01. Oktober 2018

Teuerung oder Inflation Danke, Staat!

Steigende Preise sind heute größtenteils politisch bedingt

von Frank Jordan

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Bildquelle: shutterstock Hauptsächlich dem Staat zu verdanken: Teuerung

„Teuerung in Deutschland auf höchstem Stand seit Jahren“, titelt die „Thüringer Allgemeine“. Beim „Spiegel“ ist es die „Inflation“, die „auf den höchsten Stand seit 2011 klettert“. So geht es munter quer durch die deutschsprachige Medienlandschaft. Einmal ist es die Teuerungsrate, die auf einen „Rekordstand“ steigt, mal die Inflationsrate. Ja was denn nun? Inflation oder Teuerung? Oder ist es dasselbe, wie die Artikel allesamt unterstellen? Oder haben wir beides?

Zur ersten Frage: Nein – es ist nicht dasselbe. Preisanstiege infolge Teuerung sind etwas Natürliches im Wechselspiel der Märkte. Sie haben ihren Grund in den Veränderungen von Angebot und Nachfrage. Inflation hingegen ist etwas Unnatürliches: Es sind Preisanstiege, die ihren Grund darin haben, dass der Wert des Geldes abnimmt, weil es mehr (siehe: zu viel) davon gibt.

Wenn der Kaffeepreis steigt, weil in den Kaffee produzierenden Ländern eine Dürre herrscht, dann steigen die Preise für Kaffee aufgrund des Angebotsrückgangs. Dann liegt eine knappheitsbedingte Preissteigerung vor und nicht Inflation. Wenn der Ölpreis steigt, weil die Fördermengen gedrosselt werden oder ein Förderland im Chaos versinkt und nicht mehr fördert, dann ist auch das keine Inflation, sondern eine Teuerung aufgrund der Verknappung des Angebots. Und wenn die Steuern auf Tabak erhöht werden, dann ist auch das keine Inflation, sondern eine räuberische staatliche Verteuerung.

Anders sieht es aus, wenn die Zentralbanken die Geldmenge weit über das Wirtschaftswachstum einer Volkswirtschaft hinaus ausweiten. Also immer mehr Euros oder Schweizer Franken „aus dem Nichts“ schöpfen und in Umlauf bringen, wie dies hier seit bald zehn Jahren der Fall ist. Dann verbilligt sich der Wert eines Euros, und der Bäcker will für ein Brot verständlicherweise mehr Euros, um den gleichen „Gegenwert“ wie zuvor für sein Produkt zu erhalten.

Was liegt heute also vor, wo die Preissteigerung über dem groteskerweise als „Preisstabilität“ bezeichneten EZB-Limit von zwei Prozent liegt? Die Inflations‑/Teuerungsrate sei vor allem dem Ölpreis zu verdanken, heißt es. Liegt hier eine Angebotsknappheit vor? Jein. Laut „Bloomberg“ wurde im Monat August der größte Öl-Output seit Jahren verzeichnet. Die OPEC-Länder pumpten mehr Öl aus dem Boden als je zuvor und konnten den Rückgang der Ölförderung im Iran aufgrund des durch die USA angekündigten Boykotts auffangen. Die Preissteigerung ist also nicht in der aktuellen Angebotsmenge zu verorten. Aber Märkte nehmen künftige Entwicklungen voraus. Und diese lässt sich beim Öl in einem Wort zusammenfassen: Unsicherheit. Über politische Entwicklungen und über die Realisierbarkeit künftiger Produktionssteigerungen. Der Markt fürchtet eine Angebotsstagnation und rechnet diese mögliche Verknappung bereits heute mit in den Preis ein. Hier liegt also auf den ersten Blick eine marktbedingte Teuerung und nicht Inflation vor.

Wie sieht es mit den Lebensmittelpreisen aus, die um rund 2,8 Prozent gestiegen sind? Auch hier ist Unsicherheit gewiss ein Faktor. Es war viel vom „Hitzesommer“ zu lesen in den vergangenen Monaten, und es ist durchaus denkbar, dass auch in der Lebensmittelindustrie eine mögliche zukünftige Knappheit beim einen oder anderen Rohstoff eingepreist wird. Aber das allein ist es sicher nicht. Die Preissteigerungen liegen nicht erst seit gestern im Bereich von zwei Prozent und darüber, sondern seit Monaten. Und das ist ja, wie man allwöchentlich irgendwo lesen kann, gewollt und „gut“. Womit man zur Beantwortung der zweiten Frage kommt: Haben wir beides? Haben wir sowohl Inflation als auch knappheitsbedingte Teuerung? Die Antwort hier ist ein deutliches Ja. Mit Ausnahme des Öls ist der größte Anteil an den Preisanstiegen inflationsbedingt. Die Ursache ist die seit bald zehn Jahren praktizierte „lockere Geldpolitik“ der EZB, die Euros in einem Maß in Umlauf bringt, wie es das noch nie zuvor gegeben hat. Wenn wir also künftig immer mehr zahlen für Lebensmittel, dann bringt es nichts, über Wetter und Witterung zu klagen. Ein herzhaftes „Danke, Staat!“ reicht dann völlig aus.

Und wenn wir schon beim Staat sind, dann ist es an dieser Stelle angebracht, darauf hinzuweisen, wo es bereits heute richtig wehtut in Sachen Preisanstieg und wo es seit Jahren weit über dem Durchschnitt teurer wird. Nämlich dort, wo der Staat „wirtschaftet“ – sprich: selber „fuhrwerkt“ (Staatsbetriebe), mit Staatsgewalt Geld erpresst (Steuern/Abgaben/Gebühren) oder in die Wirtschaft eingreift (Regulierungen).

Seit ich mich vor fünf Jahren im Südwesten Frankreichs niedergelassen habe, ist die Grundsteuer um 25 Prozent angestiegen. In Deutschland hat sich das Porto für einen Standardbrief seit 2012 um 27 Prozent verteuert. Die deutschen Bahnpreise haben sich in der gleichen Zeit um 30 Prozent erhöht. In der Schweiz schlägt dieselbe Periode „nur“ mit einem 15-prozentigen Preisanstieg zu Buche. Da hier aber der Schienenverkehr via Straßenverkehr massiv subventioniert wird (von den staatlichen Milliardenzuschüssen für die SBB-Beamten-Rentenkasse ganz zu schweigen), kann hier nicht von nachhaltigem „Wirtschaften“ gesprochen werden. Die Kosten für die obligatorische Krankenversicherung (Grundversicherung) sind in der Schweiz seit der Einführung des Obligatoriums 1996 um rund 140 Prozent gestiegen. Der Reigen kann fast endlos weitergeführt werden: Abgaben, Steuern und Umlagen auf Strom, Tabaksteuer, Mineralölsteuer, Parkgebühren, Rundfunkbeiträge, Agrarsubventionen. Gemeinsam ist dem bunten Gemisch: Mit marktbedingter Teuerung haben all diese Kostensteigerungen nichts zu tun.

Steigende Preise sind heute größtenteils politisch bedingt. Konsumentenpreise und Alltagskosten sind vergleichsweise stabil. Was steigt, sind Inflation, Abgaben, Steuern, Prämien – all jene Bereiche, in denen der Staat wirtschaftet oder stark interveniert, also die Hauptverantwortung trägt. Wenn sich die Situation für die Konsumenten also verschlechtert, dann ist auch hier ein herzhaftes „Danke, Staat!“ die einzig angebrachte Reaktion. Dies oder – soweit möglich – das Aussteigen aus dem Irrsinn.

Dieser Artikel erschien zuerst auf dem Blog des Autors.


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