13. Oktober 2018

Sechs Gründe für den Höhenflug der Grünen Die Sehnsuchtspartei

Mit gutem Gewissen weiter so

von Holger Finn

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Bildquelle: Michael von Aichberger / Shutterstock.com Im Aufwind: Die Grünen

Es ist kein blaues, es ist ein grünes Wunder. Die Grünen, gestartet als Angstpartei mit Parolen über das nahe Weltende und Funktionären, die der freiheitlich-demokratischen Grundordnung die Legitimität absprachen, sind ein Jahr nach dem Beinahe-Abschied von der politischen Bühne zurück. Nicht mehr als Fundamentalopposition gegen die Nato und ein von oben bestimmtes Europa, nicht mehr mit Spitzenkräften, die andere demokratisch gewählte Parlamentarier als „Arschloch“ beschimpften, sich selbst als „Alternative für Deutschland“ bezeichneten und den Abschied vom Berufsbild des Profi-Politikers versprachen. Sondern als tragende Säule der alternativlosen Gesellschaft, der die Herzen der Wähler nur so zufliegen.

Beinahe wöchentlich stellt die Ökopartei, die bei der Bundestagswahl 2017 noch bitter enttäuscht nur als kleinste parlamentarische Kraft in den Bundestag eingezogen war, neue Umfragerekorde auf. Bei der Landtagswahl in Bayern hat die einstige Öko-Partei die Rolle der zweitstärksten Kraft übernommen. 18 Prozent der Wähler planen, die Grünen zu wählen. In Hessen, wo die Grünen bereits mitregieren, ist der stellvertretende Ministerpräsident Tarek Al-Wazir der beliebteste Landespolitiker. Und im Bund liefern sich die Verfechter einer neuen, grünen Physik und Unterstützer eines Abschieds von der faktengetriebenen Wissenschaft ein hartes Gefecht um Platz zwei hinter der Union.

Doch wie kommt das? Wo liegen die Gründe für den Aufschwung einer Partei, die schon beerdigt und begraben schien? Hier sind sechs entscheidende Gründe.

Erstens: Die Grünen haben eine neue Führung

Die Grünen profitieren davon, dass sie eine neue Führung haben, die – im Unterschied zu der der SPD – wirklich neu wirkt. In Robert Habeck und Annalena Baerbock haben sich nicht nur führende Journalisten verliebt, sondern auch viele Wählerinnen und Wähler, die des von anderen Parteien bruchlos seit dem Ende der Ära Schröder angebotenen Personals überdrüssig sind. Zudem: Baerbock und Habeck scheren sich in öffentlichen Aussagen nicht übertrieben um Schlüssigkeit, ihnen kommt es darauf an, Wählern das Gefühl zu geben, dass ein Kreuz an der richtigen Stelle alles richten könne.

Zweitens: Die Grünen funktionieren wie die AfD

Die zuletzt als Verbotspartei auftretende frühere Alternative zum alteingesessenen bundesdeutschen Parteienspektrum hat sich in der zentralen gesellschaftlichen Auseinandersetzung über die Migration klar positioniert. Die Grünen versprechen, dass es keine Obergrenze, keine Grenzkontrollen, keine Abschiebungen und keine Probleme mit der Integration geben wird. Das klingt in vielen Ohren gut, gerade weil die Grünen nie davon reden, was denn dann. Die Verbotspartei trägt damit ein liberales Mäntelchen, sie tritt für eine offene und freiheitliche Gesellschaft ein, die für eine ganze Liste an guten Dingen kämpft: Fluchtursachen beseitigen, Europa stärken, Glyphosat verbieten, Hambi retten, Kohle abschalten, Sicherheit erhöhen. Damit inszeniert sich die Öko-Partei als direkter Gegenpol zur AfD, die ein ebenso klares Profil und ebenso wenig wie die Grünen irgendwelche realistischen Lösungen hat.

