18. Oktober 2018

Nach den Landtagswahlen Die Farbe Grün in Bayern

(Fast) jeder hat gewonnen

von Jörg Seidel

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Bildquelle: shutterstock Nach den Landtagswahlen in Bayern: Fast nur Sieger

Das Gute an Wahlen ist: Jeder kann danach seinen Sieg feiern. Demokratische Wahlen haben, so lehrt uns die jüngere Geschichte, fast nur Sieger. Nicht nur die Demokratie als solche, ganz klar – die siegt immer, außer irgendwas Alternatives geschieht –, sondern auch die Parteien.

Wer hat denn nun in Bayern gewonnen? Wohl doch die CSU, die mit Abstand die meisten Stimmen sammeln konnte. Liest man die Zeitung, dann könnte man hingegen meinen, die Grünen seien Sieger der Wahl, den sie sind zum ersten Mal zweistellig. Darüber kann die AfD nur lachen, denn sie schafft die Doppelziffer nicht nur aus dem Stand, sie hat auch den absolut größten Zuwachs – also Sieger! Und selbst Freie Wähler – stabilisiert –, FDP – wieder drin – und Linke – tendenziell in 20 Jahren auch dabei – können sich als Sieger begreifen. Nur für die SPD fällt mir nichts ein, außer vielleicht… nee, wird auch nichts.

Wenn man die Vogelperspektive einnimmt, dann hat sich so viel gar nicht geändert. Der mehr oder weniger konservative Block – CSU, FW, AfD, FDP – stellt fast zwei Drittel der Wähler (und ist also Sieger). Bayern ist und bleibt an der Oberfläche konservativ, von nun an aber in schöner Vielfalt. Mit anderen Worten: Fluktuation. In einem um sich kreisenden System mit zunehmenden Schwungkräften und schwindender Integrationskraft wird es eine Flucht an die Ränder geben. Das Bayern der letzten fünf, sechs Jahrzehnte gibt es nicht mehr und wird es auch nie wieder geben. Das Land der stärksten Mitte ist der Schnelle Brüter Deutschlands – an ihm kann man die Folgen des Sozialexperiments (auch wenn es „uns allen gut geht“) exemplarisch aufzeigen.

Gerade haben „die Wähler“ die CSU als Partei und deren Politik in ihrer amateurhaften Buntheit, im Bundesland und im Landesbund, abgestraft. Von nun an wird sich der Frust aber auf die Politik als solche konzentrieren, denn so schön demokratisch das kommende Vorbei-Gerede aller an allen, so schön demokratisch die Konsensfindung – die es übrigens nur in der Theorie im herrschaftsfreien Diskurs gibt – ist, so vergleichsweise wenig kann sie leisten. Und das ist in einer Zeit, die schnelle und richtige Entscheidungen braucht, Gift. In fünf Jahren, so die Prognose, wird sich in Bayern nicht vieles verbessert haben, und das wird sich in den landesweiten Prozess des Politikfrustes und damit in die schleichende politische Destabilisierung einreihen. Nun ist also auch Bayern dort angelangt.

Dass eine scheinbar historisch überlebte, eine anachronistische Partei noch einmal ein Comeback feiert, muss niemanden beunruhigen. Je höher der Aufstieg, desto tiefer der Fall. Man sollte sie, wenn man sie wirklich loswerden will, regieren lassen.

Anachronistisch sind die Grünen übrigens nicht wegen ihrer ökologischen Agenda, sondern ihres Linksseins wegen. Die Umweltfrage wird weiterhin in tausendfacher Gestalt an Brisanz zunehmen, sie kann nur nicht ideologisch und restriktiv behandelt werden, nicht innerhalb demokratischer Regeln.

Tatsächlich hat dieser Erfolg viele verschiedene Voraussetzungen. Da ist zum einen die Unzufriedenheit mit der CSU – dafür können die Grünen nichts. „Protestwähler“ hieße es, wenn es moralisch rechtfertigungsbedürftig wäre. Zum zweiten haben der warme Sommer, die Dürre, die wasserarmen Flüsse, die Fehlernte, die Unwetterprobleme und so weiter die Klimafrage fühlbar ins Bewusstsein gerufen. Schließlich konnte man attraktive und sympathische Spitzenkandidaten aus dem Hut zaubern. Und das auch noch perfekt getimt. Mein Gott, was wäre aus diesem Lande geworden, wenn die SPD einen Martin Schulz ein halbes Jahr später präsentiert hätte? Sehr schlechtes Timing.

Dass die Frage der zeitlichen Koordinierung und des günstigen Zeitpunkts überhaupt erst entscheidend werden kann, zeigt den desolaten und volatilen Zustand unseres Landes. Sehr viele Menschen sind unglaublich verunsichert. Im Grunde genommen giert dieses Land nach einem „starken Mann“ oder einer „starken Frau“ – nur kann man sich nicht auf einen einigen, und es hat auch keiner den Mumm in der Hose oder wo auch immer.

Und gerade die politische Linke leidet. Sie weiß, dass sie mit dem Herbst 2015 ein Großteil ihres ideologischen Kapitals verspielt hat. Da wurde offensichtlich, dass sie bereit ist, das ganze Land ihrer Ideologie und Utopie zu opfern. Die linke Wählerklientel ist stark verängstigt, und nun sind es also die Grünen, die sich als Heilspartei, als Projektionsfläche anbieten und plötzlich massive Zugewinne einfahren. Weil es sich um eine Illusion handelt, muss und wird diese Blase bald wieder platzen.

Wie die heimatlose Linke dann reagieren wird, steht noch in den Sternen: Aggression wäre eine Möglichkeit, Depression und Resignation eine andere, Unterwerfung eine unwahrscheinliche dritte…

Sie kann sich nur an den eigenen Haaren aus dem Sumpf ziehen, wenn sie das Migrationsproblem – die Mutter und so – löst. Dazu müsste verstanden werden, dass es sich dabei unter allen Kardinalfragen um das archetypische Problem schlechthin handelt: der Andere, der Fremde und die tiefsitzende, biologisch und evolutionär in uns eingepflanzte Angst davor, die natürliche Distanzierung, die Sorge um das Eigene.

Die Linke, ob nun rot oder grün oder Merkel-schwarz, kämpft gegen die Anthropologie, die Rechte steht auf ihrer Seite. Sie, die Rechte, braucht eigentlich nur eines: Geduld – und ein bisschen Glück, dass es nicht schon vorher richtig kracht.

Dieser Artikel erschien zuerst auf „Seidwalk“.


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