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Bildquelle: shutterstock Haben ihre Höhepunkte hinter sich: Deutschland und Frankreich

Friedrich Merz, der einst von Turandot Merkel politisch geköpfte CDU-Brautwerber, steht wieder bereit und kandidiert für den Parteivorsitz. Ob unserem Prinz Kalaf, falls man ihn wählte, ein konservatives Rollback der AfD gelänge? Zu diesem Zwecke empfiehlt sich die Lektüre des Aufrufs, den Merz gemeinsam mit anderen Atlanten des ökonomischen Sachverstands und Karyatiden der zentralistisch gesteuerten Menschheitsveredlung wie Jürgen Habermas, Hans Eichel und Brigitte Zypries veröffentlicht hat: „Für ein solidarisches Europa – Machen wir Ernst mit dem Willen unseres Grundgesetzes, jetzt!“ (Gemeint ist die Präambel desselben, nicht Artikel 24, der sie präzisiert, vom Himmel auf die Erde holt und von solchen Forderungen wenig übrig lässt.) Dort wird das alte Märchen erzählt, die EU sei für den Frieden in Europa verantwortlich, die Vertiefung der EU-Strukturen als Alternativlosigkeit präsentiert, ein weiterer Finanzausgleich innerhalb der EU-Mitgliedsstaaten samt Schuldenvergemeinschaftung gefordert, der Merkel-Macron-Schulterschluss beschworen, also Umverteilung, Rechtsbruch (No-Bailout-Klausel!), Ausbeutung der Fleißigen, der ganze internationalsozialistische Schamott: „Wir fordern die Bundesregierung auf, jetzt mutig voranzugehen, gemeinsam mit dem französischen Präsidenten Emmanuel Macron, um die Wirtschafts- und Währungsunion krisenfest zu machen. Ein weiteres Auseinanderdriften in der Euro-Zone muss verhindert, eine Politik, die zu mehr Konvergenz führt, muss eingeleitet werden. Eine Haushaltspolitik für die Euro-Zone, die dem Zusammenhalt und der Zukunftsfähigkeit des Währungsgebietes dient, und eine gemeinsame Arbeitsmarktpolitik bis hin zu einer europäischen Arbeitslosenversicherung sind jetzt nötig, um glaubhaft zu machen, dass Europa auch im Innern zusammenhält. Dazu müssen wir zu echten Kompromissen bereit sein, auch zu deutschen finanziellen Beiträgen.“ Gepriesen sei das „auch“!

Im Grunde genügen die ebenfalls und insbesondere zur Lektüre empfohlenen Leserzuschriften unter dem etwas nekromantisch wirkenden Aufruf, um diesen angemessen zu kommentieren. Da ich mich zu dem in Rede und Beschwörung stehenden Sachverhalt schon vielfach geäußert habe, verfalle ich in die Unsitte des Selbstzitats: „Man muss in Sachen EU nur ein einziges Gedankenexperiment anstellen: Wie würde der ganze Laden laufen, wenn Deutschland einfach nicht existierte? Nun, überhaupt nicht. Es gäbe ihn nicht. Die Idee einer bundesstaatartigen Union wäre von vornherein als völlig absurd verworfen worden. Nur gegen Deutschland hat die EU einen Sinn, und sie wird nicht ruhen, bis das Land finanziell erdrosselt ist, bis der Streber endlich für immer am Boden liegt. – Dass Deutschland selber mitspielt, macht die Angelegenheit zumindest für spätere Historiker pi­kant.“ („Acta diurna“ vom 21. Juni 2012.)

„Der Historiker Jörg Friedrich hat wiederholt darauf hingewiesen, dass die sogenannte deutsch-französische Freundschaft keineswegs ein Werk der Deutschen und der Franzosen, sondern vielmehr der Amerikaner war, die nach dem Ende des Weltkriegs ihren Teil Europas zu einem Bollwerk gegen die Sowjetunion zusammenschweißen wollten, nachdem sie schon in Asien gegen die Kommunisten verloren hatten. Mit einem Wort: Die deutsch-französische Freundschaft entstand aufgrund eines gemeinsamen Feind(bild)es unter dem Druck des Hegemons. Niemand wollte sich nach dem zweiten Dreißigjährigen Krieg freundschaftlich in die Arme schließen. Nichts verbindet Staaten und Völker mehr als ein gemeinsamer Feind. Wobei es namentlich in Frankreich, aber auch in der BRD eine Riesenschar von Moskau-Kollaborateuren gab, die sich dem Feind andienen wollten. Der wunderbare Friede zwischen Franzosen und Deutschen ändert freilich nichts daran, dass beide Nationen ihre Höhepunkte hinter sich und vor allem ihre weltkulturprägende Kraft verloren haben. Beider Völker sogenannte Eliten haben sich in ihre schleichende Verdrängung durch vitale, religiös motivierte Fellachen geschickt, wobei vor allem die deutschen Funktionäre die Einwanderung von Wissenschaftlern, Spezialisten und Selberzahlern nach Kräften behindern. Beide Völker sind demographisch erschöpft. Warum sollten sterbende Kulturen noch Kriege gegeneinander führen? Schon heute sind Teile dieser Länder – in Frankreich noch mehr als in Deutschland – arabische, schwarzafrikanische oder türkische Regionen geworden, nicht mehr Staatsgebiete im europäischen Sinn, sondern von diesem oder jenem Clan beherrschte Reviere, und es werden immer mehr. Aus großer zeitlicher Ferne wird man die Friedfertigkeit der Europäer womöglich nur als jene Erschlaffung betrachten, die der feindlichen Übernahme ihrer Länder und der Verwandlung des Staates in ein Gewirr aus Einflusszonen, Stammesgebieten und Banlieues vorausging.“ („Acta diurna“ vom 10. Juli 2018.)

Und, als frühes Schmankerl, ein Auszug aus einem „Focus“-Interview mit Daniel Cohn-Bendit vom 13. November 1995: „Cohn-Bendit: Wenn es eine Lehre aus der Geschichte gibt, dann die, dass dieses Europa ein Segen ist. ‚Focus‘: Und wenn es keine Lehre aus der Geschichte gibt? Cohn-Bendit: Dann argumentieren Sie weiter wie jetzt Schröder und Scharping, wie die Gauweilers und die Stoibers, und schüren Sie Ressentiments! Sie werden schon sehen, welchen Scherbenhaufen Sie wieder aufbauen müssen. Dass heute kein Krieg mehr vorstellbar ist zwischen Deutschland und Frankreich, das ist keine Selbstverständlichkeit, und das setzt man aufs Spiel. ‚Focus‘: Dieses Europa setzt doch keiner aufs Spiel. Es geht um das Maastricht-Europa, um eine Währungsunion, die derzeit bestenfalls von den Beneluxstaaten mitgetragen werden kann. Cohn-Bendit: Sie reden wie: Klein Moritz macht Politik. ‚Focus‘: Wenn Klein Moritz Politik macht, verpasst er Italien und Deutschland 1999 eine gemeinsame Währung.“

Dieser Artikel erschien zuerst auf „Acta diurna“.


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