06. April 2020

Krankenhausbericht Eine Suche nach dem Blutspezialisten

Mediziner auf der Jagd nach der Fallkostenpauschale

von Björn Michaelis

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Bildquelle: shutterstock Auf der Jagd nach der Fallkostenpauschale: Dr. Sonnengott

Herr Bitter leidet seit ein paar Tagen an akuter Purpura und ohne Fremdeinwirkung erschienenen Blutergüssen an den Beinen.

Er konsultiert ein paar niedergelassene Mediziner, die in einer üblichen Behandlungsmethode – also zwei Minuten Zuhören, einer fünfsekündigen Nachdenkphase gefolgt von einem einminütigen Anschauen und einer dreisekündigen Entscheidungsphase, natürlich ohne zehnminütiges Hinzuziehen von Fachliteratur – kein Stück weiterkommen. Alle verweisen an Fachkollegen, wahlweise Internist und Hautarzt.

Nach also insgesamt vier wenig erhellenden Arztbesuchen findet der fünfte, jetzt wieder Allgemeinmediziner, zielsicher den Schlüssel für weitere Erkenntnis, einen Thrombozytenzerfall – nach Lehrbuch drohen bei den gemessenen Werten prinzipiell lebensgefährliche innere Blutungen. Seine Sofortempfehlung ist Klinik unter hämatologischer Fachbetreuung, die Empfehlung und das weite Spektrum der möglichen schweren Grunderkrankungen im Blutapparat überzeugen Bitter selbst nach ein paar Stunden Selbststudium.

Vormittags ins nächstgelegene Universitätsklinikum gerast, trifft Bitter auf eine ziemlich patientenfreie, dafür aber mit Corona-Schildern gepflasterte Notaufnahme. Es handelt sich um das Gebäude mit dem wohl größten Hubschrauberlande-Terminal Südwestdeutschlands, das über der achten Etage des designten Neubaus ragt. Und auch an Personal scheint es nicht zu mangeln. Bitter wird von einem halben Dutzend Pflegern noch vor dem ersten Arztkontakt sofort mit parallel stattfindenden – sicher einzeln abrechenbaren – Methoden umsorgt – Blutdruck, Zucker, EKG, Venenanschluss, und so weiter. Als Bitter sich dann mit Verweis auf unnötige Kosten gegen ein Belastungs-EKG wehrt und noch mal betont, er wolle lediglich einen Hämatologen sprechen, wandelt sich der Aktionismus für ihn in eine Stunde Wartezeit.

Es erscheint dann Dr. Engel. Zwar erklärt Bitter dem Arzt seinen Fall – als er jedoch betont, dass es ohne Hämatologen für ihn nicht weitergeht, zeigt sich Engel tief getroffen. Er sei nun mal Internist, und das solle Bitter bitte akzeptieren. Er empfinde es als diskriminierend, ja aggressiv, dass Bitter darauf Wert lege, einen Hämatologen zu sprechen. Bitters Frage, ob er denn noch 100 Kilometer zur nächsten Spezialklinik fahren müsse, um an solch einen Spezialisten zu kommen, wird nicht bejaht. Stattdessen eskaliert man den frech diskriminierenden Bitter weitere 45 Minuten zu Privatdozent Dr. Sonne, nicht nur Internist, sondern auch Chirurg.

Sonne: „Herr Bitter, Sie haben akut lebensgefährlichen Thrombozytenzerfall. Sie müssen hier stationär eingewiesen werden, ich habe die Papiere bereits mitgebracht.“

Anders als Sonne weiß Bitter, dass er die schlechten Thrombozytenwerte sehr wahrscheinlich schon seit zehn Tagen hat. Der Sonnenschein kann Bitters Grundpanik also nicht steigern. Bitter ist nicht nur vom inhaltlichen Niveau der Anweisung und davon, dass er noch immer keinen Hämatologen sprechen konnte, enttäuscht. Er fragt sich auch, was die Notaufnahme macht, wenn er nicht unterschreibt. Wie gelangt er dann an seinen hämatologischen Rat?

