23. Oktober 2018

Ungarischer Volksaufstand 1956 Die Verteidiger Europas

Eine lange Geschichte des Aufstands gegen Fremdbestimmung

von Jörg Seidel

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Bildquelle: shutterstock Der bisher letzte Aufstand gegen Fremdbestimmung: Volksaufstand in Ungarn 1956

Erst in Ungarn wird einem bewusst, was der Herbst 1956 wirklich war und was er den Ungarn bedeutet. Selten wird Engels‘ Diktum von den „sich mannigfaltig durchkreuzenden“ Interessen, die stets zu einem von keinem Teilnehmer gewollten historischen Ergebnis führen, den „verschiedenen Ständen“, einer „höchst verworrenen Masse mit den verschiedenartigen, sich nach allen Richtungen, durchkreuzenden Bedürfnissen“, „bald in offenem, bald in verstecktem Kampfe“ sich befindend, so klassisch bestätigt wie in diesen verwirrenden Herbstwochen.

Ungarn hatte im großen Weltkrieg, mal wieder, auf der falschen Seite gestanden. Es büßte mit der sowjetischen Vasallenexistenz und einem gewieften, rücksichtslosen Statthalter: Mátyás Rákosi, „Stalins bestem Schüler“, der in kurzer Zeit das brutalste Unterdrückungssystem des Ostblocks schuf. Trotz bescheidener 17 Prozent der Wahlstimmen brachte sich die Kommunistische Partei innerhalb kürzester Zeit an die Macht, skrupellos wie in keinem anderen „volksdemokratischen“ Land. Von den vier starken Männern an der Parteispitze – Lászlo Rajk, János Kádár, Imre Nagy und ebenjenem Rákosi –, die sich in gegenseitiger Brutusliebe verbündeten und meuchelten, starb der erste bald nach einem Schauprozess am Galgen, landete der zweite im Gefängnis, um später, von den Russen wiederbelebt, die gesamte folgende sozialistische Geschichte des Landes im Alleingang zu leiten, und schlug sich der dritte, nachdem er zuvor vielfach und fatal gezögert hatte, auf die Seite der Protestierenden, um dafür ebenfalls auf dem Schafott zu enden. Der verhasste Rákosi lebte da schon im russischen Exil irgendwo als Bauer an der chinesischen Grenze.

Aber auch die Aufständischen waren alles andere als einig. Als die Proteste am 23. Oktober begannen, da waren es noch die Budapester Studenten, die teilweise ihre Solidarität mit dem polnischen Aufstand zeigen wollten, teilweise aber auch mit sehr konkreten radikalen politischen Forderungen auftraten. Die Demonstration geriet schnell außer Kontrolle, an allen Ecken der Stadt versammelten sich nun die Menschen, das große Stalin-Denkmal fiel, erste Selbstbewaffnungen fanden statt – nachdem vermutlich Geheimdienstleute auf Demonstranten geschossen hatten –, Armeeeinheiten sympathisierten mit den Demonstranten: Ganz Budapest war plötzlich auf der Straße, vom Kommunisten bis zum ehemaligen Pfeilkreuzler, vom Arbeiter und Bauern bis zum Intellektuellen, vom Klerus bis zur niederen Nomenklatura, und auch wenn der gemeinsame Hass auf das Regime und die katastrophale Versorgungslage sie vereinte, hatten sie doch gänzlich unterschiedliche Vorstellungen.

In Moskau war man alarmiert. Chruschtschow, der ein halbes Jahr zuvor seine berühmte Rede auf dem 20. Parteitag gehalten hatte, schien nun das Ergebnis des „Tauwetters“ zu begreifen: Eine Lawine bahnte sich an. Er schickte seine Emissäre, die auch alle ein eigenes Süppchen zu kochen hatten und – wie nahezu alle Protagonisten – in ihren Haltungen schwankten und permanent die Positionen wechselten. Der grausam agierende ungarische Geheimdienst, dessen Rolle selbst heute noch nicht aufgearbeitet ist, trat als Handlanger auf.

Aus der „freien Welt“, die mit diversen Radiosendungen seit Jahren versucht hatte, die Stimmung anzuheizen, kamen schnell – Solidaritätsbekundungen; tatsächlich war man gerade mit der Suezkrise mehr als beschäftigt und tat das doppelt Falsche: vertröstete einerseits und unternahm ansonsten nichts. Immerhin stand auch ein fragiles Verhältnis zum Kreml auf dem Spiel.

