14. September 2018

Protest gegen Morde durch Migranten an Deutschen Ontologie des Tötens

Wenn Heinz Ulla absticht, ist das etwas anderes, als wenn Hussain es tut

von Jörg Seidel

Artikelbild
Bildquelle: shutterstock Organisch gewachsen: Unterschiedliche Gesellschaften

Dass Tausende Menschen auf die Straße gehen, wenn Migranten deutsche Bürger töten, hat einen tiefen Grund, den die meisten vermutlich nicht denken und erst recht nicht ausdrücken können, den sie aber – und darauf kommt es an – tief innerlich fühlen. Und solange dieses Gefühl noch funktioniert, hat das Volk in beiderlei Gestalt – als „der Mensch“ im Plural und als historisch-soziales Gefüge – noch eine Seele.

Wenn Heinz seine Ulla absticht, dann liegt ontologisch ein anderer Fall vor, als wenn Ulla von Hussain abgestochen wird. Menschen töten Menschen, seit es Menschen gibt. Sie tun es organisiert – das nennt man Krieg oder Genozid oder Holocaust – oder individuell, von Mensch zu Mensch: Mord und Totschlag. Im ersten Fall kann oft „die“ Geschichte als Erklärung dienen, im zweiten ist es in der Regel „eine“ Geschichte, auch wenn diese nicht selten sichtbar in „die“ Geschichte eingebunden ist. Mit Geschichten, ganz gleich ob „die“ oder „eine“, kann man Dinge erklären, kann man ihnen eine Ursache und einen Sinn zuschreiben, kann man die Kardinalfrage „Warum?“ und manchmal auch die nach dem „Wozu?“ beantworten.

Der Mord an Ulla lässt sich aus einer eigenen, gewissermaßen organisch gewachsenen Geschichte erklären, wenn er von Heinz begangen wurde. Dies ist weit komplizierter, wenn Hussain der Täter ist. Beide Taten sind zu verurteilen, zu bestrafen und zu sühnen, und sie sollten, wenn möglich, verhindert werden. Das mag im Einzelfall funktionieren, im statistischen Mittel aber kaum. Je nach Stufe der gesellschaftlichen Entwicklung, des gesellschaftlichen Zustandes, der herrschenden oder abwesenden Moral, den objektiven Bedingungen also, wird es so und so viele Tötungsdelikte geben, plus/minus einen Zufallskorridor. Ebenso gibt es Trends und Entwicklungen. In der westlichen Welt nahm die Zahl der Gewaltverbrechen in den letzten Jahrzehnten, bis vor kurzem, kontinuierlich ab.

Diese Morde sind normal. Normal nicht im Sinne der Norm, des Anzustrebenden – sie widersprechen der Norm einer zivilisierten Gesellschaft oder sollten dies zumindest tun, aber sie sind normal im Sinne des zu Erwartenden, dessen, was zum Leben einer komplexen Sozietät dazugehört. Es gibt in ihr Konflikte – das ist normal und meist auch gewünscht –, von denen einige wenige zum Tode führen. Sie gehören, mit anderen, philosophischen Worten, zum Seinszustand der Gesellschaft, sie sind Teil der gesellschaftlichen Ontologie. Sie sind es, weil sie normal sind, weil sie organisch aus ihrem inneren Wesen heraus entstehen. Nichts rechtfertigt sie, aber sie sind da, waren es immer und werden es aller Voraussicht nach auch immer sein. Dass Heinz Ulla ersticht, gehört zu uns.

Dass Hussain Ulla ersticht, jedoch nicht. Denn Hussain ist kein genuines, natürliches, organisches Produkt dieser Gesellschaft, er ist nicht in ihr entstanden, nicht in ihr aufgewachsen, hat nicht an ihr partizipiert, ihr nichts gegeben und lange Zeit auch nichts genommen, ihre Werte nicht geteilt, sie nicht mit der Muttermilch aufgenommen.

Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: Keine Gesellschaft ist hermetisch abgeschlossen, noch nicht mal die nordkoreanische oder isländische. Menschliche Gesellschaften haben immer Austausch zu anderen Gesellschaften, mal mehr, mal weniger. Ja, sie benötigen den Austausch sogar, denn ein moderater Austausch funktioniert wie ein Immunsystem, besser ein evolutionäres Immunsystem. Der moderate Austausch garantiert die Stärkung der Abwehrkräfte auf der einen Seite, aber er garantiert auch genügend kulturellen und durchaus auch genetischen Einfluss, um Verkrustungen zu vermeiden, um neue „Mutationen“ zu ermöglichen. Intelligente Systeme lernen vom Fremden oder verarbeiten es, sofern sie es verkraften können, sie fördern und steuern es – das Fremde und das Lernen – sogar. Es wird organisch ins System aufgenommen, quasi verdaut, bringt das System weiter, macht es flexibler.