Es kommt hinzu, dass Bitter als langjähriger Privatversicherter auch die Kostenberechnung im Krankenhaus-Fallpauschalen-System kennt. Eine stationäre Aufnahme bedeutet Soforteinnahmen für das Krankenhaus in Höhe von hier wohl mindestens 3.000 Euro, ohne dass das Krankenhaus die vom Patienten gewünschten Behandlungen vornehmen oder besonders gewünschte Spezialisten hinzuziehen muss. Der Patient kann die Klinik bei Nichtgefallen verlassen, die Pauschale ist aber entstanden. Eine ambulante Beratung mit Blutuntersuchung und gewähltem Facharzt würde weniger als fünf Prozent dieser Pauschalkosten betragen.

Bitter teilt Herrn Privatdozent Dr. Sonnengott nun mit, dass er noch nicht unterschreiben möchte. Er macht seinen Wunsch zur Monstranz und erklärt, zunächst seine Blutwerte mit einem Hämatologen besprechen zu müssen. Da er es also wagt, der Anordnung nicht Folge zu leisten, gibt er sich dabei alle Mühe, sehr freundlich zu sein und sachlich zu bleiben. Er hat ja noch die Ehrverletzbarkeit des engelhaften Internisten im Gedächtnis.

Er muss aber erkennen, dass der Dozent nicht umsonst diesen Titel trägt und mit der Stärke der Ignoranz klarstellt: „Sie haben jetzt zwei Möglichkeiten, Sie können stationär aufgenommen werden, Ihnen wird geholfen, oder Sie suchen sich andere Behandlungsmöglichkeiten.“

Kurze Stille.

Bitter: „Es ist also kein Hämatologe da?“

Sonnengott: „Wir haben eine hämatologische Fachklinik.“

Bitter: „Wann kann ich mit einem sprechen?“

Sonnengott: „Ich habe Ihnen doch dargelegt, wie die Möglichkeiten sind.“

Für Bitter ist klar, dass man ihn ignoriert, wenn er nicht stationär geht. Er entscheidet sich, diesem Druck nicht nachzugeben, und erwägt, in die nächste Fachklinik zu fahren.

Bitter: „Dann geben Sie mir noch bitte aber erst mal meine Blutwerte, die sie eben gemessen haben!“

Sonnengott: „Die Werte sind schlecht.“

Bitter: „Und wie? Geben Sie mir bitte die Zahlen.“

Sonnengott: „Wenn sie nicht stationär gehen, können Sie die Zahlen nicht erhalten.“

Bitter muss lachen. Die Situation hat das Zeug, sich zu einem handfesten Bauerntheaterstück zu entwickeln. Dieser medizinisch promovierte, aber untertalentierte Fallkostenpauschaljäger-Dozent will erst als Druckmittel versuchen, ihm einen Spezialisten vorzuenthalten. Und nun glaubt er ihn in seine Klinik zerren zu können, indem er ihm einen Zettel mit Blutwerten vorenthält. Diese Klinik hat ihr wahres Gesicht gezeigt.

Bitter: „Sehr geehrter Herr Prof. Dr. h. c. Sonnengott. Ich habe keine Forderungen an Sie, außer, dass Sie mir schnellstmöglich den Zettel mit meinen Blutwerten geben.“

Sonnengott: „Das heißt dann, dass Sie unsere Klinik verlassen werden. Ich werde Ihnen die Daten per Post zusenden.“

Bitter: „Nun sage ich Ihnen, welche Möglichkeiten Sie haben. Sie geben mir innerhalb von 20 Minuten den Zettel. Ansonsten geht innerhalb von einer Stunde an Ihre Klinikleitung mein Schreiben mit einer Aufforderung, dass dieser so schnell wie möglich mir auszuhändigen ist. Wenn ich bis 14 Uhr nicht die Blutwerte habe, kommt ein Rechtsanwalt zu Ihnen und wiederholt dies in einem Satz mit der Ankündigung, dass ich jegliche Folgekosten, die mir dadurch entstehen, dass Sie meine Daten zurückhalten, gegen Sie geltend machen werde. Und sei es, dass ich wegen hoher Zuckerwerte auf Ihrem Parkplatz umfalle.“

Sonnengott: „Das geht nur, wenn Sie mir unterschreiben, dass Sie auf eigene Verantwortung und gegen meinen Rat die Klinik verlassen.“

Bitter: „Ich unterschreibe Ihnen alles. Als ob Sie für irgendwas verantwortlich wären, dafür fliegen Sie doch wohl schon viel zu hoch. Und Gott bewahre werden Sie je für mich verantwortlich sein.“

Sonnengott: „Ich wünsche Ihnen noch ein schönes Leben.“ Krieg ist Frieden – Freiheit ist Sklaverei – Chirurgen sind Hämatologen.