Das waren die vier wichtigsten und oft in sich uneinigen Spieler dieses Skats: die Ungarn, die Ungarische Kommunistische Partei, Moskau und der Westen. Nun wurden die Karten tagtäglich neu gemischt, es kam zu einem Spiel ohne Gewinner und mit mehreren Verlierern. Es ging auf und ab, Phasen der Eskalation wechselten mit solchen der Kompromisse. Unmengen an persönlichen Fehlentscheidungen führten letztlich zur Katastrophe. Die Russen marschierten mit Panzerdivisionen ein, die Budapester verteidigten sich im aussichtslosen Häuserkampf, die ungarische Armee verhielt sich unentschlossen, Imre Nagy – mittlerweile von den Sowjets als kleineres Übel an die Macht gebracht – schlug sich auf die Seite des Volkes – was ihn trotz seiner zweifelhaften und zögerlichen Natur zum Nationalhelden werden ließ –, erklärte den Austritt aus dem Warschauer Pakt… und am Ende lagen fast 3.000 Ungarn und 700 sowjetische Soldaten tot auf der Straße, dazu 20.000 Verletzte, Tausende landeten in den Folterkellern, 350 Todesurteile wurden später vollstreckt, mehrere Hunderttausend Menschen verließen das Land, das Volk hatte auf schreckliche Weise lernen müssen, dass es zu schwach war. Und es litt! Und die Ungarn sind besonders erfahren im Leiden!

Zwar gelang es János Kádár durch einen Wechsel der Wirtschaftspolitik, den Lebensstandard durch seinen „Gulaschkommunismus“ bald deutlich zu heben – binnen kurzem hatten die Ungarn sich bestechen lassen und ihm fast alles verziehen –, aber ein Stachel saß besonders tief. Besser noch: ein bereits tief im ungarischen Fleische wuchernder Stachel wurde mit den Ereignissen im Oktober/November 1956 noch tiefer hineingetrieben – und auf den kommt es mir an! Man muss das begreifen, wenn man das Ungarn von heute, das Ungarn Orbáns, die Ablehnung der europäischen „Flüchtlingspolitik“ und anderes verstehen und damit umgehen will.

Prägend für viele Ungarn blieb das Gefühl des Verrats. Dieses Thema zieht sich durch die gesamte ungarische Geschichte: Man wird von den Großmächten verraten und nicht selten gerade dann, wenn man deren Interessen opferreich gerade verteidigt hat. Ein Geschichtsmythos, der lange zurückreicht. Als die Magyaren als ugrische und vollkommen kulturfremde Nomaden im 9. Jahrhundert in die ungarische Tiefebene einwanderten, da waren sie von sich formenden christlichen Nationen umgeben, mit denen sie im permanenten Kampf standen. Sie plünderten in ganz Europa und wurden 955 bei der Schlacht auf dem Lechfeld zurückgestutzt. Danach erst fanden sie ihre Form, ihr Territorium, wurden Christen und später Teil des europäischen Machtspiels. Allein ihre Sprache unterschied sie und unterscheidet sie noch heute von allen anderen. Sie waren es, die 1241 unter enormen Verlusten gegen die Mongolen fochten und Europa (erfolglos) verteidigten, und sie trugen die ganze Last. Das Land war verwüstet, wer nicht starb, wurde in die Sklaverei verschleppt. Damals entstand wohl schon der tief verwurzelte Mythos des Alleinseins.

200 Jahre später beschwerte Türkenschreck und Ungarnbefreier János Hunyadi sich beim Papst, seit Jahrzehnten im Kampf gegen die Osmanen alleingelassen worden zu sein. Wieder trugen die Ungarn allein die Bürde und fanden kaum Anerkennung dafür. Und so geht es weiter: Nach dem niedergeschlagenen Bauernaufstand des György Dózsa (1514), der seither als nationaler Märtyrer gilt, und der opferreichen verlorenen Schlacht von Mohács (1526) gegen die Türken – die zum negativen nationalen Mythos wurde – schien Ungarn ein weiteres Mal am Ende zu sein. 170 Jahre Türkenherrschaft dezimierten die Bevölkerung empfindlich, ganze Landstriche waren komplett entvölkert und zerstört, das Ausmaß dieses Schlachtens ist mit keinem anderen historischen Ereignis vergleichbar. Das Ungarntum hatte sich nach Siebenbürgen zurückgezogen.