Ist dieser Einfluss jedoch zu stark oder zu plötzlich, dann droht er das System oder die Gesellschaft zu sprengen. Gesellschaften können, wenn sie dysfunktional werden, solche Explosionen auch aus sich selber, also quasi-organisch, hervorbringen – zum Beispiel Kriege, Pogrome, Völkermorde und so weiter –, das wollen wir nicht vergessen. Oftmals liegen diesen Ereignissen frühere Einbrüche größeren Ausmaßes oder unverdaute Einverleibungen zugrunde.

Es geht also um das Maß. Man verlange nun keine Zahl, was das Maß sei. Wenn in Potsdam der Hugenotte Henry seine Ulla erstochen hat, so dürfte das kaum als ontologischer Fehler empfunden worden sein, umso mehr, da Henry vielleicht ein erfolgreicher Handschuhmachermeister gewesen ist. Wenn heute Heinz seine Ulla in Köthen ersticht, dann ist die Stadt schockiert, aber niemand geht deswegen auf die Straße. Weil dieser Mord, so bedauerlich er ist, sich organisch einfügt, er hat eine Geschichte, die sich rekonstruieren lässt und deren Gesetzmäßigkeiten zum großen Ganzen, zu „der“ Geschichte gehören.

Anders sieht es aus, wenn ein Hussain in Köthen eine Ulla ersticht. Selbst wenn er eine Umme erstäche, so würde das keine größere Aufmerksamkeit bekommen, denn die Köthener sähen weder in ihm noch in ihr einen von ihnen. Sie gehören zu einem anderen ontologischen Bereich. Aber Hussain und Ulla, das ist eine gravierende Verletzung der ontologischen Grenze, denn Hussain gehört (noch) nicht dazu, aber Ulla über viele Generationen.

Der Eintritt von Millionen Menschen eines anderen ontologischen Systems in kürzester Zeit in „unser“ ontologisches System stellt eine unglaubliche Erschütterung dar. Daraus sich ergebende Tragödien werden, sofern sie Opfer des „unsrigen“ Systems bedeuten, sehr empfindlich gespürt, denn sie sind nicht organisch gewachsen, sie haben keine „eine“ Geschichte, die lange zurückreicht, und sie hätten – auch statistisch – nicht sein müssen, mehr noch, es hätte sie gar nicht gegeben. Deshalb die zahlreichen Schildchen an den Orten der Tat mit der hilflosen Aufschrift: „Warum?“ Es ist der berechtigte, wenn auch unreflektierte und unbeantwortbare Ruf nach „einer“ Geschichte, die in „die“ Geschichte passt.

Und das spüren die Menschen, das „Volk“, das einige nun „Mob“ nennen. Sie spüren, dass etwas nicht stimmt, ganz fundamental nicht stimmt, dass etwas nicht sein kann – das Tausendfache: „Das kann doch nicht sein!“ –, sie fühlen den ontologischen Unterschied.

Dieser Artikel erschien zuerst auf „Seidwalk“.


Artikel bewerten

Artikel teilen

Facebook Icon Twitter Icon VZ Icon del.icio.us Logo Reddit Logo

Anzeigen

Kommentare

Die Kommentarfunktion (lesen und schreiben) steht exklusiv Abonnenten der Zeitschrift „eigentümlich frei“ zur Verfügung.

Wenn Sie Abonnent sind und bereits ein Benutzerkonto haben, melden Sie sich bitte an. Wenn Sie noch kein Benutzerkonto haben, nutzen Sie bitte das Registrierungsformular für Abonnenten.

Mit einem ef-Abonnement erhalten Sie zehn Mal im Jahr eine Zeitschrift (print und/oder elektronisch), die anders ist als andere. Dazu können Sie dann auch viele andere exklusive Inhalte lesen und kommentieren.

drucken

Dossier: Kulturelles

Mehr von Jörg Seidel

Über Jörg Seidel

Anzeige

ef-Einkaufspartner

Unterstützen Sie ef-online, indem Sie Ihren Amazon-Einkauf durch einen Klick auf diesen Linkstarten, oder auf ein Angebot in der unteren Box. Das kostet Sie nichts zusätzlich und hilft uns beim weiteren Ausbau des Angebots.

Anzeige