02. Oktober 2018

Neues Album der Ersten Allgemeinen Verunsicherung Wenn der musikalische Politik-Kompass rotiert

Beendet der Abgang der Gruppe die Neue Deutsche Welle endgültig?

von Björn Michaelis

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Bildquelle: Wolfgang H. Wögerer, Wien (CC BY-SA 3.0)/Wikimedia Commons Verabschiedet sich nach 40 Jahren von der Bühne: Erste Allgemeine Verunsicherung

„Alles ist erlaubt“ – und sein Gegenteil auch, bin ich geneigt zu ergänzen. Die österreichische Band Erste Allgemeine Verunsicherung (EAV) hat mit ihrem gerade erschienenen gleichnamigen Album nämlich nicht nur eine Vielfalt an Musikstilen vom traditionellen Rock über Ska bis zur Tango Milonga genutzt, sondern lässt wirklich gar keine totalitäre Denkrichtung aus, die nicht durch den illustrierten und sprachwitzigen Kakao gezogen wird.

Der Titel, der meine Aufmerksamkeit am meisten anzog, „Trick der Politik“, nimmt unsere staatsprofitierenden Kobolde auf den Kieker – die auf dem „Mount Evercash“ sitzend dem überbezahlten, aber bemitleidenswerten Gewerbe der wortreichen Volksverdummung nachgehen, bis es am Schluss knallt. Und wie der Bandgründer und Haupttexter Thomas Spitzer im Interview bemerkte, ist damit das „Dauerthema der EAV und eben der Welt“ angesprochen.

Der Cartoon, der den Ska-Titel „Rechts, zwo drei“ begleitet, kommt wie ein lustiger Karnevalsumzug daher, gespickt mit Karikaturen von allem, was politisch Rang und Namen hat, allein drei AfD-Politikern, der „Storch Fock“ und auch einem gebärenden Burka-Briefkasten. EAV ist und bleibt böse. Nur die Eine wird nicht veräppelt, aber wie beim Nockerlberg gilt: Am meisten ärgert sich wohl der Politiker, der nicht (mehr) vorkommt. Dass die fleißigen Alpenrocker mit mittlerweile über 600 Texten aber auch etwas für unsere schlagenden Antifanten haben, zeigen 1:13 Minuten voller „Müßiggang“.

Sollte man die Liber-Trallalas vergessen haben? Zu früh gefreut. In „Freiheit“ findet man fast alles, was die Selbstironie der Künstler hergibt, und schließlich einen kleinen anti-demokratischen Wunsch als Alternative zum Euro-Sozialismus light. Hans-Hermann Hoppe lässt grüßen.

Wollen wir den EAV-Stil einfach als technisch, musikalisch, illustrativ und vermarktungsmäßig genialen Solitär sehen? Auch wenn ihre Album-Stile so eigen und ihr besonderes Trallala so dominant waren, dass zumindest ich, nach durchgehend zehn Stunden Hör- und Lese-Genuss, sie lieber mal ein paar Jahre weglegen möchte, so waren auch diese Musiker Kinder der Neuen Deutschen Welle. Diese hat mit Ausnahme der EAV zwar mittlerweile musikalisch fast keine Erben mehr, dafür aber gesellschaftliches Innovationspotenzial. Dabei sehen vor allem die Generationen der heute unter 50-Jährigen in der Neuen Deutschen Welle leider oft nur Blödeltexte („Da Da Da“, „Eisbär sein“), die primitiv instrumentalisiert wurden.

Das ignoriert aber, dass es eine Zeit der künstlerischen Emanzipation war – einer Emanzipation weg von den virtuos zugedröhnten Claptons, Hendrixens und Zappas, die als legitime Instrumental-Helden auch heute noch ganze CD-Regale füllen. Die Neue Deutsche Welle war zum Beispiel eine innovative Wiederentdeckung der deutschen Sprache jenseits eines Peter Maffay, der als Sozi-Rocker konsistent mit einer Brandt-Schmidt-Stimmung groß wurde. Auch schaffte es die Neue Deutsche Welle erstmals, die nach 40 Friedensjahren entwickelten Institutionen mit sehr einfachen Bildern samt ihrer positiven und („von der Politik und den Medien gerne verschwiegenen“) negativen Kritik an- statt auszusprechen und konnte damit den Zuhörer anregen, sie selbst zu hinterfragen. Wer weiß schon, was aus den Antworten geworden wäre, wäre man danach nicht mit der deutschen Einheit zu beschäftigt gewesen, um den Westen zu revolutionieren.

Aber natürlich wurde damals – genauso wie es beim vorliegenden EAV-Album von der Mainstream-Presse versucht wird – die Interpretation der EAV konsistent zum Dauermarsch der konstruktiven Gutmenschen gemacht. Und beim Hauptsänger der Gruppe, dem gerne zum Rundum-Plaudern neigenden Klaus Eberhartinger, gibt es auch immer irgendein Zitat, das sich an diese noch herrschende Meinung anflanschen lässt („Gegen Rassismus in Deutschland muss man aufstehen“). Man möge dem Künstler die durchhörbare Stallregie, die Zugang zu GEZ-gepimpten Interviewkanälen eröffnet, verzeihen und sich einfach auf seine Werke beschränken.

Dass die letzten Zuckungen der Ersten Allgemeinen Verunsicherung dazu führen, dass die Neue Deutsche Welle sogar wiederentdeckt wird und ihre dezent revolutionäre Sprengkraft den Politikbetrieb erreicht, ist nicht unmöglich, wird aber vielleicht ein libertärer Traum bleiben und im Trick-Track der Politik zerpalavert, denn es gilt natürlich zuallererst: „Neue Helden braucht das Land“.

Das Album erschien am 28. September als Buchversion mit Zusatz-CD für 46,99 Euro und als CD für 16,99 Euro und ist aktuell im EAV-Shop schon ausverkauft. Der Mehrpreis für das Buch ist nur für Fanatiker empfehlenswert, aber die dürfen sich dann auch am dreiseitigen Cartoon zu „Rechts, zwei, drei“ erfreuen. Libertäre, die vor allem den Textinhalt von „Trick der Politik“ gut finden, kommen mit 1,29 Euro Download-Kosten schon fast ans Ziel.


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