Drittens: Die Grünen geben ihren Wählern ein gutes Gefühl

Gute Absichten haben, aber keine konkreten Lösungsvorschläge außer „wir müssen“, das reicht bei etwa 18 Prozent der Bürgerinnen und Bürger, sie zur Stimmabgabe zu bewegen. Wie die AfD kommen auch die Grünen bei Umfragen im Bund auf etwa diesen Wert, den Wahlforscher als den Anteil der sogenannten „Stimmungswähler“ identifiziert haben. Den Betreffenden kommt es weniger auf tatsächliche Lösungskompetenz an, sondern mehr auf das gute Gefühl, das die Stimmabgabe zu vermitteln verspricht. Der Unterschied des Grünen- zum AfD-Wähler: Der AfD-Wähler möchte seine Partei stark machen, um andere Parteien zu zwingen, seine unmenschlichen Forderungen umzusetzen. Der grüne Wähler hingegen geht davon aus, dass seine Partei nach allen Seiten offen ist und – vorausgesetzt, es springen ausreichend Ministerposten dabei heraus – mit jedem Partner regieren wird.

Viertens: Die Grünen regieren, ohne Schaden anzurichten

In den Ländern regieren die Grünen mit, allerdings ohne Schaden anzurichten. Egal, ob sie in schwarz-grünen, grün-schwarzen, rot-grünen, rot-rot-grünen, Ampel- oder Jamaika-Koalitionen sitzen, die entsprechenden Bundesländer sind weiterhin bewohnt, die Wirtschaft hat sich abgefunden, und große Infrastrukturprojekte wie Stuttgart 21 oder der für das Weltklima bedrohliche neue Berliner Flughafen werden auch weitergebaut, wenn auch sehr langsam. Wer Grün wählt, geht also kein Risiko mehr ein – weder werden die Grünen aus der Nato austreten noch die Globalisierung rückabwickeln noch Glyphosat verbieten, dazu bräuchte es eine europäische Lösung, die aber ist gerade für eine Fortsetzung der Zulassung gefallen.

Fünftens: Die Grünen vermitteln das Bild, dass es auf die Realität nicht ankommt

Als Annalena Baerbock Anfang des Jahres öffentlich mitteilte, dass die Grünen davon ausgehen, dass Deutschlands Stromnetze als Speicher fungieren, kam das bei den Wählerinnen und Wählern gut an, zeigte es doch, dass reiner, purer Glaube auch in der Moderne Berge versetzen kann. Lange waren Parteienforscher davon ausgegangen, dass Politik nur besser erklärt werden müsse, um beim Wähler wieder zu wirken, die grüne Strategie aber setzt darauf, dass die Bürgerinnen und Bürger bereit sind, sich Versprechen auch dann machen zu lassen, wenn ihnen niemand erklärt, wie das genau gehen soll. Zugpferd der Grünen war hier sicherlich auch der Hitze-Sommer, den die neue dritte Kraft durch die Einhaltung deutscher Klimaziele und den Ausstieg aus der Braunkohle bekämpfen will. Das grüne Prinzip ist das des veganen Rindersteaks: Das neue, ökologische Leben, das die Partei verspricht, wird ohne Verzicht funktionieren, es braucht keinen Veggieday mehr und keine Stromsperre. Sondern nur ein Verbot von SUVs, die anderen gehören, eine neue Steuer auf Flugbenzin, die nur die ganz Reichen treffen wird, und ein bisschen Dreherei an anderen, noch unbekannten Stellschrauben, um mit gutem Gewissen weiterleben zu können wie bisher.

Sechstens: Die Schwäche der anderen

Das Grünen-Hoch ist allerdings nicht nur selbstgemacht. Dass die Partei zu solcher Stärke aufläuft, hat auch etwas mit der Schwäche der politischen Mitbewerber zu tun. Angesichts der Chaostruppen, die andere Parteien ins Rennen um die öffentliche Aufmerksamkeit schicken, wirken Baerbock und Habeck schon fast erwachsen. Wer die SPD nicht mehr wählen kann, weil er nicht mehr versteht, was diese Partei will, der wird bei den Grünen genauso gut bedient wie der frühere CDU- oder FDP-Wähler, dem die Union zu merkel und die FDP zu lindner ist. Die Grünen verkörpern die Sehnsucht vieler Wähler, Verantwortung abgeben zu können an jemanden, der Dinge besser weiß und besser kann, damit staatspolitische Verantwortung zu übernehmen und in Zeiten von Veganboom, Metoo-Debatte und Klimakampf auf der richtigen Seite zu stehen – nämlich auf der von Butterblume und Schmetterling.

Dieser Artikel erschien zuerst auf „Politplatschquatsch“.


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