Im gespannten Verhältnis zu den Habsburgern kam es wieder zu Selbstbewusstsein. Anfang des 19. Jahrhunderts setzte eine Magyarisierung, eine nationale Erneuerungsbewegung und eine Spracherneuerung ein, die in der Unabhängigkeitserklärung ebenso ein Fanal fand wie in der folgenden Niederschlagung der Revolution 1848/49. Die rebellierenden antihabsburgischen Armeen der „Honvéd“, der „Vaterlandsverteidiger“, konnten erst geschlagen werden, nachdem die überlegene russische Streitkraft ins Land einfiel und eingriff; der Beginn einer dauernden ungarisch-russischen Gereiztheit. Der Revolutionsführer Lajos Kossuth richtete einen Aufruf an die Welt: „Auf ungarischem Boden wird die Freiheit Europas entschieden. Mit diesem verliert die Weltfreiheit ein großes Land, mit dieser Nation einen treuen Helden“ – aber Europa schwieg erneut und nahm den Einmarsch der Russen hin. Nationalheld Kossuth ging in die Emigration und pflegte dort den Opfermythos.

Während der fast sieben Jahrzehnte der Herrschaft Franz Josephs I. (1848-1916) und unter besonderer Protektion seiner Gattin Elisabeth wurde Ungarn innerhalb des Habsburgerreiches innenpolitisch unabhängig und wieder zur Großmacht; es erlangte seine größte Ausdehnung – nur um bald seinen größten Fall zu erleben. Nach dem Kollaps des Habsburgerreiches im Zuge des verlorenen Ersten Weltkriegs musste Ungarn in den Verträgen von Saint-Germain und Trianon zwei Drittel seines Gebietes an die Nachbarstaaten abgeben, schrumpfte seine Bevölkerung von 22 auf neun Millionen Menschen, wurden Millionen Ungarn über Nacht gezwungen, in einem anderen Staat zu leben, plötzlich ungeliebte Minderheit zu sein.

Man wurde als Kriegsverlierer, nicht als Vertragspartner behandelt, Proteste, Vorbehalte und Vorschläge – etwa eine Volksbefragung – wurden ignoriert. Damit wurde Ungarn de facto eine größere Last auferlegt als Deutschland im Vertrag von Versailles, der wiederum den Grundstein für die Kriegsgeschichte der 30er und 40er Jahre legte. Die Ungarn, nun zu einem Kleinstaat zurückgeschnitten, hatten nie die Mittel, den als ungerecht empfundenen Vertrag anzufechten – und so schwelt dieses Trauma, schmerzt diese Wunde – die man natürlich auch mit Absicht immer wieder aufkratzen kann –, als vorletzte einer ganzen Kette, noch immer fort. Im Jahr 2010 erklärte die Fidesz-dominierte Nationalversammlung den 4. Juni, den Tag der Vertragsunterzeichnung (unter Vorbehalt), zum „Tag der nationalen Zusammengehörigkeit“.

Die Ereignisse im Herbst 1956 sind nun das (bislang) letzte Glied dieser Kette. Wenn man die Gedenkveranstaltungen sieht und den lebendigen Geist spürt – das ist keine abgelebte Erinnerungskultur, wie man sie aus dem Staatssozialismus oder der Bundesrepublik kennt –, dann begreift man ein wenig die verletzliche „ungarische Seele“. Dann begreift man auch die Aversionen, die viele Ungarn haben, wenn ein dirigistisches Deutschland oder Europa nun erneut bestimmen können will, was Ungarn zu tun und zu lassen hat. Einmal mehr sieht man sich als Verteidiger Europas, als Beschützer der Integrität, Identität und der Grenzen, und erneut reagiert „Europa“ mit Ausschließung, Strafe und Verachtung. Dabei gibt es kaum ein Land und kaum ein Volk, das mehr europäisch genannt zu werden verdient als Ungarn. Es war und ist das heimliche Herz des Kontinents. Man kann sich nicht leisten, es zu verlieren, man sollte aber auch die spezifischen Befindlichkeiten kennen und würdigen.

Aus der Geschichte lernen, heißt es so schön. Dieser Satz wird falsch verstanden, wenn man ihn ins Konkret-Historische wendet. Aus der Geschichte lernen, heißt in erster Linie die Geschichte lernen, verinnerlichen, annehmen. Sie ist ein breiter, träger Fluss wie die Donau, der Rhein, die Wolga oder der Nil, der die Menschen einerseits trägt, der aber auch durch sie, durch jeden Einzelnen, hindurchfließt. Es ist eine Illusion, zu glauben, man könne diesen Fluss ignorieren. Er mag in ruhigen Zeiten als Unbewusstseinsstrom fast unbemerkt dahinfließen, aber an bewegten Stellen, an Staudämmen, Hemmungen, Untiefen oder Wasserfällen, Wirbeln und Kaskaden wird er wieder an die Oberfläche sprudeln. Dann kann man darin ertrinken.

Dann können tausend Jahre ein Tag werden – wie der 23. Oktober 1956.

Dieser Artikel erschien zuerst auf „Seidwalk“.


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