Fünf Unterschriften und eine Stunde später erreicht Bitter mit den frischen, besorgniserregenden Blutdaten ein mittelgroßes Krankenhaus, zwar ohne Hubschrauber, aber mit hämatologischer Beratung in der Aufnahme. Man sagt ihm für die nächsten Tage diversen Spezialblutausstrich, Enzym- und Knochenmark-Laboruntersuchungen zu. Er fühlt sich auch in der Nachsorge perfekt betreut, einige der teilweise gefährlichen Ursachen des seltsamen Blutbildes werden nach und nach ausgeschlossen. Die Werte bessern sich rasch, die Purpura verschwindet.

Der Bundestag beschloss letzte Woche, Drucksache 19/18112, jedem Krankenhaus bis einschließlich September einen Pauschalbetrag pro Nichtbehandlung eines Nicht-Corona-Falles zuzuweisen. Es werden 560 Euro pro Tag und Nicht-Patient (im Vergleich zu 2019) gezahlt.

Circa zehn Prozent dieser Kosten – Schätzung 290 Millionen Euro – werden dafür von den privaten Krankenkassen eingezogen. Das wird Dr. Sonne sicher freuen.

Anhang: Fachwörter

Purpura: Kapillarblutungen unter der Haut, zum Beispiel als viele rote Punkte. Erscheint manchmal nach zu langen Wanderungen an den Unterschenkeln, kann aber auch auf akute Vergiftungen, Viren und Krebs im Knochenmark zurückgehen.

Hämatologe: Arzt mit Spezialwissen zu Blutbestandteilen (Plasma, Zellen, Enzyme, Antikörper, gegebenenfalls Viren) sowie der blutbildenden Organe (Stammzellen, Knochenmark).

Thrombozyten (Mangel): Blutzellen, die bei der Gerinnung eine wichtige Rolle übernehmen. Ein Mangel kann die Fähigkeit des Blutsystems, seine Wunden zu verschließen, mindern.

Fallkostenpauschale: Die Kosten der Behandlung in Krankenhäusern hängen von der Diagnose, dem Schweregrad, in geringem Maße von der genauen Aufenthaltsdauer und in sehr geringem Maße vom individuellen Krankenhaus, dem vom Gesetzgeber zugeordneten Krankenhausbasispreis, ab. Die Wahl und Häufigkeit der eingesetzten Methoden und maschinellen Untersuchungen spielen fast keine Rolle für die Einnahmen des Krankenhauses.

Die möglichen Diagnosen sind in einer Liste mit 1.318 Referenzdiagnosen, jeweils mit den Kosten, jährlich festgelegt. Beispiele aus dem Jahr 2017: Lungenentzündung, einfach 4.037 Euro; Lungenentzündung, schwierig 5.083 Euro; über 24 Stunden Beatmung bei Störung des Herzkreislaufsystems 10.173 Euro; einfache Geburt 3.188 Euro; Frühgeburt 5.301 Euro; Geburt mit Kaiserschnitt 3.303 Euro; einfache hämatologische Neubildung, ohne Bluttausch 3.904 Euro; Strahlentherapie wegen Leukämie 21.564 Euro; Gallensteinentnahme, einfach 5.230 Euro; psychiatrische Behandlung je Tag 1.114 Euro; Eingriff an bösartigem Tumor im Mund 7.630 Euro; Nierentransplantation 43.342 Euro; Herztransplantation ohne Beatmung 74.864 Euro; Herztransplantation mit Beatmung 168.211 Euro.

Die typischen Aufenthaltsdauern im Krankenhaus unterscheiden sich in den Beispielen deutlich (vier Tage für eine einfache Geburt bis 137 Tage für eine Herztransplantation mit Beatmung), die Kosten sind für die typischen Aufenthaltsdauern aufgeführt.


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